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Im Schatten von Rita Born hat sich das Kunstkaufhaus recht gut entwickelt. Doch auch dieses Objekt wird mit verkauft werden. 

Traditionskaufhaus in Kelkheim

Großes Bedauern über das langsame Aus vom Kaufhaus Rita Born

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Über Schließung des traditionellen Kaufhauses Rita Born zum Jahresende hat das Kreisblatt exklusiv berichtet. Das rief viele Reaktionen hervor – die von Trauer bis Realismus reichen. Eine neue Bleibe muss sich das Kunstkaufhaus suchen (siehe Box).

Kelkheim - „Ja, bekenne mich auch mitschuldig. Habe ich als Kind noch jeden Pfennig von meinem Taschengeld dahin getragen, so wurde es doch zunehmend immer weniger.“ Das schreibt ein Bürger in den Sozialen Netzwerken, auf Facebook bei „Alles rund um Kelkheim“. Diesem Kommentar folgen gut 40 weitere, das Aus für das Kaufhaus Rita Born hat betroffen gemacht. Das Kreisblatt hatte berichtet, dass der fast 75 Jahre alte Betrieb mit gut zehn Mitarbeitern Ende 2019 aus wirtschaftlichen Gründen seine Pforten schließen wird. Es sei keine Insolvenz, dafür der stetige Rückgang der Umsatzzahlen durch starke Konkurrenz im Internet oder günstigere Kaufhaus-Ketten, haben die Inhaberinnen Rita Quante und Jutta Beifuß betont. Das Areal soll verkauft, das Ensemble abgerissen und neue Wohnungen gebaut werden – so der Plan.

Das Bedauern ist groß. Bei „Alles rund um Kelkheim“ schimpfen einige Nutzer auf die Billig-Konkurrenz: „Bin traurig. Habe immer zuerst bei Rita Born eingekauft. MTZ mag ich nur im Notfall.“ Oder: „Demnächst müssen wir uns noch Brot, Wurst und Lebensmittel vom Versandhandel schicken lassen.“ Eine andere Nutzerin erinnert an das Hofheimer Kaufhaus Diener, das vor einigen Jahren schloss – und Rita Born als eines der letzten inhabergeführten Familienunternehmen im Kreis zurückließ.

Kaufverhalten ändert sich

Doch es gibt auch die andere Seite, die im Netz diskutiert wird. Warum die Firma das Internet nicht für ihre Zwecke genutzt und dort Werbung gemacht habe, heißt es da. „Die Zeiten ändern sich und auch das Kaufverhalten der Leute. Das kann man niemanden vorwerfen. Anscheinend lebt es sich für viele in Kelkheim auch ohne Kaufhaus gut, sonst wären die ja alle regelmäßig dorthin gegangen“, redet jemand Klartext. „Wer allerdings das Internet dafür verantwortlich macht, dass ihm die Kunden wegbleiben, der hat das Internet nicht verstanden. Nie zuvor war es für den Einzelhandel, Dienstleister oder Handwerker einfacher und günstiger, Menschen in ihrer direkten Umgebung zu erreichen“, schreibt ein weiter Nutzer. Was in dem Forum gekontert wird mit dem Hinweis: „Wir leben in der Welt, die wir zulassen.“

„Ich bedauere das sehr“, sagt auch Rainer Brestel, der Vorsitzende der Vereinigung Kelkheimer Selbständiger (VKS). Doch auch er weiß: „Der Markt bestimmt den Umsatz. Die Verbraucher haben entschieden, dass sie das Kaufhaus nicht mehr möchten.“ Es gebe in Kelkheim Beispiele, wo ein Laden und ein Online-Geschäft sehr gut parallel laufen. Genau dieses Thema will die VKS nun mit Workshops aufgreifen, um Schließungen vorzubeugen. Dass es am Standort von Rita Born wieder Gewerbe geben wird, da sieht Brestel „keine Chance“. Aber möglicherweise entstehe in Kelkheim neuer Bedarf, wenn es das Sortiment von Born – von Kleidung über Haushaltswaren bis zu Spielsachen – nicht mehr gebe. Seine Gefühlslage ist aber eine andere: „Für Kelkheim tut es mir leid. Das ist sehr, sehr schade.“

„Ich habe selten so eine Institution gesehen, die auf so viel Menschlichkeit basiert“, lobt Tina Jezeran, die mit ihrer kleinen Firma „Klaamotte“ bei Rita Born Unterschlupf gefunden hat. Schon mehrfach habe sie dort ihre Hemden und Blusen, bei denen viel Wert auf fair produzierte Ware gelegt wird, anbieten können. Sie nennt das Kaufhaus „ein Herzstück“, das auch immer eine Lösung möglich gemacht habe. Zuletzt haben immer weniger Kunden den Weg dorthin gesucht, „aber nun erschrecken sie alle plötzlich“, betont Jezeran.

Infobox: Team vom Kunstkaufhaus muss sich eine neue Bleibe suchen

Groß ist das Bedauern auch bei Silke Offermann. Im doppelten Sinne: Sie ist die Vorsitzende des Vereins Kelkheimer Kunstkaufhaus, das in den Räumen der ehemaligen Schlecker-Drogerie sein Zuhause hat. Da dieser Bereich zum Ensemble von Rita Born gehört, muss sich die Kunstgalerie eine neue Bleibe suchen. Offermann ist schon dran, hat bereits einen Termin bei Bürgermeister Albrecht Kündiger ausgemacht. Bei der Mitgliederversammlung vor wenigen Tagen, wo mit Gunhild Kaule eine neue Kassenwartin gewählt wurde, war dies Thema. Zwar findet Offermann das schade, „wo das Kunstkaufhaus gerade so gut lief“. Aber ebenso wie die VKS sieht sie es als Chance, „wenn sich etwas Neues auftut“. Für den Verein stellt sie klar: „Das geht weiter.“ Denn die Gruppe ist sehr aktiv, hat knapp 30 Mitglieder, darunter fast nur engagierte Künstler. Sie stellen in den Räumen ihre Werke aus – durch eine Miete kann sich der Verein mit finanzieren. Eine gemeinsame Ausstellung mit Künstlern aus der Bretagne ist wieder geplant, zudem zwei Auftritte von Musiker Jürgen Nuffer am 4. Mai und im Herbst. Silke Offermann ist traurig über den Abschied von Rita Born: „Wenn das Kaufhaus zumacht, gibt es bald nichts mehr. Dann gucken sich viele um, denn das war ja eine Institution.“ wein

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