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Das ist Rita Born: Gleich vom Eingang aus öffnet sich der Blick in die erste Verkaufsetage.

Traditionsgeschäft in Kelkheim

Der langsame Abschied von Rita Born: Kaufhaus schließt nach gut 75 Jahren Ende 2019

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Das Kaufhaus Rita Born ist eine Marke in der Möbelstadt und darüber hinaus. Es waren mal bis zu 55 Mitarbeiter. Für die Chefinnen und die acht Kollegen soll Ende 2019 nun Schluss sein.

Kelkheim - Gestern Mittag im Kaufhaus Rita Born. Rita Quante unterhält sich mit einer treuen Kundin. Da hat eine andere Kelkheimerin eine Frage, die Inhaberin ist sofort zur Stelle. Auch der treue Besuchshund bekommt eine Streicheleinheit. Und zwischendurch bittet sie das Kreisblatt freundlich in den Besprechungsraum im zweiten Stock. Die Nachricht, die sie dort verkündet, fällt ihr nicht leicht. Doch es ist beschlossen Sache: Die beiden Inhaberinnen, Rita Quante und ihre Schwester Jutta Beifuß, werden das bekannte Kelkheimer Kaufhaus Rita Born Ende 2019 schließen. Vermutlich wird das Areal an einen Interessenten verkauft, der Komplex abgerissen und dafür neuer Wohnraum entstehen.

Gründerinnen: Rita Born (re.) und ihre Schwester Elfriede Beifuß.

„Wir geben es natürlich mit einem tränenden Auge ab“, sagt die engagierte Kelkheimerin – um in einem Atemzug aber zu betonen: Bis zum letzten Tag wird das Team von derzeit acht Mitarbeitern wie immer Vollgas für die Kunden geben. Die neue Frühjahrs- und Sommer-Kollektion steht bereits in den Startlöchern, der Geschäftsbetrieb geht wie gewohnt weiter. „Wir haben zu allen ein gutes Verhältnis“, sagt Rita Quante und meint damit die Mitarbeiter, die Kunden und die Stadt.

Gefragt nach dem Grund für das Aus nennt die Inhaberin spontan ein Problem: „das Internet“. Sie möchte Gerüchten vorbeugen, dass dieses gut 75 Jahre alte Unternehmer insolvent sei oder die beiden Schwestern aus Altersgründen „Tschüss“ sagen. Fakt jedoch ist: Die Umsätze seien in den vergangenen Jahren zurückgegangen, die Kundenfrequenz habe entsprechend abgenommen. Zudem sei es in der schlechten Lage an der Hornauer Straße nicht leichter geworden, denn „die Musik spielt in der Stadtmitte“, so Rita Quante. Dass unter anderem dort große Ketten Läden eröffnen und weitere Konkurrenz machen – sie erwähnt es, will darüber aber nicht lamentieren. Auch das nahe gelegene MTZ ist natürlich starker Mitbewerber.

Der Verstand siegt

Die Entscheidung ist im vergangenen Jahr gefallen. Es habe sich ein Interessent für das rund 1500 Quadratmeter große Areal gemeldet, berichtet Quante. Das habe die Schwestern zum Nachdenken gebracht. „Das Herz sagt ,Nein’, der Verstand ,Ja’“, erinnert sie sich an die Gefühlslage. Da zudem in den nächsten Jahren hohe Investitionen angestanden hätten, entschlossen sich die Schwestern zur Schließung.

Gerade für die älteren Stammkunden tue ihr das besonders leid, betont Quante. Denn schließlich habe Rita Born bei Umfragen immer sehr gute Bewertungen erhalten und sei stets auf die Menschen eingegangen: Sei es mit Sonderwünschen, der Lieferung nach Hause oder dem geschulten Fachpersonal in der Beratung. All das gebe es auch bis zum Schluss, macht Rita Quante noch einmal deutlich.

Erst kleiner Handel

Das Bedauern der Kunden, die es schon wissen, ist groß. Den Schritt kann mancher nachvollziehen, die Kelkheimer haben mit ihrem Kaufverhalten darüber „abgestimmt“. „Die Leute regen sich auf über die Geschäfte, die schließen. Aber kaufen alle im Internet“, sagt eine Kundin und betont: Das Motto „Dusch mich, aber mach mich nicht nass“ könne sie nicht nachvollziehen.

Das Ensemble mit Kaufhaus, Wohnungen und dem Kunstkaufhaus wird vermutlich abgerissen und für neuen Wohnraum weichen.

Rita Quante will lieber positiv in die kommenden, arbeitsreichen Monate im bestens bestückten Kaufhaus Rita Born blicken. Und denkt gerne an eine Erfolgsgeschichte der Familie zurück. Ihre Mutter Elfriede Beifuß hat die Firma mit ihrer Tante Rita Born 1945 gegründet – in den Räumen der Schreinerei ihres Großvaters Karl Niegemann an der Weberstraße. Seine Töchter bauten einen kleinen Handel auf, zunächst unter anderem mit Polsterstoffen und Nägeln. Nach und nach kamen Dinge wie Strümpfe und andere Bekleidung hinzu. „Die Leute hatten ja nicht viel, es war ja Bedarf“.

Das Herz im Logo

Später waren es bei Rita Born sogar bis zu 55 Mitarbeiter. Der prägnante kurze Name ihrer Tante habe dem Zeitgeist vieler Gründer entsprochen, weiß sie. Deshalb heißt der Betrieb seit jeher Rita Born. Er prägt noch heute die Stadtgeschichte. Wobei die Schwestern längst ein Herz dem Logo hinzugefügt haben. Als Zeichen der Verbundenheit zu Kelkheim. Es brauche im Einzelhandel eben auch weiter Individualität, betonen die Schwestern. Doch Ende 2019 macht eines der wenigen noch inhabergeführten Kaufhäuser in ganz Hessen dicht. Aber: „Wir wollen positiv in den Kelkheimer Köpfen bleiben“, so Quante.

Kündiger: "Einzigartig – eine Institution"

Bürgermeister Albrecht Kündiger hat schon vor Wochen keine gute Nachricht für Kelkheim angekündigt, wollte und konnte aber noch nicht raus mit der Sprache. Dass der Abschied von Rita Born nun offiziell ist, macht ihn als Kunde bereits früherer Jahre schon sehr betroffen: „Das ist eine bittere Nachricht für Kelkheim. Rita Born ist eine Institution. Dieses Kaufhaus ist einzigartig.“ Seine Mutter habe hier schon fleißig eingekauft, für die Kinder seien später die beliebten Geburtstagskisten gepackt worden. „Wenn man etwas woanders nicht gefunden hat, hier hat man es gefunden“, weiß der Bürgermeister aus eigener Erfahrung. Und er erinnert sich noch an den Werbespruch des Geschäfts: „Ein Weg, der sich immer lohnt, ist der Weg zu Rita Born.“

Dass sich das Kaufverhalten der Menschen derart verändert habe, bedauert Kündiger – auch mit Blick auf den gesamten Kelkheimer Einzelhandel, der mächtig zu kämpfen hat. Mit den beiden Inhaberinnen von Rita Born stehe er aber schon immer im „konstruktiven Austausch“ und sei daher frühzeitig über die Pläne informiert worden. Natürlich ist das Bedauern über das Aus groß, doch mit Wohnbebauung in einem nicht gerade geringen Umfang in zentraler Lage könnte der Kelkheimer Bürgermeister schon gut leben. Zumal die Stadt sich fast gegenüber auch Flächen per Vorkaufsrecht sichern will.

( wein)

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