Die Stimmung ist gut, das Thema ernst: Volker Zill wirbt mit dem Logo für sein erstes Hörbuch.
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Die Stimmung ist gut, das Thema ernst: Volker Zill wirbt mit dem Logo für sein erstes Hörbuch.

Kultur:

Kelkheim: Wenn Distanz tödlich ist

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Volker Zill bringt sein erstes Hörbuch heraus - es ist ein "Phänomen".

Kelkheim. "Stellt euch vor, es wäre genau andersrum . . . Eine neue Seuche überkommt die Welt. Sie bedroht jeden, der keine Nähe zu anderen Menschen hat. Abstand halten ist tödlich." Diese Gedanken kamen Volker Zill erst spät in der Pandemie. In den ersten Monaten habe er wenig Kreatives gemacht, räumt der in der Region bekannte Theater-Regisseur und Drehbuch-Schreiber ein. "Das war wie eine Lähmung."

Doch im Winter reiften bei Zill, der auch bei der Kelkheimer Theatergruppe "Domino" Regie führt, die ersten Ideen. Entstanden ist daraus nun ein besonderes Projekt, das selbst für den erfahrenen Theatermann Neuland ist. Unter dem Titel "Das Phänomen - Abstand ist tödlich" bringt er mit dem heutigen 21. Juni ein Hörbuch heraus, das sich um sein Schreckenszenario dreht. "Wie wäre es, wenn es genauso andersherum wäre?" Diese Frage hat er sich gestellt, danach sind die Ideen gesprudelt, die Geschichte ist fast zum Selbstläufer geworden.

Alles ist anders zur Corona-Pandemie

Die Distanz wird für Zill nun das Seuchen-Problem. "Als die Todeszahlen weltweit dramatisch ansteigen, erlassen die Regierungen der Welt sogenannte ,contact.up'-Verordnungen, mittels derer die Menschen zu Nähe und Berührungen verpflichtet werden. Sie dürfen sich nur noch in Gruppen bewegen und sind angehalten, sich möglichst häufig gegenseitig zu berühren. Alleine sein wird zur Lebensgefahr", erzählt er. Viele Internet-Plattformen, Online-Händler und Partnerbörsen stehen vor dem Aus. Die Innenstädte blühen auf. Der Einzelhandel boomt, die Kultur- und Veranstaltungsbranche gehört zu den Gewinnern dieser Pandemie. Die Wissenschaftler suchen nach einer Lösung. Die wird durch die Zufallsentdeckung eines einsamen, aber durch Flüssigkeit geretteten Kindes in den Schweizer Alpen gefunden.

Als Zill diese Geschichte geschrieben hatte, fragte er sich: "Ich bin fertig, und was mache ich jetzt damit?" Ein Theaterstück sollte es nicht werden. Freunde, die es lasen, waren begeistert. "Die Leute hatten Freude daran, mal für ein Stündchen aus der eigenen Welt auszubrechen und in dieses Gegen-Szenario einzutauchen. Das wirkt offenbar irgendwie befreiend." Also reifte die Idee, daraus ein Hörbuch zu machen. Mit drei Theaterfreunden, Carina Müßen, Irina Schiller und Sven Kube, sprach er die Aneinanderreihung von fiktiven Nachrichten, die das Pandemiegeschehen vom Ausbruch bis zu ihrem Ende chronologisch nachzeichnen, bei einem Tontechniker ein. Corona-gerecht mit Einzelterminen. Innerhalb von zwei Wochen war das fertig. "Das ging wohl nur so schnell, weil offensichtlich nicht nur ich einen leeren Terminkalender hatte", bemerkt der Theatermacher mit einem Augenzwinkern.

"Natürlich ist dieses Werk inspiriert von der Corona-Pandemie. Wie wäre es, wenn wir nicht auf Distanz zu unseren Mitmenschen gehen müssten, sondern, wenn wir gezwungen wären, die Abstände aufzulösen, in die Nähe zu gehen - und zwar permanent. Dieses Gedankenexperiment hat mich ungemein gereizt", sagt Zill zur Motivation. Für ihn sei das Arbeiten an dieser fiktiven Seuchen-Doku ein Weg, die derzeitige Pandemie zu verarbeiten und möglichst konstruktiv mit ihr umzugehen. "Durch die Kontaktbeschränkungen sind für mich persönlich sehr viele Begegnungen, die ich normalerweise habe, weggebrochen. Noch nie war mein Terminkalender dermaßen leer wie in diesen Zeiten. Da musste ich mich erstmal dran gewöhnen." Nach der Leere hat er in relativ kurzer Zeit außerdem noch zwei Theaterstücke geschrieben.

Eigene Projekte zu Ende führen

In der Corona-Zeit selbst hat Zill mit seinen Projekten noch Glück gehabt. Mit den Jugendlichen der Sulzbacher Mendelssohn-Bartholdy-Schule hatte er vorher das Stück "14" einstudiert. In der Pandemie konnte es unter dem Titel "Lebenszeichen aus dem Lockdown" immerhin als Video-Projekt zu Ende geführt werden. Und mit dem Jugendcafé Bad Soden, wo Zill als Pädagoge seine Brötchen verdient, konnte er im Park üben für den Beitrag "Karla im Koma".

Idee für besonderen Kelkheimer Ort

Auch für das "Theater im Park" in Oberursel, wo er Regie führt, soll der "König Ödipus" nach monatelangem Proben - meist virtuell - nun an einem besonderen Ort aufgeführt werden. Den speziellen Theaterplatz hat Zill übrigens auch 2022 für Kelkheim im Blick. Dort war er in der Corona-Zeit mit szenischen Lesungen auf dem Gagernplatz präsent, früher schon am Gimbacher Hof. Nun wird ihm wieder etwas Neues einfallen. So wie nach einer Gedankenpause mit seinem "Hörbuch-Phänomen" . . .

Downloads ab heute möglich

Zu erhalten ist das rund 85-minütige Hörbuch "Das Phänomen - Abstand ist tödlich" als Download auf zahlreichen Hörbuchplattformen im Internet (Thalia, Weltbild, Audible . . .) zum Preis von 3,99 Euro.

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