Einzelhandel:

Kelkheim: Schuh-Bilder, Büchertisch und Burger-Botschaften

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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"Aufgeben gilt nicht": Wie Kelkheimer Geschäfte die Krise mit kreativen Ideen durchstehen.

Kelkheim. Die Auslage bei "Viola's Bücherwurm" macht bereits Lust auf Ostern. Doch im Sortiment stöbern, auf der sonst aufgestellten Couch schmökern - das geht in Zeiten des Lockdowns nicht. Auf die Lektüre von "Kelkheims kleiner Zeil", der Bahnstraße, müssen die Kunden nicht verzichten. Über einen kleinen Tisch an der Eingangstür versorgen Inhaberin Viola Christ-Ritzer und Maren von Hoerschelmann die Kunden mit neuem Lesefutter.

Christine Michel aus Ruppertshain nutzt das gerne. Gerade holt sie für ihre Tochter die bestellte Schullektüre - Georg Büchners Drama "Woyzeck" und die Erläuterungen dazu - problem- und vor allem kontaktlos über den Tisch ab. "Man kann es sich auch leichter machen", sagt Michel mit Blick auf Bestellungen von der heimischen Couch im Internet und Lieferung ins Haus. Doch die Familie wolle den Einzelhandel "ganz bewusst" hier unterstützen. Was bei "Viola's Bücherwurm" viele Vorteile bringe: Hier gebe es gute Ratschläge, lobt Michel. "Und das Zwischenmenschliche ist unersetzbar." Die Rathaus-Mitarbeiterin wünscht sich von den Kelkheimern: "Der Einzelhandel muss unterstützt werden." Für die Geschäfte erhofft sie sich: "Aufgeben gilt nicht."

Frikadellen retten die Cocktail-Bar

Das haben sich viele Unternehmer längst zu Herzen genommen. Sie sind in der Krise kreativ geworden, um aus schwächelnden Umsätzen noch das Beste herauszuholen. So wie Andreas Schulte, der seit 14 Jahren die Cocktail-Bar "Lounge" am "Großen Haingraben" führt. Wie der Name schon sagt, spielen gute Getränke bei ihm die Hauptrolle - doch die darf er derzeit nicht verkaufen.

Wie gut, dass Schulte vor etwa zwei Jahren die dünne Speisekarte mit Flammkuchen und Baguettes auf Salate, Tapas und Burger umstellte. Im Lockdown hat er seine Hamburger, die abgeholt werden, zur besonderen Marke gemacht. "Gut, dass wir sie haben. Sie retten uns im Moment." Jede Burger-Box ist mit einem handgeschriebenen Muntermacher versehen. Da notiert Mitarbeiterin Claudia Mardo Sätze drauf wie: "#mit Liebe gemacht", "#schmecken lassen", "#bis bald" oder "#Happy Time". Eine schöne Geste, die "Gäste" aus der ganzen Region lockt. So wie Susanne Rebscher, die gerade ihr Mittagessen holt: "Das finde ich super, kommt von Herzen." Sie unterstütze auf jeden Fall regelmäßig die Lokale. "Sie haben es alle schwer, die Gastronomen aber am meisten."

Auch Yvonne Kastl-Köhler lässt es sich nicht nehmen, einmal in der Woche mit der Familie Essen in der Stadt zu bestellen. Von den Burgern der "Lounge" schwärmt die Inhaberin des Schuhgeschäfts ganz in der Nähe. Sie hat sich schon im ersten Lockdown kreativ gezeigt. Sogar das Fernsehen berichtete, wie sie Hausbesuche bei den Kunden machte und dort Schuhmodelle vorführte. Das macht die Inhaberin, die ihren Laden seit 2003 führt, nun erneut. Zudem können sich Kunden gewünschte Modelle an der Ladentür abholen, zu Hause anprobieren und sich in Ruhe entscheiden. Da sie keinen Online-Shop hat oder in der Kürze aufbauen konnte, hilft sie ihren Kunden ganz pragmatisch: Es werden Fotos von den gewünschten Schuhen gemacht und dann per Whatsapp oder E-Mail an die Interessenten verschickt. Eine Gutscheinaktion rundete ihre Extra-Angebote in Corona-Zeiten ab.

So schaffte es Kastl-Köhler, das Jahr 2020 ohne Einbußen zu überstehen. Doch die Zeit jetzt sei schwierig. Mitte Februar soll die Frühjahrsware rein, die sie in der bestellten Menge auch abnehmen musste. Doch viele Winterschuhe und -stiefel sind noch im Laden. Bei über 30 Prozent Minus könne sie dann auch Förderung beantragen. Viel lieber wäre es ihr, öffnen zu können - denn auch Schuhe sind ihrer Meinung nach Gesundheitsartikel. Die Läden, "das waren nicht die Hotspots", ist für sie die Schließung des Einzelhandels und der Gastronomie "nicht nachvollziehbar". Kastl-Köhler kritisiert auf der anderen Seite: "Die Leute rennen alle auf den Feldberg hoch und versammeln sich." Und gibt sich kämpferisch: "Ich lasse mich nicht unterkriegen, werde das Ganze schon überstehen." Den verpassten 55. Geburtstag der Firma werde sie dann eben irgendwann in diesem Jahr als "55 + 1" nachfeiern.

"Das Lesen geht weiter" in Buchläden

An Treffen denken auch die beiden Damen von "Viola's Bücherwurm". Wenigstens zwei Lesungen planen sie für den Sommer im Hof. Wie sie überhaupt sehr positiv denken. Mit den Kollegen der Buchhandlungen Pabst und Herr haben sie sich ein Motto für die Corona-Zeit ausgedacht: "Lesen geht weiter", passend zum Spruch "Leben geht weiter". Im "Bücherwurm" hat es gepasst. Denn dort habe es im Vorjahr sogar ein leichtes Plus gegeben. Die Auslage werde inzwischen wöchentlich geändert, "denn die Leute kaufen mehr übers Schaufenster", weiß Maren von Hoerschelmann. So konnten auch Neukunden gewonnen werden. Dazu beigetragen haben auch kleine Grußkarten der Buchhandlung, wo sie ihre kostenlose Lieferaktion "Der Bücherwurm wird mobil" bewerben.

Von Hoerschelmann weiß, das der Umgang der Politik mit der Pandemie schwer ist. "Da sind immer Ungerechtigkeiten dabei." Für Lokale, die alle Vorgaben einhalten und noch kräftig in Maßnahmen investiert hätten, wären "individuelle Lösungen" sicher besser gewesen, findet sie. Und rennt bei Andreas Schulte von der "Lounge" offene Türen ein: "Am besten, man macht die Kneipen auf und kontrolliert sie intensiv weiter." Auch er habe Tausende von Euro investiert, als "Dankeschön" hieß es: "Macht mal wieder zu." Nun hoffen sie alle, Lokal, Buchhandlung, Schuhladen und die vielen Kollegen, dass der harte Lockdown etwas bringt und sie ihre kreative Energie bei geöffneten Türen bald für alle umsetzen können.

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