Ihre Geschäftsidee ist einfach und dennoch anspruchsvoll: Aus alten Kite- und Surf-Segeln schneidert die gelernte Näherin Doris Ivanschitz Kleidungsstücke.
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Ihre Geschäftsidee ist einfach und dennoch anspruchsvoll: Aus alten Kite- und Surf-Segeln schneidert die gelernte Näherin Doris Ivanschitz Kleidungsstücke.

Wirtschaft:

Kelkheim: Sie näht Kleidung aus Segeln

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Bekleidungstechnikerin Doris Ivanschitz setzt auf Nachhaltigkeit

Kelkheim. Es ist gut drei Jahre her, als bei Doris Ivanschitz zwei ihrer Leidenschaften verschmolzen. In Italien machte sie einen Kitesurf-Kurs - eines ihrer Hobbys neben dem Gleitschirmfliegen mit ihrem Mann. Es war Mai, aber ziemlich kalt. Und die richtige Kleidung hatte keiner dabei. Da Kite-Segel herumlagen, sei die nette Gruppe auf die Idee gekommen: Die ausgebildete Näherin und studierte Bekleidungstechnikerin Ivanschitz könnte doch aus dem Stoff der Sportgeräte etwas Warmes zum Anziehen gestalten.

"Da war die Idee geboren", sagt die 53-Jährige nun beim Termin mit dieser Zeitung im Keller ihres Hauses, der zum großen Teil zur Ideenschmiede und Nähstube umfunktioniert ist. Aus einem alten Kite-Segel aus Italien machte Ivanschitz den ersten Overall und wusste mit dem Ergebnis in den Händen: "Das mache ich jetzt." So war die Gründung ihrer Firma "Stay in a Kite" beschlossene Sache. Nun ist die Kelkheimerin einen großen Schritt weiter. Sie hat die Entwicklungsphase beendet und möchte in die Produktion einsteigen. Dafür will sie ein Crowdfunding im Internet nutzen, das seit dem 24. August rund fünf Wochen läuft. Hier möchte sie Kunden gewinnen und somit die junge Firma auf den Prüfstand stellen. Wird ihre Geschäftsidee, aus alten Kite- und Surf-Segeln Kleidung zu machen, angenommen? Wenn nicht, "war es eine schöne Sache", sagt sie. Doch die Mutter einer zehn Jahre alten Tochter glaubt an den Erfolg: "Das Feedback ist sehr gut, dass ich dem gute Chancen einräume." Ivanschitz hat einige ihrer Taschen verkauft, auch Erfolge mit einer Auslage im Kelkheimer "Unverpackt"-Laden, arbeitet mit Kite-Surf-Schulen auf Sylt zusammen. Und im September ist sie auf der Kieler Woche im Rahmen des Projektes "Clean Sailing" präsent, stellt dort ihr Konzept des "Upcycling" vor.

Ihr zentrales Thema, das sie zuversichtlich stimmt, ist die Nachhaltigkeit. Wie sie recherchiert hat, ist sie weltweit auf diesem Segment die einzige Firma, die zu den Segeln keine weitere Synthetik hinzugibt und die eine breite Palette anbietet. Bei ihr werden die Schnitt-Teile, bei einer Jacke rund 40, bei einer Tasche etwa 20, mit Biobaumwolle weiter bearbeitet. So entstehen flauschige Teile, die ihre Tochter Charlotte als wichtige Testerin toll findet. Sie demonstriert auch, wie aus einer Kapuze mit Reißverschluss ein wärmender Kragen wird.

Die Nachhaltigkeit ist Doris Ivanschitz in Fleisch und Blut übergegangen. Geboren in Salzgitter, saß sie am 24. Februar 1981 gebannt vor dem Fernseher, als Prinz Charles seine Diana heiratete. "Ich werde dieses Kleid nie vergessen, war wie paralysiert. ,Das willst du auch machen'", erinnert sie sich an den Moment ihrer Berufswahl. "Ich habe nächtelang überlegt, welche Kleider ich designen wollte." Doch Modedesignerin wurde sie nicht, weil ihr schnell die Illusion geraubt worden sei, hier könne sie gestalten. Viel mehr sei das oft ein Job im Auftrag der Industrie, erfuhr sie.

Also lernte Ivanschitz Damenschneiderin und studierte Bekleidungstechnik. Bei der Firma Lana in Aachen machte sie die Diplom-Arbeit zur nachhaltigen Produktion. Mit ihrem Mann zog sie nach Frankfurt, hatte bei Karstadt/Quelle/Neckermann aber schnell nichts mehr mit ihrer Philosophie zu tun. Das habe sie "wachgerüttelt", einen "anderen Weg" zu finden. Ivanschitz wurde zum ersten Mal selbstständig, stellte Geschäftskleidung aus alten Jeans und Schurwolle her. Sie hatte zwei Mitarbeiter. Doch dann gingen die Familienplanung und der ökologische Hausumbau vor.

Nun also der nächste Anlauf, eine kleine, nachhaltige Firma auf dem Markt zu etablieren. Da in Deutschland eine Produktion finanziell nicht darstellbar sei, arbeite sie mit einer Firma in Rumänien zusammen. Sie wisse aus ihren früheren Jobs, dass die Arbeitsbedingungen dort in Ordnung seien - Fertigung mit Pausen und bei Tageslicht. "Da weiß ich, wo ich hingehe", sagt sie und hofft, bald die nötigen Stückzahlen beauftragen zu können.

Material bekommt sie genug, demnächst "fliegen" etwa 120 alte Gleitschirme bei ihr ein. Sie arbeitet mit Surfschulen, Herstellern, dem Verband zusammen. "Material, das zu Testzwecken gebraucht wird, wandert normalerweise in den Müll", weiß Ivanschitz. Bei ihr sei nicht mal der Verschnitt Abfall. Diese Fasern arbeite eine andere junge Firma auf. Das wandert als Füllstoff zurück zu ihr nach Kelkheim, wo die Bekleidungstechnikerin noch Sitzsäcke herstellen möchte.

Ivanschitz wünscht sich grundsätzlich ein Umdenken von Politik und Unternehmen. So werde zum Beispiel der Aralsee in Russland leergepumpt, um Baumwollfelder intensiv zu bewirtschaften. Da werde nicht auf die Fruchtfolge und Bodendiversität geachtet, sondern Flächen und Gewässer einfach ausgebeutet. "Die Baumwolle muss maximal wachsen, alles andere wird ausgeblendet." Auch in weiteren Beispielen sieht sie "viele, viele Lippenbekenntnisse". So werbe ein bekannter Bekleidungshersteller mit T-Shirts aus recycelter Baumwolle. Dabei sei das technisch nur zu maximal 30 Prozent möglich, schüttelt die Expertin den Kopf. Zu diesem "Greenwashing" gebe es bereits Studien. Sie wünsche sich, bei solchen Tricks und Umweltsünden letztlich die Vorgaben, es über den Preis zu regeln. Dann würde sich das ihrer Produktion angleichen, wo zum Beispiel die Jacke 279, die Tasche 99 die Weste 159 und der Rucksack 139 Euro kosten. Ivanschitz: "Würde ich den Rucksack für 99 Euro verkaufen, würde einer nicht mehr daran verdienen."

Kontakt und Aktion

Das Crowdfunding ist über die Internetseite der Firma www.stayinakite.com erreichbar.

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