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Kelkheim: „Sympathieträger“ mit den Uniformen unterm Bett

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Von: Frank Weiner

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„Wir freuen uns, dass Sie so fit dabei sind“, lobt Bürgermeister Albrecht Kündiger. Richard Brendemühl freut sich fast überschwänglich über Gratulationen zum 100. Geburtstag im Gerätehaus.
„Wir freuen uns, dass Sie so fit dabei sind“, lobt Bürgermeister Albrecht Kündiger. Richard Brendemühl freut sich fast überschwänglich über Gratulationen zum 100. Geburtstag im Gerätehaus. © wein

Feuerwehrmann Richard Brendemühl ist 100 Jahre alt und hatte besondere Rollen als Zeugwart und „Mischmeister“.

Kelkheim. Der Trubel mit vielen alten Feuerwehrkameraden und der großen Familie macht ihm gar nichts aus. Bestens gelaunt schüttelt Richard Brendemühl, den Rollator trotzdem fest zupackend, viele Hände, nimmt die ersten Geschenke entgegen und verstaut sie in seinem Gefährt. Als der Bürgermeister ihm offiziell gratulieren will, stiehlt er ihm kurz die Show, erzählt munter von den Kameradschaftsabenden bei Bier und Ebbelwoi bei der „Mina“. Und beißt zwischendurch genüsslich in ein Stück Kuchen.

Die meisten der Gäste schütteln nur bewundernd den Kopf. Kaum zu glauben: Der treue Feuerwehrmann ist am Ersten Weihnachtsfeiertag stolze und seltene 100 Jahre alt geworden. Nun bereiten ihm die Kameraden im Kelkheimer Gerätehaus einen zünftigen Empfang, sogar ein Fackelzug wird organisiert, bei dem ein Großteil der Truppe zu seinen Ehren auf den Beinen ist.

Kein Wunder, hat Brendemühl doch viel für die Brandschützer geleistet. Er war von 1947 bis 1983 aktiv, davon fast 20 Jahre als Zeugwart. Wer gefragt wird, der berichtet von dieser Anekdote: Weil das alte Feuerwehrhaus gegenüber der heutigen Wache zu klein war, nahm Brendemühl die Uniformen einfach mit nach Hause und lagerte sie dort unter dem Bett. So wurden sie nicht feucht und von ihm akribisch bei Bedarf herausgegeben.

Mit NSU „Quickly“ zum Gerätehaus

„Er ist ein Sympathieträger“, sagt Alfred Kessler, viele Jahre Wehrführer. Brendemühl sei „der Humor nie ausgegangen“, er sei „mit jedem ausgekommen“, habe aber selten „ein Blatt vor den Mund genommen und oft die Meinung gesagt“. Vor allem habe sein Kamerad im Hintergrund gewirkt, dort seine Sache aber stets richtig gut gemacht, lobt Kessler. Und noch in der Alters- und Ehrenabteilung habe er hoch in den 80er-Lebensjahren bei den Festen kräftig mitgeholfen.

„Die Kameradschaft war bei der Feuerwehr einmalig“, sagt denn der Jubilar, bevor der nächste Gratulant wartet. Im Sommer sei die Mannschaft oft mit zwei Bussen voll zu Ausflügen gefahren. An seinen größten Einsatz erinnert er sich sofort, das sei natürlich der Brand bei der Möbelfirma Dichmann 1982 gewesen.

Seinen Spitznamen „Quickly“ hatte Brendemühl irgendwann weg, als er immer mit dem NSU-Motorrad dieses Namens zum Feuerwehrhaus gefahren kam. Noch bis vor wenigen Jahren sei er mit dem Rollator im Ort unterwegs gewesen, berichtet Feuerwehrmann Stefan Werner, der sich sehr um ihn kümmert. Denn die Familie mit Sohn, vier Enkeln und sechs Urenkeln samt deren Familien ist in Deutschland verstreut. Inzwischen lebt Brendemühl im Kelkheimer Awo-Heim und hält dort „den Laden schon auf Trab“, freut sich Werner, dass der Kamerad nach einem Tief wieder bei guter Gesundheit ist.

Auch bei seinem Fest kann er so manche Geschichte aus seinem langen Leben noch erzählen. Geboren wurde er in Dünow, Kreis Cammin (Westpommern), heute polnisch Duniewo. Seiner Mutter sei er dankbar gewesen, dass er Gärtner habe werden dürfen. Im Krieg war Brendemühl zwei Jahre im Afrika-Korps. Nach der Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft verschlug es ihn nach Kelkheim, wo er eine Anstellung bei der Gärtnerei Buchsbaum bekam (später schulte er zum Chemikanten um) und bald in die Feuerwehr eintrat. Mit damals zwölf weiteren Kameraden, die Ralph Armagni in seiner Präsentation zum 100. recherchiert hat: Hans Risch sr., Willi Pfeiffer, Eugen Schmitt, Josef Hantschel, Heinz Buch, Heinz Höflein, Erwin Kunz, Willi Peters, Hans Bornemann, Karl Bornemann, Walter Riedel und Alex Proppe.

Neben der Verwahrung der Uniformen hatte Brendemühl noch eine Sonderaufgabe: Er war zuständig für die Tombola-Lose beim Stiftungsfest, durfte sich „Mischmeister“ nennen. Ein Los nahm er immer zur Seite für die Torte. 1972 erhielt er das Hessische Brandschutzehrenzeichen in Silber für 25 Jahre aktiven Dienst. Beisitzer im Vorstand war er einige Jahre, Anfang 2000 wurde der treue Feuerwehrmann zum Ehrenmitglied ernannt. Für 70 Jahre Mitgliedschaft wurde er 2017 ausgezeichnet. Und berichtete zu diesem Anlass, wie das damals so war mit dem Eintritt: „Es gab seinerzeit einen Aufruf am schwarzen Brett, dass sich die Jahrgänge, die aus dem Feldzug zurückkamen, abends im Gasthaus ,Löwen’ einfinden sollten.“ Die andere Wahl wäre Berufsfeuerwehrmann gewesen, doch Brendemühl wollte Gärtner bleiben - und wurde somit für die Freiwillige Feuerwehr zum Glücksgriff.

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