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Münster: "Ich bin noch hoffnungsfroh, dass es ,klick' macht"

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Von: Frank Weiner

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"Kein Baugebiet im Schlämmer!" Dieses Schild hat Hans-Georg Sachs wieder aus dem Busch geholt. Mit Markus Göllner von der UKW schaut er sich das potenzielle Baugebiet in Münster an.
"Kein Baugebiet im Schlämmer!" Dieses Schild hat Hans-Georg Sachs wieder aus dem Busch geholt. Mit Markus Göllner von der UKW schaut er sich das potenzielle Baugebiet in Münster an. © wein

Kritiker zur "Schlämmer"-Erweiterung - Sogar Bürgerentscheid denkbar.

Münster. Hans-Georg Sachs spaziert über die feuchte Streuobstwiese. Er sucht Markierungen des durch die Politik vergrößerten Baufensters, die er hier angebracht hat. Doch sie sind nicht mehr zu entdecken. Kein Problem für den Münsterer. Denn er kennt das Gebiet "Schlämmer" und die Flächen davor wie seine Westentasche. Der 70-Jährige zeigt auf eine Reihe von Bäumen, die zu seinem Grundstück hier gehören. Es soll nicht bebaut werden und bringt Sachs somit auch kein Geld ein. Das betont er mehrfach, denn es geht ihm nicht um einen Gewinn, sondern um dem Erhalt der Natur.

Ortsbegehung am 5. März

Den sehen Sachs und die politische Fraktion der UKW indes gefährdet. Die Koalition aus CDU, SPD und FDP hat jetzt den Startschuss für einen Bebauungsplan "Vor dem Schlämmer" gegeben, der das Gebiet um rund 6300 Quadratmeter vergrößern soll. Die UKW hat dagegen gestimmt, aber per Antrag noch einen Ortstermin mit Naturschützern und anderen Fachleuten durchsetzen können. Sie sollen am Samstag, 5. März, 13.30 Uhr, bei einem öffentlichen Treffen auf der Fläche zu Wort kommen.

Sachs hat schon vorher Gehör gefunden. Die UKW hat ihn gefragt, ob er als Experte für einen Videodreh zur Verfügung steht. Mit diesem Instrument hat die Fraktion bereits die beiden Bürgermeister-Wahlkämpfe 2015 und 2021 sowie die Kommunalwahl 2021 bestritten. "Wir wollten den Bürger zu Wort kommen lassen", sagt UKW-Mann Markus Göllner. Zuvor sei immer von den Wünschen und Kritiken der Münsterer die Rede gewesen - doch gemeldet habe sich kaum jemand. Die UKW sehe es als ihre Aufgabe, in dieser Sache "mehr Öffentlichkeit zu schaffen" und "Aufklärung" zu betreiben, so Göllner. Gemeinsam mit Jochen Ballach begleitete er Sachs über die Flächen.

Deutliche Worte findet Sachs auch beim Rundgang mit dieser Zeitung. Er denke durchaus über einen Bürgerentscheid gegen das Baugebiet nach, weiß aber: "Das ist eine hohe Hürde, das braucht viel Kraft." Beim Entscheid zum Erhalt des Pfarrzentrums Kelkheim und Umbau in ein Museum mit Kulturhaus hatte er sich engagiert und Unterschriften gesammelt. "Es braucht eine Gruppe, die emotional dabei ist", wissen Sachs und Göllner. Beim Pfarrzentrum war es der Fall, zum "Schlämmer" ist es bisher jenseits der politischen Diskussionen ruhig geblieben. Sachs weiß aber: "Es gibt schon einige, die auf meiner Wellenlänge liegen."

Seine Philosophie ist die einer Ortsabrundung. Er hätte sich knapp 2 Hektar Bebauung auf dem bisherigen Blumenfeld vorstellen können, um den Stadtteilrand dort abzuschließen. Dort wäre bezahlbarer Wohnraum möglich gewesen, so wie von allen gefordert. Die Bebauung hätte sich den Häusern jenseits der Königsteiner Straße angleichen können. Dann wäre "endlich Ruhe" um dieses Gebiet gewesen.

Sachs erinnert sich noch ungern an die späten 1970er Jahre zurück, als an die 30 Hektar für eine Bebauung im Gespräch waren. Das sollte "bis an die B 519" gehen und ein Gewerbegebiet werden. Damals sei er angesprochen worden, mit dagegen vorzugehen. Denn Sachs ist vom Fach, hat als Bauleitplaner für den Main-Taunus-Kreis gearbeitet. Die Initiative um ihn schaffte es, das Gewerbegebiet zu stoppen. Bürgermeister Thomas Horn (CDU) fasste den "Schlämmer" Jahre später erneut an, ließ 8 Hektar in den Flächennutzungsplan bugsieren. "Wir boxen das durch" - an diesen Satz aus der Politik erinnert sich Sachs. Mit einem Schmunzeln habe er damals geantwortet: "Ich habe die Boxhandschuhe an." Das Gebiet zu nutzen, sei damals "eine reine politische Entscheidung, nicht aus Sacherwägungen heraus" gewesen, urteilt er. Der Münsterer reagierte, sprach eine Mängelrüge gegen den Flächennutzungsplan aus. Ein Instrument, das ihm heute als Privatmann noch die Chance gebe, gegen die Bebauung zu klagen, so Sachs. Genauso könnten aber auch Naturschutzorganisationen dagegen vorgehen.

Bei der Offenlage des nun vom Ausschuss beschlossenen Bebauungsplans hofft er, dass die Bürger ihre Meinung kund tun. Laut UKW-Mann Göllner ist schon allein der Streuobstbestand im Erweiterungsgebiet schützenswert, der doppelt so viele wie die in der Politik erwähnten sieben Bäume aufweise. Selbst alte Stämme hätten ihre Wertigkeit, könnten etwa als Nistplätze dienen, so Göllner. Letztlich aber komme es auf die Stämme nur zum Teil an, weiß Sachs. Die neue Fläche als Ganzes müsse betrachtet werden, sei unter anderem eine Kaltluftschneise und Teil des regionalen Grünzuges. Sachs kommt zur Erkenntnis: Sie sei "einfach zu wichtig"; eine Grenze, der "Rubikon", werde überschritten. Nach einer Abwägung aller Fakten und Einschätzungen kann für ihn das Ergebnis nur in diese Richtung gehen. Dass Häuser in ökologisch wertvoller Holzbauweise mit Zisternen und Photovoltaik entstehen sollen, bezeichnet das Duo als "Green-Washing". Das Projekt soll grüner aussehen als es ist.

Erst Experten fragen, dann entscheiden

Er sei "überrascht" gewesen, dass nach einem ersten Beschluss für ein kleineres Gebiet der eigentliche "Schlämmer" angeknabbert werde. "Das ist eine Schweinerei, dass man damit jetzt wieder anfängt." Sein altes Schild "Kein Baugebiet im Schlämmer!" liegt noch ramponiert im Busch. Er könnte es aktivieren, denn Sachs sagt: "Ich bin noch hoffnungsfroh, dass es ,klick' macht aufgrund der Bürgerbeteiligung." Und die Erweiterung kassiert werde. Verwundert ist der 70-Jährige, dass die Entscheidung für den Bebauungsplan gefallen ist und erst nun die Fachleute gehört werden. "Es müsste gerade umgekehrt sein." Doch das passt für Sachs ins Bild: Es heiße, Verfahren würden "ergebnisoffen" geführt. "In der Realität leider nicht."

Der 21-Minuten-Film

Das Video mit Hans-Georg Sachs ist auf dem Youtube-Kanal der UKW im Internet zu finden.

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