Dieser Plan stellt jetzt auf einer der Infotafeln das Straßendorf Kelkheim im 19. Jahrhundert dar. Im Osten fließt der Liederbach (blau) als Begrenzung, im Norden und Westen gab es die Haingräben (grün). An zwei Toren wurde der Einlass kontrolliert. Das "Wohn-Scheune-Haus" (rot) liegt gleich hinter dem ehemaligen Untertor. Die beiden Rathäuser und die Kapelle (braun) sind weiter nördlich an der ehemaligen Langgasse zu finden. Beate Matuschek hat die Übersicht nach ehemaligen Katasterplänen von Gerd S. Bethke zusammenstellen lassen.
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Dieser Plan stellt jetzt auf einer der Infotafeln das Straßendorf Kelkheim im 19. Jahrhundert dar. Im Osten fließt der Liederbach (blau) als Begrenzung, im Norden und Westen gab es die Haingräben (grün). An zwei Toren wurde der Einlass kontrolliert. Das "Wohn-Scheune-Haus" (rot) liegt gleich hinter dem ehemaligen Untertor. Die beiden Rathäuser und die Kapelle (braun) sind weiter nördlich an der ehemaligen Langgasse zu finden. Beate Matuschek hat die Übersicht nach ehemaligen Katasterplänen von Gerd S. Bethke zusammenstellen lassen.

Stadtgeschichte:

Kelkheim: Das Straßendorf und seine "Visitenkarte"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Infotafeln erzählen Neuigkeiten zum Ort und einem historischen Wohn-Scheune-Haus.

Kelkheim. Blättern wir in der Stadtgeschichte mal mehr als 300 Jahre zurück. Ein Reisender, vielleicht ein Landstreicher oder ein Künstler, ist auf dem Pferd unterwegs. Plötzlich kommt ein Fachwerkhaus mit einem Tor in der Mitte. Dort wohnt der Gemeindehirte. Er oder ein anderer Helfer kontrolliert den Dorfeingang und damit den Fremden genau - erst wenn ihm das Gesicht passt und der Reisende wohl nichts Böses im Schilde führt, darf er passieren. Und ist mittendrin im Straßendorf Kelkheim.

Gebäude von 1730: Sanierung angestrebt

So muss es ausgesehen haben in der heute zweitgrößten Stadt im Main-Taunus-Kreis. Dieses Gesamtbild hat nun Kelkheims Kulturreferentin Beate Matuschek auf zwei Informationstafeln an eben diesem Dorfeingang zusammengefasst. Heute steht dort, wo damals das Untertor die Menschen erst einmal ausbremste, das Ärztehaus. Gleich dahinter rechts befindet sich ein Gebäude, das in der Zeit des kleinen Straßendorfes schon entstanden ist. Es handelt sich um ein "Wohn-Scheune-Haus", dessen Bau sogenannte dendrochronologische Untersuchungen auf das Jahr auf 1730 datieren. Damals machte es als "Empfangsgebäude" an der ältesten Kelkheimer Straße, der Langgasse (heute Hauptstraße) sicher einen stattlichen Eindruck.

Heute ist das deutlich weniger der Fall, die Fassade bröckelt, die vordere Wand wölbt sich, die Fenster sind kein schöner Anblick. Um über die Geschichte und Bedeutung dieses Gebäude zu informieren, hat die Stadt einer der Informationstafeln aufstellen lassen. "Es gibt kaum ein Haus, dass auf mehr Fragezeichen stößt", sagt Bürgermeister Albrecht Kündiger. "Wann reißt ihr diesen Schuppen ab?", das höre er nicht selten. Weil in den Fenstern Geister-Bilder zu sehen sind, trägt es bereits den Beinamen "Gespenster-Haus". Ziel der Tafeln sei es zu zeigen, warum das Gebäude der Stadt wichtig ist und es nicht abgerissen werden kann.

Das Haus steht nämlich nach einem Antrag der Kelkheimer Politik vor vielen Jahren sogar unter Denkmalschutz. Es werde als Besonderheit bewertet, so Beate Matuschek. Das Anwesen sei ein in der Region untypisches "Wohn-Scheune-Haus", das eher in ärmeren Mittelgebirgsregionen wie dem Odenwald oder der Eifel zu finden sei. Nach dem großen Brand in Kelkheim 1671, als etwa 40 Häuser (gut drei Viertel des Dorfes) zerstört wurden, ist es Teil des Neuaufbaus. Der Ort habe damals um neues Gewerbe geworben - möglicherweise sei im Zuge dessen ein Handwerker aus einem der Mittelgebirge in die Region gekommen und habe das besondere Haus gebaut, überlegt Matuschek. Sie hat die Corona-Zeit mit wenigen Veranstaltungen genutzt, um Projekte zur Kultur- und Heimatpflege zu forcieren.

Das historische Fachwerk ist hinter einem Putz verschwunden. Das ursprüngliche Gebäude war doppelt so lang und bestand aus zwei getrennten Bauteilen unter einem Dach: einem Wohnhaus vorne sowie der Scheune mit Tenne, Keller und Ställen. Dieser hintere Teil wurde 1934 abgerissen und durch ein neues Haus ersetzt. Im vorderen Bereich war laut der Kulturreferentin unten ein Handwerksraum eingerichtet - welches Gewerk, das ist nicht bekannt. Über einen Außentreppe wurde die Küche mit Feuerstelle aus Lehm- und Backstein sowie die Stube erreicht. Eine Innentreppe führte unters Dach zu zwei Schlafkammern.

Bewusstsein schaffen, steigt Stadt ein?

Zum Teil sind diese Bereiche noch erhalten. Bürgermeister Kündiger war mal drin, aufrecht stehen habe er dort nicht können. Der Wunsch der Stadt sei es, das Haus wieder so zu sanieren, wie es mal war. Einen Vorentwurf mit Sichtfachwerk gibt es bereits. Kündiger ist auch in Gesprächen mit den Eigentümern. "Überlegungen haben bisher noch zu keinem Erfolg geführt. Ich hoffe aber, dass ein Weg gefunden wird." Der Bürgermeister überlegt daher auch, ob und wie sich die Stadt hier einbringen, das Haus womöglich erwerben könne. Wichtig wäre, es als "Entree der historischen Hauptstraße zu verschönern". Mit den Tafeln wolle die Stadt "erstmal ein Bewusstsein schaffen".

Das gilt auch für das Straßendorf an sich. Wie Matuschek zusammengestellt hat, war Kelkheim damals vom Liederbach im Osten sowie im Norden und Westen von Haingräben mit einem Wall und dichter Hecke begrenzt. Daher auch der Name der heutigen Straße "Großer Haingraben". Neben dem Unter- gab es auch das Obertor an der Ecke der heutigen Bahnstraße (damals Zwerggasse) und der Straße nach Hornau (heute Hornauer Straße). An der Straße reihten sich giebelständige Häuser und Hof auf langen, schmalen Flurstücken aneinander.

Beim Brand von 1671, dessen Ursache unklar ist, blieben nur sechs Hofreiten verschont. 1730 zählte das Dorf 211 Einwohner, 1885 waren es schon 832. Die erste Schule erhielte Kelkheim 1717, es folgte 1774 die erste Stadtkapelle, die 1891/92 einer Backsteinkirche wich. Für den Platz an der Stadtkapelle kündigt Beate Matuschek noch eine dritte Infotafel an. Das Projekt sei "nachhaltig", betont sie und wünscht sich ebenfalls, dass das Wohn-Scheune-Haus einmal restauriert werden könnte.

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