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Der junge Kelkheimer als Helfer bei den Ferienspielen.

Bergbahnunglück:

Kelkheim: "Er hat Kaprun geliebt, dort ist er gestorben"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Vor 20 Jahren starb der Kelkheimer Radomir Pavlovic bei einer Katastrophe in Österreich.

Kelkheim. "Überall, wo er hinkam, war die Welt offen für ihn." Das sagt Ruzica Emrich-Pavlovic über ihren Sohn Radomir. In Kelkheim war der junge Mann, der von allen nur Rado gerufen wurde, bestens bekannt. Er ging hier zur Schule, machte als Betreuer und später Teamleiter bei den Ferienspielen mit, engagierte sich für die DLRG, für die er auch Einsätze an der See machte. Rado organisierte Jugendreisen, war mit in der Partnerstadt High Wycombe. Er war ein leidenschaftlicher Tänzer, organisierte mal einen verrückten Walzer-Tanz im Schwimmbecken des Rebstockbades, machte bei der Kelkheimer Fastnacht mit und hatte mit seinem Studium für Mathe und Sport einen guten Weg eingeschlagen. Denn der 23-Jährige wollte Lehrer werden. "Ich weiß gar nicht, woher er diese Kräfte genommen hat", sagt die Mutter.

155 sterben - "keiner soll schuld sein?"

Ruzica Emrich-Pavlovic kommen in ihrer Wohnung wieder die Tränen. So wie mehrmals an diesem Vormittag, als sie dem Reporter noch einmal ihre schreckliche Geschichte erzählt. Wie so oft in den vergangenen 20 Jahren. So lange ist es auf den Tag genau her, dass ihr geliebter Sohn Rado starb. Ein Unglück beendete das kraftvolle, fröhliche Leben des jungen Kelkheimers. Er war eines von 155 Opfern beim Brand in der Gletscherbahn von Kaprun (siehe Text unten). Radomir Pavlovic war in einer Werbekampagne für VW tätig. Das Unternehmen hatte ihn bei der Autoausstellung IAA bei einem Nebenjob angesprochen. Schon mehrfach war der junge Mann in dieser Funktion im österreichischen Touristenort.

"Er hat Kaprun geliebt. Dort ist er gestorben", sagt die 69-Jährige und ringt wieder nach Fassung. Aber sie ist stark, zeigt die Fotoalben mit den vielen Bildern eines aktiven jungen Mannes. Und die Zeitungsausschnitte mit Berichten vom Prozess nach dem Unglück. Ihre Tochter Gordana hat die Sache von Anfang an mit begleitet, saß mit einem Foto des Bruders um den Hals im Saal. Die Mutter schaffte das nicht, hatte aber die Kraft, zur Urteilsverkündung zu kommen: Freispruch für alle 16 Angeklagten. "Da sterben 155 Menschen - und keiner soll schuld sein?" Diese Frage stellt sie sich noch heute. "Ich bin so wütend." So sei der Heizlüfter, der Auslöser für den Brand war, nur fürs Bad geeignet gewesen, sagt sie. Da hätten die Bahnbetreiber dann versucht, das den deutschen Herstellern "noch in die Schuhe zu schieben", ärgert sich Ruzica Emrich-Pavlovic. Abgeschlossen werden die Hintergründe für sie nie sein. Doch noch einmal dagegen angehen - auch das wird die Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien nicht.

Die Diplom-Innenarchitektin wollte 1971 für ein Praktikum nach Deutschland kommen - und blieb. Sie gründete eine Familie mit zwei Kindern, die sie später nach der Trennung alleine erzog. Das neue Glück schien perfekt, als sie am 3. November 2000 wieder heiratete. Gleich danach ging sie in eine Reha. Bei einem Stadtrundgang am 11. November habe sie "auf einmal gespürt, dass ich so schwer bin". Es müsse so um die Zeit gewesen sein, als ihr Sohn in Österreich starb. Rado Pavlovic hatte seinen Sonnenschutz vergessen und sprang kurz nach 9 Uhr im letzten Moment noch in die Unglücks-Bahn. Vier Minuten später kam es zur Katastrophe. Der junge Kelkheimer starb im Zug an einer Rauchvergiftung.

"Es brennt immer ein Lichtlein"

Die Mutter hatte abends in der Reha den folgenschweren Anruf erhalten. Sie habe im Zug nach Kaprun die ganze Fahrt geweint. Auch wenn sie den Tod des Sohnes nicht wahrhaben wollte, der sei doch so stark gewesen, habe allen immer geholfen. In Kaprun waren zwar Psychologen zur Betreuung, aber so richtig gekümmert habe sich keiner, erinnert sich die Mutter, die inzwischen in Marxheim wohnt. In den ersten sechs Jahren war sie immer in Kaprun, eine Gedenkstätte mit den Namen aller Opfer gibt es dort inzwischen. Das sei angemessen, findet Ruzica Emrich-Pavlovic.

Ihren Sohn hat sie damals nicht mehr gesehen, aber den Mut gehabt, sich Fotos später anzuschauen. "Als wäre er eingeschlafen." Kraft schöpft die Mutter aus vielen Dingen. Vor allem ist da die Familie der Tochter mit den drei Enkeln im Alter von 5, 11 und 12 Jahren. Sie geben Halt und Unterstützung. Beeindruckt ist Ruzica Emrich-Pavlovic, die malt, mit Ton arbeitet und lange eine Trauergruppe besuchte, auch über den Zusammenhalt von Rados Freunden. Zum 20. Jahrestag haben sie ein Video über ihn gedreht. Und am Grab in Wiesbaden, wohin die Mutter damals mit ihrem neuen Mann für kurze Zeit zog, treffen sich jährlich am 11. November um 9.08 Uhr viele Weggefährten. In diesem Jahr wollte Ruzica Emrich-Pavlovic nach Kaprun fahren, doch wegen Corona ist das nicht möglich. Eine Erinnerungsanzeige in einem Kelkheimer Blatt hat sie mit der Tochter traditionell vor wenigen Tagen wieder geschaltet.

"Die Liebe und Sehnsucht nach diesem jungen Mann ist so groß, dass ich es kaum aushalten kann", offenbart sie ihre Gefühle. Um das zu hinterfragen, habe sie etwas Psychologie studiert. Sie weiß: Ihr Leben sei zwar "ausgefüllt mit Trauer", aber schon auch in Ordnung. Sie blickt 20 Jahre nach dem Unglück danach voraus: "Es brennt immer irgendwo ein Lichtlein."

Bergungsarbeiter an der verbrannten Tunnel-Gletscherbahn.
Ruzica Emrich-Pavlovic schaut in die alten Unterlagen.

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