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Die Stadt wirbt vor dem Rathaus für das "Bogen"-Projekt.

"Großer Frankfurter Bogen":

Kelkheim: Wohnen an der Bahn, die allzu oft überfüllt ist

  • Frank Weiner
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Stadt ist Teil eines Projektes mit Haken.

Kelkheim. "Zentral leben in Rhein-Main. Im Großen Frankfurter Bogen lässt es sich gut leben - Stadtleben inklusive: Kurze Wege zu Arbeit, Freizeit, Kultur und mehr. Mit S-Bahn oder Regionalbahn in maximal einer halben Stunde vom Hauptbahnhof Frankfurt entfernt." So wirbt das Land Hessen für sein noch junges Großprojekt "Großer Frankfurter Bogen". Sogar eine eigene Internetseite gibt es. "Rund um die Metropole gibt es 55 Kommunen, die starten können, gemeinsam den Großen Frankfurter Bogen zu bauen. Hier können bis zu 200 000 neue Wohnungen entstehen. In guter Nachbarschaft - und das bezahlbar", heißt es dort weiter.

Ein Schild wirbt jetzt am Rathaus

Kelkheim ist dabei - mit dem Areal zwischen den beiden Bahnhöfen Kelkheim-Mitte und Hornau, besser bekannt als "Hornau West". Und die Möbelstadt engagiert sich als Teil dieser Kampagne. Das ist nun auch vor dem Rathaus gut sichtbar geworden. Gleich rechts vom Eingang wurde ein Schild einbetoniert, das für den "Großen Frankfurter Bogen" wirbt. Damit sich auch möglichst viele Menschen mit einem Thema befassen, das bisher vor allem in der Politik diskutiert wurde.

Bei Klaus-Detlef Voigt ist es indes längst angekommen. Er findet die Idee grundsätzlich gut. Doch für ihn hat sie einen Haken, bei dem alle Werbung mit Schildern und anderen Dingen nicht viel nutze: Zwar sei es schön, in wenigen Minuten per Bahn an die Arbeit zu kommen. Doch wenn die Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs schon so deutlich beworben werde, müsse die Realität mit dem Schritt halten, findet der Kelkheimer.

In der Praxis sieht das anders aus, weiß nicht nur Voigt. Die Regionalbahn 12 von Königstein über Kelkheim und Liederbach bis nach Frankfurt ist eines der größten Sorgenkinder der Region. Vor allem zu Stoßzeiten im Berufsverkehr morgens und abends ist sie oft so voll, dass mancher Fahrgast in Kelkheim, aber spätestens in Liederbach, wegen Überfüllung draußen bleiben musste. Das Problem verschärft sich in Zeiten von Corona, wenn trotz Maskenpflicht in den Bahnen Abstand Pflicht sein sollte.

Da diese Infrastruktur für Kelkheim nicht mit der intensiven Werbung zum "Großen Frankfurter Bogen" zusammenpasst, spricht Voigt in diesem Zusammenhang von einer "hohlen Nuss". Er macht deutlich: "Der Bogen wird erst gespannt, wenn die Neubürger einen Platz im Zug bekommen." Voigt wünscht sich, dass die Politiker in diesem Punkt einfach mehr "vorausdenken".

Das tut die Stadt Kelkheim laut Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW). Aktuell sind mehrere Gutachten in Auftrag, um die Situation im Areal "Hornau-West" zu untersuchen. Unter anderem geht es um die künftige Lärmbelastung am Gagernring in Hornau, sollte die angedachte Straße der "Gagern-Spange" im Neubaugebiet geöffnet werden. Kommen soll sie auf jeden Fall, denn in dem Areal ist auch der gemeinsame Feuerwehrstützpunkt für Kelkheim-Mitte, Hornau und Fischbach geplant. Für diese Erreichbarkeit hat die Politik einer Spange schon zugestimmt - ob sie für alle geöffnet wird, ist die Frage. Auch für den geeigneten Standort der Wehr habe die Stadt ein Gutachten beauftragt, so Kündiger. Beim Stützpunkt wiederum hatte die CDU das ihrer Ansicht langsame Verfahren kritisiert und offiziell beim Magistrat angefragt.

