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Kelkheim: 3 Millionen Masken - aber kein öffentlicher Auftrag

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Von: Esther Fuchs

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Guido Kerber zeigt der Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche die Maskenproduktion seiner Firma in Münster. Er kämpft gegen die Billg-Importe aus Asien.
Guido Kerber zeigt der Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche die Maskenproduktion seiner Firma in Münster. Er kämpft gegen die Billg-Importe aus Asien. © efx

Heimischer Produzent ärgert sich über Vergabe-Politik - Bundestagsabgeordnete könnte weiterhelfen.

Münster. Sie waren die Retter in der Not. Die Pandemie überraschte die ganze Welt. Auch in Deutschland herrschte Maskenknappheit. Aus Asien kam kein Nachschub. Die Politik bat deutsche Unternehmen, mit Subventionen in das Maskengeschäft einzusteigen. Auch die Kelkheimer Firma Kerber & Lampe stieg damals mit.

Über zwei Jahre später fühlen sich die deutschen Maskenhersteller im Stich gelassen. In Kelkheim besuchte Bundestagsmitglied Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) jetzt die Firma Kerber & Lampe. Auch Geschäftsführer Guido Kerber investierte damals in seinen Maskenmaschinenpark. Er ist Mitglied im Maskenverband Deutschland und lud in Vertretung des Verbands die Bundespolitikerin zusammen mit Kelkheimer Politikern ein. Bürgermeister Albrecht Kündiger, Stadtrat Wolf-Dieter Hasler, beide UKW, sowie der Vorstand des Ortsverbands Kelkheimer Grüne, Gianina Zimmermann und Marcus Schmitt, trafen bei ihm an der Benzstraße in Münster ein.

Verband sorgt sich um 400 Arbeitsplätze

Denn Kerber hat ein Anliegen, bei dem ihm die Politik helfen könnte. Der Münsterer und die anderen deutschen Produzenten appellieren in Sachen Maskenherstellung, heimische Produktionsstätten und über 4000 geschaffene Arbeitsplätze nicht zu vergessen. Derzeit zählt bei Ausschreibungen nur der Preis als einziges Entscheidungskriterium. Deutsche Produkte haben höhere Produktions-, Material- und Personalkosten als asiatische und scheiden daher bei Aufträgen leider zu oft aus. Die Eschbornerin Schulz-Asche ist Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages und könnte bei künftigen Entscheidungen eine wichtige Rolle einnehmen.

"Schon 2021 zeichneten sich die Entwicklungen ab", berichtete Kerber. Die Vergabe von Aufträgen an deutsche Anbieter stockte. Die Firma aus Münster erhielt bis heute keinen öffentlichen Zuschlag - weder von Bund, Land, Kommunen, noch von Krankenhäusern, Polizeidienststellen oder Feuerwehren. Lediglich die Kassenzahnärztliche Vereinigung beauftragte die Firma ohne Ausschreibung. An private Personen und Unternehmen wurden von Kerber seit Produktionsstart im Juni 2020 knapp 3 Millionen medizinische OP-Masken und Behelfsmasken verkauft.

Der Maskenverband Deutschland hofft nun auf Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern. Das Treffen in Münster war hier ein wichtiger Anfang. "Wir wünschen uns ein Umdenken der Bundesregierung, der Länder, Kommunen und der Gesundheitsversorgung, wie beispielsweise der Krankenhäuser", so Kerber.

Er blickt zum europäischen Nachbarn Frankreich, der bereits handelt. Der "französischen Weg" würde auch deutschen Unternehmen helfen. "Der Preis darf nicht das entscheidende Kriterium bei der Vergabe von Aufträgen sein", fordert Kerber und traf beim Ortstermin auf Verständnis der anwesenden Politiker. Die aktuelle schwierige Lage will der Kelkheimer als Innovationstreiber im Bereich medizinischer Masken abwehren. Sein Unternehmen setzt sich hier von asiatischen Produkten ab. Kerber & Lampe bietet Mund-Nasenbedeckungen, die nicht nur 100 Prozent "made in Germany" sind. Auch Vliesstoffe und Schutzfilter kommen aus deutscher Produktion. Die Masken seien geruchlos und hätten einen bei fast null liegenden CO2-Fußabdruck, betont Kerber. Mit seinem Hauptvliesstoff-Lieferanten hat das Unternehmen nun speziell beschichtete Vliese konzipiert, die nach seinen Angaben ein Novum am Markt seien. Eine "Revolution" sei der neue "Viru-fil"-Vliesstoff. Das rein biologische Material, das als Vordervlies auf der Maske eingearbeitet wird, basiere auf einem Wirkstoff, der auch in menschlichen Zellen vorkommt und im Vergleich zu anderen Stoffen wie Silber- oder Kupfer-Ionen nicht krebserregend und unschädlich für den Körper sei, erläuterte Kerber. "Viru-fil" wirke ohne Einwirkzeit und zerstört die äußere Virushülle. Für empfindliche Haut bietet das Unternehmen zudem Vliesmasken mit hautpflegenden Substanzen an, die die Mund-Nasenpartie schützen und Hautunreinheiten mindern.

Franzosen: Qualität und Soziales zählen

Für den Weg aus der Abhängigkeit könnte sich Deutschland am französischen Nachbarland orientieren, so Kerber für den Maskenverband. Das Pariser Gesundheitsministerium hat im Dezember 2021 alle nachgeordneten Behörden und Departements verpflichtet, den Preis bei einer Vergabe mit nur noch 25 Prozent zu werten, dagegen Lieferketten, umweltbezogene und soziale Aspekte sowie Qualität mit 75 Prozent. Auch qualitätssteigernde Innovationen, wie eben "Viru-fil", könnten bei Ausschreibungskriterien eine Rolle spielen. Dass eine Rundverfügung nach französischem Vorbild im föderalistischen Deutschland nicht möglich ist, wissen Kerber und die anderen Produzenten. Sie wünschen sich jedoch, dass Vergabestellen nicht allein den Preis als Vergabekriterium bewerten.

Die Kelkheimer Politiker wollen das Thema in der nächsten Magistratssitzung erörtern. Kordula Schulz Asche nahm die Informationen nach Berlin mit. Aber auch sie hob bereits die Qualitätsstandards an wichtiges Kriterium hervor. Unternehmen und Privatpersonen werden die Masken-Nachfrage einstellen, so Kerber. Der Bund sollte jedoch für neue Krisen gewappnet und hier nicht von Asien abhängig sein.

Im Maskenverband Deutschland sind 75 deutsche Unternehmen organisiert. Die Firma Kerber & Lampe ist eines davon. Den Betrieb gibt es seit Jahrzehnten. 1965 produzierte er noch keine Masken, sondern Maschinen für die Lederindustrie. Der Niedergang des deutschen Gerbereiwesens bedeutete die Schließung der Produktion des Betriebs. Als Besitzgesellschaft blieb Kerber & Lampe bestehen. Im April 2020 änderten die Kelkheimer den Firmenzweck, stellen nun medizinische und nicht-medizinische Produkte her.

Sie produzieren in Deutschland und nutzen dafür nur Vorprodukte aus Deutschland und Europa. Die Branche ist bei einer gesamten Produktionskapazität von 4,12 Milliarden nur zu 20 Prozent ausgelastet. Die ursprüngliche 90 Millionen Euro-Förderung des Bundes stockten die Produzenten mit Investitionen auf 210 Millionen auf, und schufen in der Krise die notwendigen Kapazitäten.

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