Eine Menge Schilder am Ortseingang Hornau am Gagernring: Das kritisiert jetzt ein Kelkheimer und wünscht ein Umdenken.
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Eine Menge Schilder am Ortseingang Hornau am Gagernring: Das kritisiert jetzt ein Kelkheimer und wünscht ein Umdenken.

Stadtbild

Kelkheim: Schilderwald am Ortseingang wirkt wie ein Schildbügerstreich

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Kritik am Ortsplan ohne Parkplatz, an winziger Schrift und Zeichen-Masse: Bürger sieht unnötige Reizüberflutung.

Kelkheim - Wolfgang Schaub hat sich in Europa umgesehen. Vor allem auf Höhen. 135 Gipfel europäischer Staaten und autonomer Gebiete hat der Kelkheimer vor Jahren erklommen. Von dieser Leidenschaft, die nun neu entfacht wird, demnächst mehr. Doch Schaub ist bei diesen Reisen mit offenen Augen durch die Länder getourt. Und hat festgestellt: In Sachen Verkehrszeichen sind die Deutschen besonders bürokratisch und kompliziert. An einem Beispiel in seiner Heimatstadt zeigt Schaub sein Problem und wünscht sich ein Umdenken.

Warum für Kelkheims Partner in Europa werben?

Wir treffen den 76-Jährigen, der aus Heidelberg stammt, seit 1970 in Kelkheim wohnt, als Chemiker und in der klinischen Forschung arbeitete, am Ortsausgang von Hornau an der Auffahrt zur B 8. Dort kommt Schaub regelmäßig vorbei - und wenn er dann den Gagernring in die Stadt runter fährt, löst das in ihm mehr Rätselraten statt Klarheit aus. Gegen das Ortsschild kann der größte Kritiker nichts haben. Doch warum werde direkt darunter Werbung für Partnerstädte gemacht, die doch sehr „eingeschlafen“ seien und mehr aus „Händeschütteln“ bestünden? Das fragt sich Schaub und hält dieses Schild für überflüssig. Dass die Stadt bei über 30 Grad an dem Pfosten auf den eingeschränkten Winterdienst hinweist, macht ihn nicht schlauer. Er überlegt: Es könne ja schlecht in jeder Kommune auch jeder Weg geräumt werden.

„Jetzt erzählen sie mir die Gottesdienste“, hat Schaub den nächsten Pfosten im Blick. Die Werbung der Kirchen sei klein geschrieben und noch dazu zugewachsen, sieht er hier keinerlei Mehrwert für Autofahrer. „Wie relevant ist das Schild noch? Abgesehen davon, dass es ablenkt“, fragt sich der kritische Kopf auch mit Blick auf deutlich sinkende Zahlen der Kirchenmitglieder.

Einige Schilder in Kelkheim bekommen auch Lob

Dann gibt es ein Lob: „Der Stadtplan ist sinnvoll“, findet Schaub. Allerdings fällt der große Haken sofort auf: Es gibt weit und breit keine Möglichkeit, an dem Hinweis zu halten. Und wenn, dann nur recht abenteuerlich im Bankett. „Da müsste eine Parkbucht hin“, rät der „Unruheständler“. In Holland gebe es für solche Fälle an fast jedem Ortseingang eine Einfahrbucht, das sei „standardisiert“. Ein Nebenaspekt auf dem Plan mit Augenzwinkern: Hier wirbt noch die Hornauer Metzgerei Feistkorn für sich, in deren Räumen längst der Fleischer Wüst seine Ware verkauft.

Und gleich dahinter wieder ein Kirchenschild: Hier werben die Zeugen Jehovas und die neuapostolische Gemeinde für sich. Schaub will sich dazu schon gar nicht mehr äußern. Dann wird ein Autofahrer aber hoffentlich aufmerksam: „Tempo 30“ wird nun auf einem temporär aufgestellten Schild wegen einer folgenden Baustelle gefordert. Dass keine 100 Meter später noch mal eine Tafel mit einem Ausrufezeichen auf die Arbeiten aufmerksam macht, hält Schaub hingegen für „doppelt gemoppelt“.

Zwischendurch noch eine Menge Werbung: Die alte Holztafel weist auf die Möbelstadt hin. Schreinermeisterin Sigrun Horn hat die beiden schweren Stücke eingemottet am Bauhof entdeckt, sie restauriert und an zwei Ortseingängen aufstellen lassen. Schaub sieht es zwar als „Kunst“ an, doch eine Möbelstadt sei Kelkheim schon lange nicht mehr, kann er dem nicht viel abgewinnen: „Ich will das nicht wissen als Verkehrsteilnehmer oder weiß es sowieso schon.“

Mut zur Lücke, mehr Rechts vor Links in Kelkheim

Bei der nächsten Tafel hilft ihm auch Wissen nichts: Denn die Werbung vom Jazzclub hängt hier schon mehrere Monate zu lange und preist Konzerte aus dem Frühjahr an. Der Hinweis auf die Radarkontrolle weist wiederum auf 50 Kilometer pro Stunde hin, obwohl aktuell Tempo 30 gelte. Und das Schild für zwölf Prozent Gefälle könne wieder ersatzlos gestrichen werden. „Das sehe ich sowieso, wenn ich aufpasse.“

Apropos: Schaub ist überzeugt, dass kein Autofahrer alle diese Informationen aufnehmen könne. Besser sei es, den Geist ohne ständige Ablenkung für den eigentlichen Verkehr schärfen zu können. Prompt wieder so ein bunter „Störenfried“ in Schaubs Augen: Die Bürgerstiftung, der Lions- und der Rotary-Club aus Kelkheim werden übereinander für ihre wohltätigen Organisationen. Darunter jeweils die Internet-Adresse. Wer kann sich die beim Fahren merken? Anhalten ist hier nicht möglich. Schaub hält es für „Selbstdarstellung“.

Schilder-Überfall in Kelkheim

Immerhin, an der Bushaltestelle Kuckucksweg hat er Kelkheimer nichts auszusetzen. Obwohl: Hier hält nur zweimal am Tag ein Wagen... Und dann hat Schaub den Höhepunkt der Bürokratie in diesem Abschnitt entdeckt: Der Zebrastreifen ist gleich von vier Hinweisschildern flankiert - zwei links, zwei rechts. Ihm habe der Fahrlehrer 1966 beigebracht, dass er nur die Schilder rechts zu beachten habe. Zudem: „Wenn ich das Schild sehe, ist der Zebrastreifen schon unter meinen Rädern.“

Schaub findet insgesamt 14 Hinweise auf knapp 130 Metern: „Überall werden sie überfallen von irgendwelchen Schildern. Überall muss ich gegen meine Verwirrung kämpfen.“ Seine Vorschläge: eine ganze Menge Zeichen weglassen, noch mehr Rechts vor Links in den Orten, Mut zur Lücke und zu Änderungen an der Rechtslage. „Ein rechtliche Begutachtung ist nötig. Wie weit geht unser Rechtssystem? Und wie weit greift es in Sinnlosigkeiten ein?“, will er mit dem Kelkheimer Beispiel eine Diskussion anstoßen.

Weitere Fälle gerne melden

In Teil zwei versuchen wir, mit Hilfe eines Experten die jeweilige rechtliche Lage von Schildern zu beleuchten. Die Reihe kann fortgeführt werden. Kennen Sie auch sinnlose, kuriose, vielleicht überflüssige Schilder? Dann gerne eine E-Mail an hk-kelkheim@fnp.de schicken. (Von Frank Weiner)

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