+
Chefin Sandra Herrmann (links) und Mitarbeiterin Bianca Lambie rüsten sich für einen Einsatz in der Schädlingsbekämpfung auch mit diversen Desinfektionsmitteln und einem Ganzkörperschutzanzug aus.

Tatortreinigung gehört dazu

So ist es Schädlingsbekämpferin zu sein

Als Schädlingsbekämpferin ist Sandra Herrmann in einer Männerdomäne erfolgreich.

Kelkheim - Insbesondere den Bettwanzen hat er den Garaus gemacht, und das bereits im Mittelalter – daher hat der „Kammerjäger“ seinen Namen. Doch heute heißt es „Schädlingsbekämpfer“, erklärt Sandra Herrmann, die aus Kriftel stammt. Sie muss es wissen, übt sie diesen Beruf doch seit rund acht Jahren aus. Damals absolvierte die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau diese spezielle Ausbildung, um nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes seine 1996 gegründete Firma, die Schädlingsbekämpfung Rhein-Main GmbH mit Filialen in Kelkheim, Hofheim und Gründau, übernehmen zu können. Inzwischen hat sie fünf Mitarbeiter, darunter mit Bianca Lambie (44) auch eine Desinfektorin und Hygienetechnikerin.

Generell ist Herrmann die hohe Qualifikation ihres Teams wichtig: „Bei mir geht keiner raus zum Kunden, der nur einen Tageslehrgang absolviert hat. Denn wenn man mit Gift hantiert, haftet man auch dafür, daher beschäftige ich keine Hilfskräfte.“ Jeder ausgebildete Schädlingsbekämpfer müsse zudem eine Genehmigung des zuständigen Veterinäramts bei sich tragen, dass er diesen Beruf überhaupt ausführen darf. Und Kunden sollten sich diesen Nachweis ruhig auch zeigen lassen, so der Tipp der Expertin.

Kunden schämen sich, wenn Schädlingsbekämpfer ins Haus kommen muss

Ein Blick in eine Messie-Wohnung.

Wichtig ist ihr auch die absolute Neutralität, die sich schon auf ihrem Auto zeigt – beziehungsweise nicht, denn dort ist keinerlei Werbung zu sehen, weder Logo noch Firmenname oder Website. Auch sind sie und ihre Kollegen bei Erstgesprächen oder Besichtigungen immer „zivil“ gekleidet; erst im Einsatz tragen sie Schutzkleidung. „Viele Menschen schämen sich vor den Nachbarn, wenn ein Schädlingsbekämpfer ins Haus kommt, oder befürchten eine Rufschädigung. Gerade bei Bäckereien oder Restaurants kann das problematisch werden, wenn dann die Gäste ausbleiben.“ Im Bekannten- und Freundeskreis gebe es kaum Vorbehalte, aber sie sei oft mit großer Neugierde konfrontiert, erzählt die 48-Jährige. „Das ist ja sowieso ein ungewöhnlicher Beruf, noch dazu als Frau, und so wollen die meisten ganz viel wissen. Wir sind halt mit Sachen konfrontiert, die für viele Leute unvorstellbar sind.“ Doch gerade ihr Alltagsgeschäft macht sie sehr gerne: „Man hat immer mit Menschen zu tun, denen man hilft, und so sind wir gerne gesehen.“ 

Bei Industriekunden und in Kommunen kümmert sich ihr Team vor allem um die regelmäßige Hygieneüberwachung von Küchenbetrieben; hier werden Wartungsverträge abgeschlossen. Für Nachlassgerichte übernimmt das Unternehmen auch die Räumung von Messie-Wohnungen, wobei Entrümpelung generell zum Portfolio gehört. Im Privatkundenbereich geht es meistens um den Einsatz gegen Nagetiere oder Insekten, die es sich im Haus ein wenig zu gemütlich gemacht haben. Gerade in alten Häusern haben sie mit Schaben, Mäusen, Ratten zu tun, in ländlicheren Gegenden sind es Marder und Siebenschläfer. 2018 konnte Herrmann aufgrund des heißen und trockenen Klimas eine enorme Nachfrage bei der Beseitigung von Wespennestern verzeichnen. „Wenn das bei Kindergärten oder Allergikern vorkommt, sind wir spätestens nach zwei Stunden vor Ort. Ansonsten garantieren wir, dass wir innerhalb von 24 Stunden beim Kunden erscheinen.“

Jeder zehnte Fall ist eine Tatortreinigung

Etwa jeder zehnte Fall betrifft die Reinigung eines Tatorts oder einer Suizidwohnung. Auch dann ist das Team schnellstmöglich dort. Gerade, wenn es bereits einen Madenbefall gegeben hat, wird zuerst ein Schädlingsbekämpfer tätig, bevor desinfiziert wird. Sobald die Keime abgetötet und der Geruch verschwunden ist, kann – sofern gewünscht – die Wohnung geräumt werden. Herrmann und Lambie, die im Garten- und Landschaftsbau tätig war, bleiben von solchen Schauplätzen nicht unbeeindruckt. Besonders zu kämpfen haben sie, wenn sie eng mit Angehörigen eines Verstorbenen zu tun haben. „Das Schlimmste war für mich der Suizid eines jungen Vaters, der – von außen betrachtet – das perfekte Leben hatte, aber wohl unter Depressionen litt“, sagt Herrmann. „Man macht sich dann viele Gedanken über das Zwischenmenschliche. Denn trotz dieses Jobs und der vielen Bilder, die ich sehe, stecke ich nicht alles einfach so weg.“

VON STEPHANIE KREUZER

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare