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Drei Leidenschaften von Horst Schmidt-Böcking: Für seinen Wohnort Ruppertshain setzt er sich ein . . .

Preisgekrönt

Wie ein Kelkheimer mit Note 5 zum Physik-Professor wurde

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Er ist einer der pragmatischsten Politiker in der Stadt: SPD-Mann Horst Schmidt-Böcking hat schon viel erreicht und noch einige Vision für seine Heimatstadt.

Kelkheim - Er strotzt vor Energie. Vergangene Woche stiefelte Horst Schmidt-Böcking mit dem Kreisblatt durch den Wald, um vergessene Wasserquellen zu suchen. Eines der Themen, die ihn umtreiben. Gestern ist er in Sachen Universität bis spät abends unterwegs gewesen. Vielleicht lässt es der Ruppertshainer aber heute ein bisschen ruhiger angehen, denn Schmidt-Böcking wird 80. Eine Zahl, die dem Mann der Zahlen keine Probleme bereitet. „Ich fühle mich im Kopf wie 50. Ich wäre auch in der Lage, noch zentnerschwere Steine zu einer Mauer zu verarbeiten.“

. . . in der Paulusgemeinde spielt er Posaune (Mitte) . . .

Das muss er nicht, denn sein Steckenpferd ist die Physik. Zum weltweit anerkannten und preisgekrönten Professor der Atom- und Molekülphysik hat er es gebracht, seine Expertise ist noch heute gefragt. Dabei sah es nicht nach einer solchen Karriere aus. Aufgewachsen im Dorf Trupach bei Siegen, wo er seine spätere Frau Marlies schon kennenlernte, erlebte er den Krieg als Kind mit. Das heimische Grundstück wurde von 34 Granaten getroffen, nach 1945 die Schule neu begonnen. Mit einer Lehrerin und Essen-Spenden der Quäker-Glaubensgemeinschaft aus den USA. Wer eine Rechenaufgabe schnell löste, erhielt Schokolade. So wurde Schmidt-Böckings Leidenschaft für Naturwissenschaften entfacht. Lehrer Kurt Bintig machte sich gegen den Widerstand der Mutter, sein Vater war im Krieg gefallen, für den Weg aufs Gymnasium stark. Der Physiklehrer dort habe didaktisch viel erreicht – „und tolle Versuche gemacht“. Und selbst wenn der Jugendliche in der Physik-Zulassungsarbeit fürs Abi eine „Fünf“ bekam, wegen grammatikalischer, nicht inhaltlicher Fehler – so stand sein Entschluss fest: Er will Physik studieren. 4 von 21 Klassenkameraden dachten genauso, 2 wurden wie Schmidt-Böcking auch Professor. Darunter sogar Joachim Frank, der 2017 als Biophysiker den Nobelpreis für Chemie erhielt.

„Faire Chance“ genutzt

Schmidt-Böcking ist vor allem die Stern-Gerlach-Medaille sehr wichtig, die höchste Auszeichnung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die er 2010 erhielt. Über Nobelpreisträger Otto Stern hat er auch eine Biografie geschrieben. 2007 bekam er den Davisson-Germer-Preis erster Nicht-Amerikaner in den USA. Studiert hat er in Würzburg und Heidelberg. Aber er war kurz vor dem Absprung in die freie Wirtschaft zum Reaktorbau, als die Habilitationsordnung geändert wurde: Nun mussten nicht mehr alle Kollegen einer Professur zustimmen. Der Kelkheimer nutzte diese „faire Chance“, wie er sagt, und wurde 1982 Chef in Frankfurt.

. . . und als Physiker ist er gefragt.

Er verschrieb sich der Erforschung der Atome und Moleküle, die in Sekundenbruchteilen sichtbar gemacht werden. Seine Erfindung des „Coltrim-Reaktionsmikroskops“ ermöglicht es, die Elektronendynamik in Reaktionen mit bisher unerreichter Präzision dreidimensional und zeitaufgelöst zu beobachten. Als Forscher sei er glücklich gewesen, „wenn wir dem lieben Gott etwas abluchsen konnten, was man noch nicht kannte“. Seinen Studenten riet er daher, „die richtigen Fragen zu stellen“. Die Antworten seien ja überall nachzulesen. Um seine Forschungen zu unterstützen, gründete er eine Firma, die Geräte baut und an Labore in aller Welt vertreibt. Zudem schlug er 2011 mit Gerhard Luther unterseeische Pumpspeicherkraftwerke vor, um die Windenergie aus den Meeren abzuschöpfen. Eine Umsetzung wäre noch so ein Traum für einen Mann, der ansonsten fast rundum zufrieden ist.

Als Vater von zwei Töchtern und dreifacher Opa ist er immer wieder gefragt – gerade bei Experimenten mit den Enkeln. In Kelkheim ist er seit 2000 als SPD-Stadtverordneter engagiert – mittelfristig werde er aber jüngeren Kollegen Platz machen, kündigt er an. Umtriebig wird er bleiben. Schon seit Jahren macht er nicht nur Werbung für Kreisel, sondern auch für eine Umgehungsstraße. Beim Kelkheimer Verkehrsproblem ist sie für ihn alternativlos, zum Teil mit einem Tunnel auch durchaus umweltverträglich machbar, findet er. Ideologie in der Politik ist ihm fremd, Pragmatismus seine Sache. Da zählt er schon mal selbst den Verkehr oder misst Feinstaubwerte. Ausgleich von all dem findet er beim Posaunen-Spiel in der evangelischen Paulusgemeinde oder als Zweiter Vorsitzender der Bürgerstiftung. Da schließt sich der Kreis: Denn beim Wettbewerb „MINT-Spitzen“ unterstützt der Träger des Bundesverdienskreuzes junge Naturwissenschaftler an Schulen.

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