Lässig lehnt Luigi Mulé am Engel im Kreisel. Der Aufbau war vor 10 Jahren eine pfiffige Aktion.
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Lässig lehnt Luigi Mulé am Engel im Kreisel. Der Aufbau war vor 10 Jahren eine pfiffige Aktion.

Kunst:

Kelkheim: Sein "verbotener" Engel ist längst eine Kultfigur

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Vor 10 Jahren stellte Luigi Mulé "Blech-Else" im Kreisel auf.

Kelkhiem. Er ist entspannt und zufrieden. Mit einer gehörigen Portion Stolz tänzelt Luigi Mulé in die Mitte des Kreisels am Hauptfriedhof und blickt zu der mächtigen Engels-Figur hinauf. Der 35-Jährige wird oft darauf angesprochen. "Sie sind das mit dem Engel?", heißt es dann. Und Mulé darf in diesem Fall nicken.

Denn mit seiner Frauenfigur, die zunächst kein schwebendes, heiliges Wesen werden sollte, hat der Kelkheimer eine kleine, spannende Geschichte geschrieben. Vor genau zehn Jahren war es, da näherte sich Mulé mit ein paar Freunden nicht so entspannt dem Kreisverkehr. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion montierten die Kumpels die Stahlskulptur des Schlossers und Künstlers auf dem Hügel. So wirklich erlaubt war das nicht. Aber er sagt heute: "Ich habe die Möglichkeit gesehen, zu zeigen, was ich mache. Und die Figur einfach draufgestellt."

Doch bei der Vorgeschichte ist die mutige Aktion des Künstlers kein Wunder. Es wurden schon einige andere Figuren in dem Kreisel platziert. Doch sie wurden gewaltsam zerstört. Zuerst mehrmals Gartenzwerg Fred, danach Dick und Doof. Auch den Engel erwischte es später, wieder waren Vandalen am Werk. "Da denke ich nicht mehr dran. Die, die es gemacht haben, die haben es auch bereut", sagt Mulé heute. In der Tat wurden später zwei junge Kelkheimer erwischt. Sie gaben zu, die Figur im Oktober 2010 "spontan" demoliert zu haben.

Figur versteigern für den guten Zweck?

Mulé erinnert sich noch, wie seine Figur aber erst einmal im Kelkheimer Bauhof landete und er schon ein wenig traurig gewesen sei. "Na gut, dann war es halt ein Spaß", sagte er sich. Doch dann kam alles anders. Es gingen viele Spenden für den Engel ein, auch die Stadt entschied sich für die Skulptur im Kreisel-Zentrum. Mulé baute stabile Streben in die Flügel ein, die Dame erhielt ein festes Fundament und wurde mit einigem Medien-Rummel sogar im Fernsehen eingeweiht.

Und so hat sie in einem Jahrzehnt längst "Kultstatus" erlangt, wie Bürgermeister Albrecht Kündiger findet. "Das ist eine ganz tolle, spannende Sache, die Kelkheim belebt." Damit spricht er eine neuere Entwicklung des Engels an. Einige kreative Bürger verkleiden die Figur regelmäßig, allen voran die Kelkheimerin Bianca Grom. 2017 an Fastnacht hatte der Engel schon etwas an, was aber ein wenig "verwahrlost" ausgesehen habe. Also hübschte Grom die Dame aus Stahl noch etwas auf - und das tut sie seitdem regelmäßig. Und nicht nur sie. Mal trägt die "Blech-Else", so ihr gebräuchlichster Name, den Mulé "süß" findet, die Farben und Utensilien des Fußball-Clubs Eintracht Frankfurt. Zuletzt hatte sie sogar die Fanartikel der heimischen Kicker des SV Ruppertshain ganz in lila an. Danach hing die Pappe eines Sixpacks Corona-Bier am Arm. "Es gefällt einem nicht immer alles, aber man schaut genau hin, was kommt", ist der Engel für den Bürgermeister ein Hingucker geworden.

Auch Baumeister Mulé findet's gut, so wie die Bepflanzung drumherum. "Es gibt immer was Neues." Und so lange nichts kaputt gemacht werde, sei das doch schön. Dennoch möchte der Chef einer Metallbaufirma in Kelkheim, die drei Mitarbeiter hat und Geländer, Treppen, Balkone baut, nun zum 10. Geburtstag eine Veränderung anstoßen. Mulé denkt an eine Versteigerung des Engels, der ja immer noch sein Eigentum sei, für einen guten Zweck. Einen Teil des Erlöses möchte er gerne an eine Kinderhilfe spenden - so wie er es früher als Inhaber zweier Bars in Kelkheim und Kelsterbach getan hat. Bei der neuen Aktion würde sich Mulé die Unterstützung der Stadt wünschen. Denn vor zehn Jahren sei er schon ein wenig enttäuscht gewesen. Niemand hätte den Engel kaufen müssen, darum gehe es ihm nicht. Doch mal einen offiziellen Brief für diese letztlich gelungene Aktion hätte er sich schon erhofft.

Denn Mulé sieht sich ein bisschen als Botschafter der Stadt. In Fischbach ist er aufgewachsen, dort bei Josef Kilb in die Schlosserlehre gegangen. Seine Eltern, beide Sizilianer, leben schon seit den 60er-Jahren im Stadtteil. "Ich bin sehr zufrieden und gerne in Kelkheim", sagt Mulé, der sich aber etwas mehr Farbe und Kunst im öffentlichen Raum wünschen würde - zum Beispiel auf Parkbänken. In der Möbelstadt würde er gerne seine neue Firma bauen, sich künftig mehr auf hochwertige Kunst konzentrieren. Zuletzt hat er sich auf mehrere kommunale Ausschreibungen beworben. 2017 hatte das bereits großen Erfolg: Seine Skulptur "TetraEder" hat er für die Hochheimer Firma Tetra-Pak entworfen und dabei unter gut 50 Konkurrenten gewonnen. Dieses Werk steht im Kreisel vor der Zentrale von Tetra-Pak. Es ist 6,70 Meter hoch und aus Edelstahl. Die Skulptur passe sich den Farben Ihrer Umgebung an, erklärt Mulé.

Ähnlich ist das bei "Blech-Else". Die Dame aus Stahl wurde zwar mit Klarlack versehen, doch die Korrosion ist nicht zu verhindern. Und so macht die junge Dame im Kelkheimer Kreisel ihre Entwicklung durch. "Sie wird eben auch älter, das ist die Veränderung", findet Luigi Mulé auch heute noch viel Gefallen an der "historischen" Figur mit inzwischen einigen Rost-Stellen.

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