Verträumter Blick vor den Rosen: Uta Franck freut sich über ihren neuen Gedichtband.
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Verträumter Blick vor den Rosen: Uta Franck freut sich über ihren neuen Gedichtband.

Kultur:

Kelkheim: Nach 40 Autoren-Jahren den Olymp erklommen

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Auch ohne Komma im Text: Uta Franck freut sich über renommierten Verlag für ihren neuen Gedichtband.

Kelkheim. "Verstiegen dachte ich - Worte waren Musik - und ich kein Schauspieler mehr". "Rupfen - Fegen - Schmücken - Streicheln: Für ein Gramm Poesie." Zwei kurze Gedichte aus der Feder einer bekannten Kelkheimerin, die ihre Leidenschaft gut ausdrücken. Autorin Uta Franck wollte zu Beginn ihrer Karriere in Versen eine "Landschaft, eine Stimmung festhalten, mit Worten festnageln". Später aber sei die Lust dazugekommen, "mit Worten zu spielen, zu experimentieren". Und sie hält es mit dem Satz von Autor Reiner Kunze: "Mein Gedicht ist mein Blindenstock, mit dem ich die Welt ertaste."

Von der Nordseeküste in den Lehrer-Beruf

Das tut Uta Franck schon lange, ziemlich genau 40 Jahre. Und doch verblüfft die Kelkheimerin, die an der Westküste Schleswig-Holsteins aufwuchs, Biografie, Geografie und Germanistik studierte und gut 30 Jahre als Lehrerin am Privatgymnasium Dr. Richter arbeitete, mit einem aktuellen Satz: "Ich bin endgültig bei den richtigen Autoren angekommen." Damit meint sie jetzt die Veröffentlichung ihres Gedichtbandes mit dem Titel "Lerne mich selbst nicht allzu sehr auswendig", der im Verlag Ralf Liebe erschienen ist. Hier habe sie ihre Verse unterbringen können, ohne dass sie selbst als Autorin finanziell etwas habe beisteuern müssen. Das sei in der langen Karriere nicht immer so gewesen. Zunächst war Franck in die Gedicht-Anthologie "Versnetze_13" aufgenommen worden. Und habe über diese "Eintrittskarte" in diesem Verlag jetzt die Chance erhalten.

Die Bandbreite auf den 124 Seiten ist dabei groß. Sie reicht von Zeilen über das Schreiben bis zu Versen über den Tod. Lustiges ist dabei - so wie die Hommage an die Kelkheimer Autorengruppe, die sie vor 31 Jahren mitgegründet und geleitet hat. Hier habe sie in Erinnerung an ein Treffen einfach mit Worten gespielt. "Sechs Giraffen Gottseibeiuns gaffen paffen wie die Pfaffen", heißt es dort. Daran ist zu sehen: Ein Komma im Text mag Uta Franck nicht, "weil es zu stark trennt". Groß- und Kleinschreibung sind ihr hingegen wichtig, "weil es das Verständnis des Textes erleichtert".

Den Titel ihres Buches hat die 77-Jährige bewusst gewählt. "Menschen, die sich nur mit sich selbst beschäftigen, finde ich schrecklich", sagt sie. Jeder sollte zwischen Egoismus und Solidarität "die Balance halten". Uta Franck praktiziert es, viele Texte in der Ich-Form seien gar nicht über sie. Zudem hat sie Verse der Familie und Freunden gewidmet. Etwa der verstorbenen Kelkheimer Künstlerin Rosemarie Philippbar, die im Hause Franck lebte und über die sie in der "Liebeserklärung" schreibt: "Sonntagmorgen - die Haustür geht auf - ich höre etwas die Stufen hochschnaufen - Holz wird präpariert - Vogelsand gemischt - das Bild fixiert - es stinkt im Treppenhaus - ich reiße ein Fenster im Bad auf."

