Leiterin Sigi Breitkopf bei einer kurzen, privaten Lese-Minute mit Louisa und Josef.
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Leiterin Sigi Breitkopf bei einer kurzen, privaten Lese-Minute mit Louisa und Josef.

Leseförderung:

Münster: Hier müssen die Leser nicht katholisch sein

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Einrichtung der Kirche ist eher Stadtteilbücherei, mehr Personal wird gesucht, längere Öffnungszeiten sind geplant.

Münster. "Heute wird's voll." Helga Krüger blickt zufrieden zum Eingang der Katholischen Öffentlichen Bücherei (KÖB) neben der Dionysius-Kirche. Klein und Groß betreten nacheinander den Raum, halten Abstand, haben den Mund- und Nasenschutz auf. Leiterin Krüger freut es. Auch Sigi Breitkopf, mit der sie die Einrichtung führt, ist zufrieden. Und Kollegin Andrea Mager hat bei der Rückgabe- und Ausleihe schon ziemlich gut zu tun.

Bevor Breitkopf ihr helfen kann, hat sie noch einen Spezial-Auftrag: eine kleine spezielle Vorlese-Runde im Kinder- und Jugendbereich im Keller. Louisa und Josef, beide acht Jahre alt, nehmen gerne in der Sitzecke Platz und lauschen, was im Buch "Wir müssen zur Arbeit" steht. Im Gegensatz zum Titel können sie sich aber entspannen. Josef findet die Einrichtung toll. "Es gibt so viele Bücher", schwärmt der Junge. Und auch Louisa findet hier immer Lesefutter. Zur Freude ihrer Mutter Andrea Schmidt. Das sei hier alles "mit viel Liebe gemacht", lobt die Frau aus Münster, die schon als Kind in der KÖB war. Gerade für junge Leser finde sich immer etwas, lobt sie. Auch in der Pandemie sei eine Ausleihe möglich gewesen, sagt Schmidt.

Chefin Breitkopf ist aber froh, dass die schwere Zeit rum ist und die Bücherei seit Juni wieder öffnen kann. Eine Ausleihe in den Ferien sei nun wichtig gewesen - und das große Interesse gibt dem Team Recht. Die Mannschaft um das neue Leitungsduo Krüger und Breitkopf würde gerne sogar mehr machen. Sieben Damen helfen ehrenamtlich mit. Eine weitere Interessentin schaut sich das an diesem Nachmittag an. "Wir hätten gerne mehr Personal", betont Breitkopf. So manche Hausfrau helfe mal zwischendurch, Verstärkung wäre wichtig, damit die KÖB ihre Öffnungszeiten ausbauen kann. Derzeit ist mittwochs von 15.30 bis 18 Uhr Ausleihzeit. Ein zweiter Tag wäre denkbar, wenn es ausreichend Personal gibt, so Breitkopf und Krüger. Nicht angekommen sei hingegen das Angebot, sonntags nach dem Gottesdienst die Bücherei zu öffnen. Das hat das Team wieder eingestellt.

Rund 2300 Medien auf neuem Stand

Ganz wichtig ist den Helfern, auf das Ö in der KÖB hinzuweisen. Die Bücherei sei öffentlich, für jedermann zu besuchen, stellt Breitkopf klar. Eine Dame habe mal gefragt: "Muss ich katholisch sein?" Ein klares "Nein" kommt von den Helfern. Mehr sei es eine kleine Stadtteilbücherei, die es sonst in Kelkheim so nicht mehr gibt. Ganz früher seien die Bücher katholisch ausgelegt gewesen. Inzwischen gibt es zwar weiter Religions-Werke, sie machen einen Bruchteil der 2300 Medien aus. Die Palette reicht von Zeitschriften, Romanen, Krimis, Hör- und Sachbüchern für Erwachsene über Bilder-, Vorlese- Hörbücher für Kinder, Jugendbücher bis zu Spielen für alle Generationen.

Die Corona-Zeit hat das Team genutzt, um die Bestände zu durchforsten. Nun sei alles sehr aktuell, betont Breitkopf. Auch seien die Räume renoviert, Leseecken gerade für die Kleinen geschaffen worden. Dennoch war die Pandemie eine schwere Zeit für die KÖB. Wichtige Veranstaltungen wie die Buchausstellung und der Bücherflohmarkt fielen aus. Das Familiencafé "Franziskuss" gab es ebenfalls nicht, dort präsentierte die Bücherei gerne mal ihre Werke. Zum Teil war die Einrichtung komplett geschlossen, zum Teil lief es über Vorbestellungen. Mit dem Neustart wurden nun auch die Öffnungszeiten etwas erweitert.

Breitkopf, Krüger und Co. blicken optimistisch in die kommenden Monate. Sie haben sich zur Aktion "Lesestart" angemeldet, bei der nach den Ferien jedes Kindergarten-Kind ein Buch bekommt. Gut laufe die Initiative "Blind Date". Hier liegen in Zeitungspapier eingepackte Bücher bereit. Ein Zettel verrät nur das Genre und den ersten Satz. "Wir sahen einander böse an", heißt es da zum Beispiel zu einem Roman, den sich Interessenten als Überraschung mitnehmen können. Im Herbst soll es dann einen Krimiabend in der KÖB geben, die Weihnachts-Buchausstellung ist geplant, zudem eine Autorenlesung im nächsten Jahr.

"Die Bücherei ist auch ein Treffpunkt. Leseförderung für Kinder steht sehr im Vordergrund", betont Leiterin Krüger, die genau das Jahrzehnte lang als Lehrerin der Kelkheimer Pestalozzischule in die Tat umsetzte und findet: "Ein Buch in der Hand zu haben, ist etwas ganz Anderes."

Lese-Einrichtungen schon seit 1923

Träger der KÖB ist die katholische Kirchengemeinde St. Franziskus. Unterstützung gibt es aber auch von der Fachstelle für Büchereiarbeit des Bistums Limburg, die etwa Fort- und Weiterbildungen anbietet. Anmelde- und Ausleihkosten gibt es hier nicht, höchstens mal Versäumnisgebühren, wenn etwas zu spät zurückgegeben wurde.

Die Bücherei ist längst eine feste Säule in Münster. Schon 1923/24 wurde mit der Gründung des Bildungsvereins eine kleine Lese-Einrichtung installiert, die immerhin auch rund 2000 Bände vorweisen konnte. 1934 mussten Werke "verbotener" Schriftsteller aussortiert werden, in der Zeit der großen Arbeitslosigkeit lagen dort viele Zeitungen aus, die von den Verlagen gespendet worden waren. Im Laufe des Krieges wurde die Einrichtung geschlossen.

Mit dem Bau des Kindergartens 1964 wurde dann eine öffentliche Bücherei eingerichtet, deren Träger die Kirchengemeinde war. Der Keller unter der Kita war aber zu abgelegen, so dass 1970 der heutige Bereich neben der Kirche bezogen wurde. Später kam der ehemalige Nähraum dort im Keller für die Kinder hinzu.

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