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Bürger schreiben Buch

Kelkheimer Autoren von 9 bis 90

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Vor vollem Haus im Plenarsaal wurde das Werk präsentiert. Und selbst der Verleger entdeckt darin noch viel Neues.

„Er schnappt sich e Beißzang, im Laufschritt zurück, im Wahllokal wartet zum Moormann seim Glück – de Ruppscher Feuerwehr ihrn Boss. Der bricht mit der Zang auf des Urnenschloss!“ Vier Zeilen von Josef „Seppel“ Glöckner, die das Finale im Gedicht „Der vergessliche Wahlvorsteher“ beschreiben. „Und das hat 100 Prozent Wahrheitsgehalt“, sagt der 87 Jahre alte Fischbacher vor vollem Haus im Plenarsaal, als er seine Geschichte vom Wahlvorsteher erzählt, die sich so zugetragen hat. Die Verse sind Teil eines besonderen Projektes, dass an diesem Abend vorgestellt wird: „Kelkheim schreibt ein Buch“ – das 230-seitige Werk von 50 Autoren über ihre Stadt ist ein voller Erfolg.

Seppel Glöckner strahlt auf seinem Ehrenplatz in der ersten Reihe. Er ist einer der ältesten Schreiber – und einer der fleißigsten: Denn auch das Gedicht „Der ewige Kampf um die B 8“ stammt aus seiner Feder. Es sind gesammelte Werke aus 18 Jahren Protokoll in der Fischbacher Fassenacht. Dass er einige Anekdoten daraus im Buch präsentieren darf, freut Glöckner: „Das ist eine sehr gute Idee.“ Er habe spontan und gerne mitgemacht, schließlich gehörten diese gereimten Gedanken und Stammtischerinnerungen nach ganz Kelkheim.

Paul Pfeffer und Christina Eretier werden es gerne hören. Sie sind die Macher des Buches, das in Pfeffers noch jungem Verlag Edition Pauer erschienen ist. „Ich bin ganz happy“, sagt der bekannte Kelkheimer Autor und Musiker dem Kreisblatt. Das Projekt „Bockenheim schreibt ein Buch“, zu dem er selbst zwei Texte über Adorno („mit einem Wahrheitsgehalt von 30 Prozent“) beigesteuert habe, sei vor einem knappen Jahr sein Vorbild gewesen. Doch nun sei „Kelkheim schreibt ein Buch“ doch ganz anders, ganz einzigartig geworden. „Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, denn: Was die Bockenheimer können, das können die Kelkheimer schon lange.“

In der Tat: Mit 10 000 Handzetteln wurde Werbung gemacht, 70 Einsendungen gingen ein, darunter sogar ein altes Schulheft mit Sütterlin-Handschrift, 1200 Bücher wurden nun gedruckt – Pfeffers Partnerin Eretier hat für Titelbild, Gestaltung mit einigen alten und neuen Bildern sowie Satz gesorgt.

Was Pfeffer besonders freut: Hier seien Autoren „von 9 bis 90“ vereint. In der Tat: Fynn Nickel und Tom Werner aus Ruppertshain waren neun Jahre alt, als sie ihre Geschichte „Die magische Welt“ schrieben. Sie hat nun im Kapitel „Phantastisches Kelkheim“ ihren Platz gefunden. Von einem Meteoriteneinschlag direkt in der Stadtmitte erzählen sie und dem folgenden Abenteuer in einer anderen Dimension mit Dinosauriern, Lava, Magnetfeldern und Goldschatz. Ihr Abenteuer dauert nur wenige Sekunden – doch die Arbeit am Text in der Medien-AG der Rossert-Schule habe schon Stunden gedauert, verraten Fynn und Tom bei der Buchvorstellung. Ihr Lehrer Benjamin Tokmadzic habe sie dafür motiviert. „Wir schreiben schon an der zweiten Geschichte“, verrät Tom. Er habe bisher nur mal Rezepte abgetippt. Vorlage waren nun Phantasie-Romane von Jules Verne. Zu Hause lesen die Buben aber am liebsten die Comics über Tom Gates.

Zu einer Pflichtlektüre für Tom und Fynn, aber auch für viele andere Kelkheimer dürfte nun „Kelkheim schreibt ein Buch“ werden. Denn die Bandbreite ist groß. Sie beginnt natürlich mit „Kelkheim, wie es früher war“. Da erzählt dann zum Beispiel Volker Erdelen davon, wie er als Kind in Münster Gruben mit Hühnermist baute, um das Baumhaus zu schützen. „Unsere besten Kunden waren wir allerdings selber. So gut konnten wir unsere Fallgruben tarnen“, schreibt er. Hans-Gerd Krämers Lieder von der Königsteiner Kleinbahn und der Roten Mühle dürfen da nicht fehlen. Vielschreiberin Uta Franck steuert gleich mehrere Gedichte und Texte bei. Emotional wird es auch im Kapitel „Kelkheimer Menschen“, in dem Thomas Berger von einer besonderen Begegnung mit einem treuen Flaschensammler erzählt und auch Polizist Josef Becker wieder lebendig wird. Amüsant beginnen die „Kelkheimer Geschichten“, denn Claus-Jürgen Lehming berichtet von den heftigen Indianerkriegen zwischen Kelkheim und Münster. „Kinderspiele? Chronisten berichten, dass diese Indianerspiele durchaus ihr politisches Umfeld hatten. Wie schön, dass die alten Rivalitäten zwischen Kelkheim und Münster heute völlig überwunden sind. Oder sollte etwa doch...“, schreibt der ehemalige SPD-Fraktionschef zum Schluss. Gerti Kurth wiederum schreibt von der „Hochzeit mit Hindernissen“ und einem vergessen Brautstrauß, der aber heilende Wirkung hatte. Auch erfahren die Leser, wie der Wirt vom Hornauer „Bierbrünnchen“ seinen eigenen Maibaum von der Feuerwehr „geschenkt“ bekam. Torsten Weigelt lässt seinen alten Kreisblatt-Artikel aufleben und nimmt die Leser mit zum Konzert der Punkband „Ärzte“ vor 12 500 Menschen am Freibad. 15 Jahre ist das nun her, manch andere Geschichte behandelt bereits die Nachkriegszeit. Weshalb es selbst für Paul Pfeffer „eine Menge Neues in dem Buch“ zu entdecken gibt. Weshalb Bürgermeister Albrecht Kündiger, dessen Vergangenheit als Besetzer des B 8-Dammes im Buch auflebt, überrascht über den Erfolg, aber auch begeistert von der Umsetzung ist: „Kelkheim ist keine Wald-Disney-Stadt, Kelkheim ist eine ehrliche Stadt.“ Und dieses Buch sei „ein starkes Stück Kelkheim“.

Das Werk „Kelkheim schreibt ein Buch“ kostet 15 Euro und ist im Buchhandel zu bekommen; ISBN 978-3-9818405-0-6 .

(wein)

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