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Kelkheim: „Wir nehmen ja auch am Leben teil“

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Gerald führt den Fackellauf durch die „Sindlinger Wiesen“ an, Organisatorin Rebecca Pfeiffer ist an seiner Seite, viele Leute mit und ohne Handicap folgen und schwenken Kelkheim-Fähnchen.
Gerald führt den Fackellauf durch die „Sindlinger Wiesen“ an, Organisatorin Rebecca Pfeiffer ist an seiner Seite, viele Leute mit und ohne Handicap folgen und schwenken Kelkheim-Fähnchen. © wein

Stadt aktiv für Special Olympics: Gäste aus Sambia können nicht anreisen, inklusiv gefeiert wird dennoch.

Kelkheim. Gerald ist stolz wie Bolle. Er darf als erster Hoffnungsträger die Fackel halten, die ihm Rebecca Pfeiffer am Kirchplatz Münster anzündet. Dem Mann mit Handicap ist die Freude anzusehen, als sich der kleine, feine Tross von vielleicht 30 Personen in Bewegung setzt. Ziel des Fackellaufes ist das Inklusionsfest in der Stadtmitte Süd. Nach einem Drittel übernimmt im Park „Sindlinger Wiesen“ Erika die Fackel, später sind die Geschwister Marvin (15) und Alisa (12) an der Reihe. Sie alle haben eine Behinderung, aber strahlen alle bei der Aktion, die da die Stadt Kelkheim auf die Beine gestellt hat.

„Ich freue mich, dass ich mitgehen konnte“, sagt Melanie, die mit ihrem Freund Mehmet in den Praunheimer Werkstätten arbeitet und dort der Sportgruppe in Höchst angehört. Für den Fackellauf habe sie frei bekommen. Etwas schade findet sie, dass die Hauptpersonen nicht dabei sind. Kelkheim ist eine von 19 „Host-Towns“, also Gastgeberstädten, in Hessen für Delegationen aus aller Welt, die dann ab 17. Juni an den „Special Olympics World Games“ in Berlin teilnehmen wollen. Die Möbelstadt ist die kleinste teilnehmende Kommune im Bundesland, betonen Organisatorin Pfeiffer und Bürgermeister Albrecht Kündiger. Sie wollten sieben Sportler mit Handicap und zwölf Betreuer aus Sambia empfangen. Doch noch bevor die Fackel auf Reisen geht, muss Pfeiffer mitteilen: Versuche der Gäste, einen Flieger nach Deutschland zu bekommen, seien gescheitert. Das sei „sehr bedauerlich, aber wir wollen trotzdem ein Zeichen setzen“. Deshalb wird der Inklusionstag gefeiert, zudem der Film „All inclusive“ im Kino gezeigt, und beim Künstlerkreis läuft die Ausstellung „Siehst du mich“ zum Thema. Doch Besuche bei der Lebenshilfe, den Rotariern und auf der Burg Eppstein fielen aus. Einen Tag später kann Pfeiffer erleichtert mitteilen, dass die sambische Delegation nach Berlin zu den Weltspielen fliegen kann. Schön sei „der Gedanke für uns, dass zumindest die Sportler zu den Spielen kommen und ihrer Leidenschaft nachgehen können“.

Die Information zum Projekt „Host Town“ war damals im Rathaus gelandet. Das Team vom Haupt- und Rechtsamt fackelte sich lange und begeisterte den Bürgermeister für eine Bewerbung. Dafür sei er heute sehr dankbar, so Kündiger und lobt vor allem Mitarbeiterin Pfeiffer, die viel Herzblut reingesteckt habe. Sie engagiert sich privat als Jugendleiterin bei Titania Eppenhain. Und freut sich, dass andere Vereine den Inklusionsgedanken rund ums Projekt stärker in den Fokus rücken. Eine Fortbildung dazu wird die Stadt koordinieren. „Viele finden es ein wichtiges Thema, aber nicht jeder möchte dafür die Zeit erübrigen“, hofft Pfeiffer auf weiteres Engagement.

Das sehen auch die Protagonisten beim Inklusionstag so, die ein buntes Programm zusammengestellt haben. „Wir feiern den inklusiven Gedanken zwar heute besonders, feiern ihn in Kelkheim aber an jedem Tag im Jahr“, stellt Stadtverordnetenvorsteherin Julia Ostrowicki klar und animiert die Gäste, bei Problemen anzupacken, denn: „Inklusion ist für das ganze Leben gedacht.“ Hans Böhl, Vorsitzender im Sportkreis Main-Taunus, der sich vorstellt, findet das Engagement Kelkheims vorbildlich. Es gebe mit Eintracht Hattersheim auch bereits den ersten Verein für behinderte Sportler im Kreis, aber bei der Integration insgesamt noch „Luft nach oben“ und hier und da Hemmschwellen, so Böhl.

Die Ruppertshainer Autorin Jutta Hajek, die später aus ihren Büchern zum Thema „Bloß nicht aufgeben“ liest, freut sich über viele inklusive Angebote in der Stadt und weiß: Durchhalten sei für jeden eine Sache - ob mit oder ohne Handicap. Wichtig sei es, „das Ganze in die Öffentlichkeit zu rücken, ihnen zu zeigen: Sie gehören mit dazu“, so Sandra Scheinkönig. Die Polizistin in Sulzbach ist einem Aufruf des Landes gefolgt, sich an den Aktionen zu beteiligen und läuft hinter der Fackel. „Es ist schön, wenn man eine Bindung aufbauen kann, man ist ja auch Mensch.“ Nicole Müller, Mutter von Alisa und Marvin, sieht es ähnlich: Wichtig sei es, „Verständnis zu fördern, ihnen zu zeigen: Wir nehmen ja auch am Leben teil.“

Und wie: Marion Sauer ist mit ihrem „Drums alive“-Angebot in der Stadtmitte, Menschen mit und ohne Handicap trommeln auf großen Gymnastikbällen - so Vereins-Übungsleiterin Andrea Kämper zusammen mit Erika. Und Melanie hat sich von Ingo Kunde am Stand der Lebenshilfe zeigen lassen, wie sie auf dem Fahrradtrainer treten kann. Teilhabe am und im öffentlichen Leben sei wichtig, die Lebenshilfe mit vielen ihrer acht FSJ’ler hier präsent. Kunde weiß: „Es geht immer noch mehr.“ In Kelkheim ist das mit dem Inklusionsbeirat auf einem sehr guten Weg. Die ersten Initiativen kommen - etwa zum Behinderten-WC im Rathaus und zu Bordstein-Absenkungen. Der Inklusionstag, bei dem der Künstlerkreis, der Tennis- und Eissportverein und die Eichendorfschule noch mitmachen, ist ein wichtiges Signal. Auch ohne die besonderen Gäste aus Sambia.

Marion Sauer (links) trommelt beim Inklusionstag mit den Gästen - darunter auch das aktive Duo Erika und Andrea Kämper (rechts).
Marion Sauer (links) trommelt beim Inklusionstag mit den Gästen - darunter auch das aktive Duo Erika und Andrea Kämper (rechts). © wein

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