Die Krux mit "Hornau-West"

Aufs Tempo drückt der Bürgermeister auch beim Baugebiet an sich nicht. Wenn, dann könnte er sich nur den Teil direkt am Berliner Ring mit Wohnraum vorstellen, so Kündiger. Doch hier wolle er nicht nur ein- oder zweimal genau hinschauen und abwägen, sondern lieber zehnmal. Denn es ergäben sich derzeit auch immer mehr Schlüsse von Baulücken. Zum gesamten Projekt sagt der Rathauschef: "Da lasse ich mich nicht treiben." Einer Meinung ist er mit Klaus-Detlef Voigt, dass der ÖPNV verbessert werden muss. Das hänge schon sehr eng mit dem Konstrukt vom "Großen Frankfurter Bogen" zusammen, so Kündiger, und "spielt eine ganz große Rolle". Insgesamt sieht er in dem Projekt des Landes eine gute Sache. Das Land unterstütze, in dem es zum Beispiel Fachleute vermittele. Und es gibt natürlich Fördertöpfe. Da ist es für den Bürgermeister auch kein Problem, mit einem Schild für die Idee zu werben.

Das Problem der Infrastruktur hat Hessen im Blick. "Unabhängig vom Projekt ,Großer Frankfurter Bogen' setzt sich das Land nachdrücklich für eine Verbesserung des ÖPNV und für eine Verbesserung der Schieneninfrastruktur ein", teilt Wolfgang Harms, Sprecher des Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen mit. Er nennt Beispiele wie die Regionaltangente West, die Nordmainische S-Bahn oder der Ausbau der S 6. Die RB 12 für Kelkheim wird nicht genannt. Harms betont aber: "Wenn Kommunen neu in die 30-Minuten-Zone gelangen, erweitert sich natürlich auch der potenzielle Teilnehmerkreis des ,Großen Frankfurter Bogens'."

Das Projekt sei eine auf Dauer angelegte Initiative, um den Wohnungsbau im Rhein-Main-Gebiet anzuregen. "Es sollen attraktive und nachhaltige Wohngebiete entstehen, die möglichst wenig neue Flächen verbrauchen und möglichst wenig zusätzlichen Individualverkehr erzeugen - dies erklärt die Beschränkung auf einen Umkreis von maximal 30 Zugminuten um den Frankfurter Hauptbahnhof und auf Quartiere in der Nähe der Schienen-Haltepunkte", so Harms. Es herrsche Einigkeit darüber, dass das Haupthindernis beim Bau bezahlbaren Wohnraums ein Mangel an ausgewiesenen Baugebieten ist. Die Kommunen werden motiviert und unterstützt, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dazu erhalten sie bevorzugte Konditionen bei der Förderung von Wohnungsbauvorhaben. Harms: "Fördermittel fließen also nur, wenn konkrete Vorhaben realisiert werden, nicht aber für die bloße Mitgliedschaft." Das Land könne Impulse geben und unterstützen. Entsprechend gebe es keine festen Zielzahlen, die eine Kommune erfüllen soll, sondern vielmehr ein gemeinsames Interesse für die Region.

Zuletzt ist Frankfurt als 35. Kommune der Initiative beigetreten. Zu den Modalitäten sagt Sprecher Harms: "Da wir für das Projekt werben und eine möglichst breite Teilnahme anstreben, erwarten wir von den beitretenden Kommunen, dass sie ihre Teilnahme sichtbar machen und durch einen entsprechenden Hinweis am Ortsschild dokumentieren." Das sei durchaus üblich, etwa bei kommunalen Partnerschaften.

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