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Die Familie im Nationalpark.

Interview

Kelkheimer Familie war 19 Monate mit kleinen Kindern in aller Welt unterwegs - das haben sie gelernt

19 Monate war die Familie Gimbert aus Kelkheim mit zwei kleinen Kindern in aller Welt unterwegs. Im Kreisblatt-Interview erzählen sie davon und geben auch Tipps für Nachahmer.

Herr Gimbert, haben Sie die Kapuzenjacke noch, die Sie fast ein Jahr nonstop getragen haben?

BENJAMIN GIMBERT: Ja. Die gibt’s noch. Die wird auch für immer aufgehoben. Obwohl sie schon zwei Löcher hat. Aber zur Beruhigung: Ich habe sie auch gewaschen.

Und gab’s als erste Mahlzeit zurück in Deutschland Schwarzbrot, weil Sie beide das doch so vermisst haben?

KATHRIN GIMBERT: Tatsächlich sind wir nach unserer Ankunft in Kelkheim erstmal zum Bäcker gefahren. Haben uns deutsche Brötchen und ein Brot gekauft.

BENJAMIN GIMBERT: Das war wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Seit August sind Sie wieder in Kelkheim. Da kamen Sie noch in den Super-Sommer. Aber wie fühlt sich das Leben jetzt im Winter an?

KATHRIN GIMBERT: Anfangs fand ich es schön, wieder Jahreszeiten zu haben. Inzwischen denke ich: Na ja. Zuletzt habe ich morgens den Kindern wegen der Kälte Skianzüge anziehen müssen. Da haben sie gesagt: „Wir wollen wieder an den Strand.“

Wie schwer fiel der Einstieg?

KATHRIN GIMBERT: Am Anfang haben wir uns gefreut, die Familie und die Freunde zu sehen. Aber da ich jetzt wieder arbeiten gehe, ist es schon eine Umstellung. Da muss sich der Familienalltag wieder finden. Es muss sich einspielen.

BENJAMIN GIMBERT: Wir waren am Schluss schon ein bisschen reisemüde. Es hat irgendwo gereicht.

Sie haben die Auszeit kaum geplant, haben das im Dezember 2016 entschieden und sind im Februar geflogen. Die richtige Entscheidung?

KATHRIN GIMBERT: Ich fand’s gut so. Hätten wir die Reise ein, zwei Jahre vorher geplant, hätten wir sie nicht gemacht und kalte Füße bekommen. Mein Mann hat gefragt: „Machen wir das wirklich?“ Im Nachhinein war es richtig so.

Was waren die schönsten Momente?

BENJAMIN GIMBERT: Ein Moment? Oh, das ist echt schwer. Ich nenne die Übernachtung in der Wüste im Death Valley. Auf einem Campingplatz, da war keiner. Den Sternenhimmel nachts zu sehen, das war phänomenal. Und es war ein gutes Gefühl, mit einem Wohnmobil voll mit Essen und einem vollen Tank loszufahren. Dieses Bewegliche vermisse ich.

KATHRIN GIMBERT: Das Filmset von „Herr der Ringe“ in Neuseeland oder generell den Kontakt mit Delphinen kann ich nennen.

BENJAMIN GIMBERT: Das Surfen mit Robben nicht zu vergessen.

KATHRIN GIMBERT: Für uns als Familie war besonders schön: Die Geschwister sind sich unglaublich nahe gekommen. Anna Loni so aufwachsen zu sehen, die ersten Schritte, dann der erste Geburtstag und der Nikolaus im Wohnmobil.

Moritz, wie hat dir die Reise gefallen?

MORITZ: Toll. Das Wohnmobil und der Freizeitpark waren am schönsten. Zu Hause habe ich mich auf mein Zimmer gefreut und auf die Spielfreunde.

Kannst du ein bisschen Englisch?

MORITZ: Ja. My Name ist Moritz. Oder hot und cold. Und Kinder habe ich gefragt: Wanna play?

Welche Vorfälle würden Sie vergessen?

KATHRIN GIMBERT: Ich wurde von einem Rochen gestochen.

BENJAMIN GIMBERT: Ich wollte mich beim Notruf einfach nur informieren. Das lief dann wie im Kriminalfilm. Da kam ein Riesenlöschzug, parkte vor unserem Wohnmobil, und die Helfer haben Kathrin versorgt. Es gab noch eine Reihe von Dingen: Moritz hat sich den Arm geprellt, ist vom Skateboard gefallen und hat sich am Grill verbrannt. Anna Loni ist mal aus dem Wohnmobil gefallen. Wir hatten einen geplatzten Reifen, und uns wurde ein Fahrrad geklaut. Als wir das Wohnmobil in den USA übernommen haben und vieles nicht funktionierte, da hätte ich die Reise am liebsten abgebrochen.

