Eine Seniorin am Telefon.
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Eine Seniorin am Telefon.

„Vorsicht Abzocke“

„Apotheker“ meldet sich bei Seniorin - Neue Masche lockt ältere Menschen in Abo-Falle

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Eine vermeintlicher „Apotheker" meldet sich bei einer Seniorin aus Kelkheim. Kurz darauf erhält sie ein Paket mit Pillen samt hoher Rechnung. Der Verbraucherschutz warnt.

Kelkheim - Die 83 Jahre alte Seniorin aus Fischbach ist vorsichtig am Telefon. Ob Enkeltrick oder falsche Polizisten - sie hat über die Familie längst erfahren, mit welchen Maschen es die Betrüger versuchen. Doch an jenem Tag meldete sich plötzlich ein "Apotheker" bei der Dame.

Er habe sich über ihren Gesundheitszustand erkundigt, berichtet ihre Tochter. Und da Apotheker im Allgemeinen als seriös gelten, habe sie eben nicht sofort aufgelegt und auch bejaht, dass sie im Moment gesund sei. Als der Mann dann aber etwas von einem Geschenk erzählte, habe die Mutter aufgelegt, erzählt ihre Tochter.

Kelkheim: Betrüger gibt sich am Telefon als Apotheker aus - „Achtung Abzocke“

Aus Sicherheitsgründen bleibt die Familie in dieser Zeitung anonym. Doch ihr Fall ist im Main-Taunus-Kreis zumindest seltener bekannt geworden. Der Verbraucherzentrale Frankfurt ist in ihrem Gebiet sogar kein einziger Fall bekannt. So warnt die Tochter der Fischbacherin nun auch in den Sozialen Medien unter dem Titel "Achtung Abzocke" vor dieser neueren Masche. Denn nur wenige Tage nach dem mysteriösen Kurztelefonat bekam die 83-Jährige ein Paket mit fünf Päckchen Nahrungsergänzungsmitteln von einer Firma Hirschberger NaturRat und einer Rechnung über fast 160 Euro von einer Bonafair AG.

Deren Stammsitz befinde sich in der Schweiz, weiß die Tochter inzwischen. "Die Firma ist dafür bekannt, mit dieser Methode ältere Menschen in eine Abo-Falle zu locken. Auf keinen Fall die Rechnung bezahlen", rät sie. Sie selbst habe dem angeblichen "Geschäft" per Einschreiben in die Schweiz widersprochen und den Fall bei der Polizei angezeigt. Die Polizei habe ihr auch zum Widerspruch geraten, öffentlich machen wolle sie den seltenen Fall in einer Vielzahl anderer Betrügereien aber nicht, hieß es.

Seniorin aus Kelkheim bekommt betrügerischen Anruf: Pillen-Abo aus der Schweiz

Einigen Verbraucherzentralen in Deutschland ist die Sache längst bekannt. Die Firma aus der Schweiz mit einem deutschen Vertrieb aus dem Ort Lichtenstein biete unter dem Logo "Hirschberger NaturRat" Mittel gegen Gelenkschmerzen und Einschränkungen in der Gedächtnisleistung an. "Nach einem Werbegespräch am Telefon sollen günstige Probepackungen kommen - danach läuft aber ein teures Abo weiter."

Per Telefonakquise kommt ein Angebot mit einer Probepackung zum günstigen Kennenlern-Preis. Den Betroffenen werde im Laufe des Telefonates nicht klar: "Mit Zusendung der Probepackungen sei aus Sicht des Unternehmens ein Pillen-Abo zustande gekommen, sofern man nicht widerspricht. Und für das Abo sind die Preise höher als für die Proben."

Kelkheim: Firma zuerst bei Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt aufgefallen

Mit dieser Masche sei die Bonafair AG zuerst der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt aufgefallen. Und deshalb raten die Fachleute: "Wer nach einem Telefonat ein ungewolltes Abo hat und hohe Rechnungen bekommt, sollte dem angeblichen Vertragsabschluss ausdrücklich widersprechen und einen Widerruf erklären." Und weiter: "Achten Sie bei derartigen Verkaufstelefonaten darauf, was im Detail besprochen wird. Ein wirksamer Vertrag kommt nur dann zustande, wenn beide Vertragsparteien sich über alle wesentlichen Punkte wie Kosten, Lieferzeiträume, Laufzeit und Kündigungsfristen geeinigt haben." Die Verbraucherzentrale rät davon ab, "Nahrungsergänzungsmittel, die leicht mit geprüften pflanzlichen Arzneimitteln verwechselt werden können, aus unbekannten Quellen zu beziehen".

Im Fall der Fischbacherin heißt es abwarten, welche Reaktion aus der Schweiz kommt. Die Tochter hat erfahren, dass mit Inkasso-Firmen und erheblichen Gebühren gedroht werde. Sie hält einen weiteren Tipp der Polizei für nicht schlecht: Die Mutter bekommt einen Anrufbeantworter und wartet zunächst, wer dort drauf spricht.

Kelkheim: Verbraucherschutz warnt vor Schweizer Pillen - Firma äußert sich zu Vorwürfen

Gerechnet hat die Redaktion damit nicht. Denn auf der Homepage der Bonafair AG ist nur eine E-Mail-Adresse angegeben. Doch auf die Anfrage dieser Zeitung meldet sich tatsächlich Verwaltungsratspräsident Benedikt Martens, der auch im Internet-Impressum steht. Die Firma verstehe sich als "verantwortungsvolles Unternehmen, das seinen Kunden hochwertige Gesundheitsmittel anbietet", viele seien "begeistert", schreibt er.

Das Unternehmen gehe bei Vertriebsaktivitäten "äußerst sorgsam und verbraucherfreundlich vor", deckt sich seine Einschätzung nicht mit jenen der Verbraucherschützer. "Alle von uns kontaktierten Kunden haben in der Vergangenheit eine Einwilligung erteilt. Wir können jedoch nicht ausschließen, dass manche Kunden sich nicht mehr daran erinnern." Die Firma halte sich an Gesetze und verwende "nur Adressen für unsere Werbeanrufe, zu denen ein Anrufeinverständnis vorliegt".

Die Daten kämen von einem Adress-Broker. In den Gesprächen werde "klar kommuniziert, dass zunächst eine Probelieferung zugesendet wird und in dem Fall, dass sich der Kunde danach nicht bei uns meldet, weitere Folgelieferungen", so Martens. Über das Widerrufsrecht werde informiert. Der Satz "Jeder Kunde kann uns stets telefonisch erreichen und uns seine Wünsche mitteilen", ist schwierig. Denn im Internet steht gar keine Rufnummer. (Von Frank Weiner) Bei einem anderen Fall geben sich dreiste Trickbetrüger als Dachdecker aus und bestehlen so ältere Menschen im Raum Frankfurt. Die Beute: Über eine halbe Million Euro. Jetzt fahndet die Polizei mit Fotos.

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