Gerne Platz genommen: Andrea Hillebrecht-Schulte (Museumverein, li.) mit der Familie Stelzer (Ellen, Simone, Dirk, Gerd) auf dem Möbel des Jahres, dem Rundbett der Firma Stelzer.
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Gerne Platz genommen: Andrea Hillebrecht-Schulte (Museumverein, li.) mit der Familie Stelzer (Ellen, Simone, Dirk, Gerd) auf dem Möbel des Jahres, dem Rundbett der Firma Stelzer.

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Kelkheim: Vom Marketing-Gag zum Verkaufs-Schlager

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Rundbett der Firma Stelzer ist "Möbel des Jahres". Lieferung erfolgte sogar in den Orient und ins Rotlicht-Milieu.

Kelkheim. Gut 15 Jahre hatte Gerd Stelzer mit seiner Frau eine besondere nächtliche Ruhestätte: Das Bett der Familie war nicht eckig, sondern rund. 2,20 Meter im Durchmesser, so dass sich darauf gut schlafen ließ, wie der Senior-Chef der Möbelfirma Stelzer gerne erzählt. Erinnerungen werden für ihn viele wach, denn eines der berühmten Rundbetten von "Kelkheims erstem Möbelhaus" ist jetzt im Museum für Möbelhandwerk und Stadtgeschichte zu sehen. Es wurde dort zum "Möbel des Jahres" auserkoren. Mit dem Anbauteil, der grünen Tagesdecke und den Requisiten aus den 50er und 60er Jahren ist es ein Hingucker im Raum - schon weil es durch seine stattliche Größe einen guten Teil der "Straße der Möbel" einnimmt.

2019 entdeckten die fleißigen Kräfte vom Museumsverein das zerlegte Bett auf dem Dachboden. "Das war ein bisschen oll", erinnert sich die Zweite Vorsitzende Andrea Hillebrecht-Schulte. Doch die Idee, es auszustellen, folgte schnell - und sie übernahm die Projektleitung. Bei Möbel Stelzer habe sie "offene Türen eingerammt". So wurde der Speicher-Fund in die Werkstatt der Stelzers gebracht und dort aufgearbeitet. Sogar eine Original-Matratze und eine schicke Tagesdecke ließ die Firma herstellen. Nun wurde für Hillebrecht-Schulte eine "Kindheitserinnerung" an das Rundbett von Stelzer wieder wach.

Bürgermeister Albrecht Kündiger geht es ebenso. Er habe das Stück bei den Möbelausstellungen bewundert und überlegt, "wie man auf so einem Bett denn wohl schlafen würde". Dieses Bett sei ein Symbol für die Blütezeit der Kelkheimer Möbelhauser, von denen es neben Stelzer heute nur noch wenige gebe, bedauert Kündiger. Es gelte, mit Aktionen wie diesen, wenigstens die Erinnerungen daran wach zu halten.

Idee: Produktion wieder aufnehmen

Firmenchef Dirk Stelzer denkt gerne zurück. An seinen Onkel Franz Kraemer, der das Rundbett 1956 als "Marketing-Gag" für die Möbelausstellungen erfunden habe. Von Konkurrenten sei die Firma teilweise belächelt worden. Sogar vom Fernsehen: In einem HR-Beitrag wird das Rundbett gezeigt. "Ein rundes Bett, das notfalls halbiert werden kann. Man fragt sich nur: Warum?", sagt der Sprecher. Stelzers nehmen das mit Humor. Denn ihr Bett brachte ihnen positives Medieninteresse. Prospekte warben mit knalligen Farben und Slogans wie "Ein runde Sache" oder "Schlafend Platz sparen", Schauspieler posierten sich in Filmen. Was folgte, war ein guter Absatz: Rund 1000 Stück seien vor allem in Deutschland, aber auch bis in den Orient, verkauft worden. Wenige Exemplare ins Rotlicht-Milieu in Frankfurt, erinnert sich Gerd Stelzer und weiß genau den Anfangspreis: 1688 Mark. Im Museum ist eine Rechnung von 1990 zu sehen, wo es mit dem Anbau 8690 Mark kostet. Besondere Lacke oder Holzarten erhöhen den Preis. Der Aufwand indes war auch hoch: Erfinder Kraemer fand erst nach vielen Recherchen einen Metallbauer in Schifferstadt, der ihm mit einer Biegemaschine die Teile fürs Gestell lieferte. Den Holzumbau mit Ablagen und Stauraum fertigen die Kollegen in Kelkheim anhand von Schablonen, die bis vor kurzem noch in der Werkstatt hingen. Vielleicht kommen sie noch einmal zum Vorschein. Denn Trends aus den 50er, 60er-Jahren erlebten durchaus ein "Revival", so Dirk Stelzer. Warum sollte er nicht das Rundbett bei Interesse noch einmal auflegen? "Wir wären gerne bereit, es wieder aufleben zu lassen und eventuell dabei etwas moderner zu gestalten."

Erst Musterschutz, dann viele Nachahmer

In jedem Fall soll das Exemplar nach der Jahrespräsentation im Museum in Stelzers Schaufenster mal einen Ehrenplatz bekommen. Der Junior-Chef weiß: Selbst Hugh Hefner, Gründer des Männermagazins "Playboy", habe sich auf einem Rundbett ablichten lassen. Ob es aus Kelkheim war, ließ sich nicht herausfinden. Stelzers waren zwar die ersten mit diesem Artikel auf dem Markt. Doch der Musterschutz dafür lief 1988 aus, und dann bauten andere Hersteller das Möbel nach.

Im Vorjahr feierte Möbel Stelzer den 100. Geburtstag. Metallbauer Jean und Holzkaufmann Willi Stelzer gründeten die Firma gemeinsam. Willis Tochter Ellen übernahm mit Ehemann Franz Kraemer, dem Erfinder des Rundbettes. Von 1967 bis 2009 führte Seniorchef Gerd Stelzer das Haus, seit 2010 ist Sohn Dirk als Geschäftsführer mit im Boot. Er ist auch treibende Kraft der Gruppe "Möbler" im Gewerbeverein und legt im Unternehmen viel Wert auf Individualität und Innovation. Mit den großen Häusern könne Stelzer nicht "mitschwimmen". Die meisten Kunden der 2000 Quadratmeter großen Möbelhauses an der Bahnstraße kommen aus Kelkheim, auch einige internationale Aufträge gibt es.

Derzeit öffnet das Museum an der Frankfurter Straße wegen der Corona-Einschränkungen nur sonntags von 15 bis 17 Uhr. Doch mit der Präsentation des Rundbettes sowie zwei weiterer Betten aus dem Jugendstil und der Gründerzeit erhofft sich der Museumsverein nun schon mehr Besucher. Wobei aktuell nur fünf Personen gleichzeitig in die Räume dürfen. Deshalb bietet der Verein auf Anfrage etwa unter info@museum-kelkheim.de bei Bedarf auch separate Termine an. Zudem soll das Museum nach den Sommerferien wieder wie gewohnt am Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr öffnen. Im neu sortierten und organisierten digitalen Bildarchiv sind auch Fotos der Möbelfirma Stelzer zu sehen.

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