Wie ist das mit zwei kleinen Kindern?

KATHRIN GIMBERT: Je kleiner sie sind, desto einfacher ist es.

BENJAMIN GIMBERT: Es funktioniert. Wir haben die Kinder zum Beispiel in einer kleinen Plastikwanne gebadet. Das geht. Dann kamen wir nach Hause und waren mit dem Luxus im Haus konfrontiert. Wir haben die Sachen aus den Koffern eingeräumt und gemerkt: Es fehlt uns nichts. Auch wenn noch Kisten im Keller standen.

Sie haben die Chance genutzt, aus dem Hamsterrad rauszukommen. Was würden Sie anderen Menschen raten?

KATHRIN GIMBERT: Vielleicht nicht zu lange darüber nachdenken, sondern einfach machen. Sich vom Sicherheitsdenken in Deutschland lösen. Dazu passt ein Zitat: „Das Geld kommt zurück, die Zeit nicht.“ Vielleicht sollte man mal eine Drei-Monats-Auszeit nehmen, es müssen ja nicht gleich zwei Jahre sein. Man sollte keine Angst vor fremden Ländern haben. Anfangs waren wir auch übervorsichtig, später dann entspannt.

Was nehmen Sie mit für ihr nun wieder „normales“ Leben?

BENJAMIN GIMBERT: Wir haben gelernt, dass man alles schaffen kann, man kriegt das alles hin. Diese Tipps geben wir in kleinen Filmen weiter: Wie man ein Wohnmobil in den USA von Deutschland aus kauft oder Langstreckenflüge mit Kindern überlebt.

KATHRIN GIMBERT: Ich finde, wir sind noch ein Stück weltoffener geworden. Das Leben ist mehr als der Alltag. Vorher habe ich mich manchmal im Hamsterrad gefühlt. Während der Reise konnte ich frei entscheiden.

BENJAMIN GIMBERT: Und wir haben mitgenommen, dass man nicht so viel braucht. Man denkt jetzt schon noch mal bei Käufen: Brauche ich das unbedingt?

Wie haben Sie Kelkheim nun erlebt?

KATHRIN GIMBERT: Ich habe Kelkheim mehr schätzen gelernt. Ich gehe mit anderen Augen durch. Ich weiß, wie gut es einem geht.

Können Sie sich eine Wiederholung einer solchen Reise vorstellen?

BENJAMIN GIMBERT: Wir können uns nicht mehr vorstellen, zwei Wochen in eine Ferienanlage zu gehen. Da kommen wir uns vor wie in einem Gefängnis. Wohnmobilreisen, das ist unsere Sache. Meine Eltern haben ein Wohnmobil, das dürfen wir uns ausleihen. Da freuen wir uns schon drauf.

19 Monate, ein Kanal, einige TV-Auftritte

Genau ausgerechnet haben sie es nicht. Doch waren Kathrin (37) und Benjamin Gimbert (39) mit den Kindern Moritz (5) und Anna Loni (2) gut 19 Monate in aller Welt unterwegs. Sie haben ihre Zelte in Kelkheim abgebrochen, das Haus zeitweise vermietet. Eigentlich wollten sie erst nach Südostasien, doch davon wurde ihnen mit den Kindern abgeraten.

Begonnen hat ihre Auszeit also im Februar 2017 in China, Australien und Neuseeland, das sie gefühlt mit dem kleinsten Wohnmobil der Welt bereisten. Das war die Testphase für drei Monate. Weil es so gut lief, entschieden sie sich für eine Fortsetzung. Sie kauften von Neuseeland aus in den USA ein Wohnmobil und waren dann in Amerika noch rund 10 Monate sowie gut 20 000 Meilen unterwegs – vor allem an der Westküste, aber auch in Kanada und Mexiko. Die Reise endete mit einem Freundschaftsbesuch in Toronto. Weihnachten 2017 verbrachten sie in der Heimat, weil das USA-Visum neu beantragt werden musste.

Nun hat die Familie der Alltag wieder. Gesundheitsökonomin Kathrin Gimbert ist nach der Elternzeit zurück bei ihrem Arbeitgeber. Ihr Mann, Betriebswirt und zuletzt im Marketing bei einem Automobilhersteller tätig, hat damals seinen Job gekündigt und ist nun auf der Suche. Ihre Reise ist schon bekannt geworden. Das Paar betreibt auf YouTube den Kanal „Planlos Familien-Vlog“, zudem waren sie zweimal im Fernsehen – zuletzt in der ARD („Live nach 9“). Solche Dinge seien schön, sagt Kathrin Gimbert: „Dann wird man nämlich daran erinnert, dass die Reise etwas ganz Besonderes war. Über YouTube wollen wir andere auch dazu motivieren.“ (wein)

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