Ihrem Mentor Karl Krolow widmet sie die Zeilen mit dem Titel "Augenblick". Und beginnt dort so: "Scheu kam ich an und sehr verletzt - ich hörte zu er sprach von sich - Ich spürte sein Wohlwollen jetzt - und ich vergaß die Angst um mich." Und schließt mit dem Satz: "Wir wollten füreinander taugen." An ihren Vater, der zwölf Tage vor ihrer Geburt im Kessel von Demjansk südlich von St. Petersburg fiel, erinnert sie. "Hitler verbot das Ausschwärmen genauso wie in Stalingrad", fügt sie als finalen Satz bitter an. Stolz hingegen schreibt sie über einen ihrer Söhne, der in Berlin in einer Firma die ersten Corona-Tests entwickelt hat. Der es geschafft habe, vom Zimmer als Untermieter über die Männer-WG bis zur Villa in Zehlendorf. Persönlich werden die Gedanken an den jüngeren Sohn: "Früher habe ich dich in den Armen gehalten - Jetzt fasst du meine Hand - lächelst mich an - gibst mir Ruhe."

So lässt sich die Reihe der Widmungen und Gedichte zu Themen oder einfach wilden Gedanken beliebig fortsetzen. Die klassischen Reime wähle sie selten, wichtig sei ihr die passende Sprache. Sie schreibe in erster Linie für sich, freue sich aber über Antworten der Leser und Zuhörer. Denn Uta Franck weiß: "Ich glaube, dass das, was ich in meinen Gedichten ausspreche, anderen Menschen nicht fremd ist."

Sie möchte etwas kürzer treten

Und doch denkt die Autorin inzwischen daran, etwas kürzer zu treten. Der Gedichtband ist bereits das stolze 18. Buch in den gut vier Jahrzehnten. Mit Versen fing es auch an, zwischendurch machte sich Uta Franck einen Namen als Märchen-Schriftstellerin. Sehr bekannt ist ihr im Societäts-Verlag erschienenes Buch "Sagenhafter Main-Taunus" mit besonderen Geschichten aus der Region. Eine Chronik der Kelkheimer Autorengruppe soll ihr nächstes Projekt werden, kündigt sie an.

Dass es inzwischen deutlich mehr Schriftsteller gibt und sich viele dazu berufen fühlen - die erfahrene Frau sieht es mit gemischten Gefühlen. "Das ist ein bisschen inflationär geworden." Und werte somit die Zunft ein wenig ab. Auf der anderen Seite sagt Uta Franck, die Freundin geschliffener, gefühlvoller Worte, aber: "Es ist eigentlich gut, dass so viele schreiben."

Das neue Buch

Uta Francks neuer Gedichtband ist im Verlag Ralf Liebe aus Weilerswist erschienen. Das Buch kostet 20 Euro und ist direkt über den Verlag oder auf Anfrage bei Uta Franck, Telefon (0 61 95) 6 51 53, zu bekommen.

Das Gedicht "Flucht aus Syrien" hat Uta Franck "für einen Unbekannten" geschrieben. Mit ihrer Genehmigung drucken wir es ab:

Alles verlassen

die Wohnung

das Zimmer

das Bett und den Tisch

Nie wieder die Liebsten sehen

Oma und Opa

Cousins und Cousinen

Freunde die Nachbarn

In den Rucksack

Wäsche Schlafanzug und T-Shirts

Wechseljeans

ein Paar Schuhe Socken

Waschlappen Zahnbürste

Das Handy kommt mit

und ein Buch

einstürzende Häuser

brennende Straßen

ich folge Vater und Mutter

Keine Toten mehr sehen

keine Bomben und Giftgas

ob die Helfer uns retten?

die Zukunft ungewiss

Zehn Jahre später

Ohne Eltern

in einer Wohnung

ein Zimmer

ein Bett und ein Tisch

Meine Liebsten habe ich

nicht wieder gesehen

Ich gehe zur Schule

habe Klamotten

ein Handy ein Buch

Immer noch hör ich die Bomben

sehe die Flammen

ertrinke im Meer

schrei voller Angst

im Dunkel der Nacht

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