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Kelkheims Rathaus mit dem Gartensaal leuchtete am Dienstagabend orange.

Aktion:

Kelkheim: "Gewalt kennt keine sozialen Schichten"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Auch in Kelkheim und Liederbach leuchten Rathäuser orange für besseren Schutz der Frauen

Kelkheim. Am Abend und in der Nacht zum Mittwoch wirkte das Rathaus wie ein großes Mahnmal. 50 Strahler der Kelkheimer Firma "W & S Sound & Light" tauchten das sonst eher funktionale weiße Verwaltungsgebäude in ein warmes Orange. Viele Spaziergänger werden einen Blick darauf geworfen, viele Autofahrer das Tempo noch mehr gedrosselt haben. Und das wiederum freut die Initiatoren: Denn das Rathaus in Orange soll aufmerksam machen, wachrütteln, sensibilisieren. Dafür, dass in Deutschland statistisch alle 45 Minuten einer Frau oder einem Mädchen Gewalt angetan wird. Dafür, dass jede dritte Frau davon betroffen ist. Und dafür, dass es 2019 sogar 117 Femizide gab, also die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

"Das Thema ist allgegenwärtig, auch hier im Main-Taunus-Kreis, auch mit in unserem Ort", macht Bürgermeister Albrecht Kündiger deutlich und räumt ein: "Gelegentlich erwischt man sich vielleicht selbst, dass man wegsieht." Die Gewalt an Frauen nehme aber zu. Und deshalb habe er nicht gezögert, die Beleuchtungs-Aktion zum 1981 eingeführten Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen zu genehmigen. Und wenn es nur helfe, etwas mehr auf das Thema aufmerksam zu machen, sagt Kündiger. Auch in Liederbach leuchtete das Rathaus dann einen Tag später orange.

Initiiert wurde die Aktion vom neuen Zonta-Club im MTK, für den Verena Groß aus Fischbach und Ariane ten Hagen aus Eppstein die Illumination verfolgen. Sie berichten vom Projekt "Maske 19", das von Gewalt betroffenen Frauen helfen könnte. Sie müssten dieses Codewort in Arztpraxen und Apotheken sagen, dann böte sich ihnen sofort ein geschützter Raum. Das Projekt soll auch auf Kelkheim ausgeweitet werden, kündigen die Zonta-Damen an. Der Club besteht aus engagierten Frauen, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen.

Mona Stöhr wird die Aktion gerne sehen. Sie ist seit 2011 externe Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Früher hat sie Jugendarbeit hier gemacht, nun setzt sie sich vor allem für Mädchen und Frauen ein. Wobei sie betont, dass Männer mit ihren Themen ebenso willkommen seien. Nur sei da die Resonanz sehr gering. Insgesamt seien allerdings das Interesse und die Nachfrage in der Möbelstadt schon hoch, weiß Stöhr.

Genaue Zahlen hat sie zwar nicht, doch für ihre Workshops und Seminare gebe es mitunter Wartelisten, sagt die Gleichstellungsbeauftragte, die sich vor allem als "Vermittlerin" sieht. Sie sei nicht die Fachstelle und verweist beim Thema Gewalt an den Verein "Frauen helfen Frauen" im MTK. Sie könne aber für Kollegen und andere Institutionen da sein. Stöhr bietet den Menschen erst einmal "Raum zu reden, was sie mir anvertrauen möchten". Es sei bei privaten Dingen die Hemmschwelle natürlich da. Dann könne sie Hilfestellung geben.

Es sei schon vorgekommen, dass sie eine verzweifelte Bürgerin direkt ins Frauenhaus gefahren habe. Das sei aber eine Ausnahme, so Stöhr. Meist gehe es um Themen wie Scheidung und den Umgang mit den Kindern. Und natürlich traurigerweise die Gewalt. Das habe in Zeiten von Corona zugenommen, auch zuvor seien die Zahlen im Kelkheim-Vergleich schon steigend gewesen. Aktuell seien die Familien zu Hause, auf engem Raum zusammen. Hinzu komme eine große Unsicherheit, auch finanziell, weiß Stöhr um viele Dinge aus der Corona-Krise, die Gewalt eher fördern. Und sie weiß auch: "Gewalt kennt keine kulturellen und sozialen Schichten." Sie sei in allen Schichten, Altersklassen und Nationalitäten gegenwärtig.

Was tun? Die Aktion am Rathaus sei eine gute Sache. Stöhr rät: "Augen und Ohren offen halten." Sie will immer wieder darauf aufmerksam machen. So in der Mädchenarbeit der Stadt, wo zuletzt Informations-Tüten mit dem Spruch "Gewalt kommt mir nicht in die Tüte" zusammengestellt und über das Thema gesprochen wurde. Sie sollten eigentlich auf dem Wochenmarkt verteilt werden, sind wegen Corona nun aber im Rathaus zu bekommen.

Sprechzeit und ein Hilfetelefon

Für Fragen steht Stöhr mittwochs von 9 bis 12 Uhr im Rathaus unter Telefon (0 61 95) 80 32 80 zur Verfügung oder sonst per Mail an gleichstellungsbeauftragte@kelkheim.de . In Notfällen, etwa nachts, gibt es ein Hilfetelefon, das kostenfrei und in 18 Sprachen unter 08 00 / 0 11 60 16zu erreichen ist.

Allgemein wünscht sich die Kelkheimer Gleichstellungsbeauftragte von den Bürgern: "Kommen Sie mit Themen auf mich zu." So wie sich aktuell vieles um die berufliche Situation von Frauen dreht. Die Vereinbarkeit mit der Familie, Positionen und Interessen im Betrieb durchsetzen - hier kann Stöhr Hilfestellung geben, unter anderem durch Workshops. Aktuell gibt es ein Angebot zur Corona-Müdigkeit, und im Januar soll eine Online-Veranstaltung folgen. Mona Stöhr ist für alle da - und das anonym in einem "geschützten Raum", wie sie deutlich macht.

Auch das Liederbacher Rathaus wurde am Mittwoch zum Mahn-Ort.

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