Über den Feldweg hinaus will die Koalition im "Schlämmer" bauen.
+
Über den Feldweg hinaus will die Koalition im "Schlämmer" bauen.

Bauen:

Münster: Natur-Frevel oder "etwas Vernünftiges"?

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
    schließen

"Vor dem Schlämmer": Parlament zieht eine Ausschuss-Debatte bereits vor.

Kelkheim. Das Präsidium der Stadtverordnetenversammlung hatte sich darauf geeignet, den aktuell wohl größten Zankapfel der Kommune am Montagabend direkt in den Bauausschuss zu überweisen. Denn den Antrag der Koalition aus CDU, SPD und FDP zu einem veränderten Bebauungskonzept für das Münsterer Gebiet "Vor dem Schlämmer" haben die Fraktionen von Seiten der Verwaltung erst am Tag der Sitzung erhalten. Zeit für eine Beratung blieb nicht mehr. Deshalb lenkte das Bündnis ein, noch ein weiteres Mal über das bereits vieldiskutierte Baugebiet zu reden.

UKW: "Versteckt" um 20 Prozent erweitern

Es landete letztlich auch im Ausschuss - allerdings erst nach einer erneut langen Debatte im Plenum. Dabei wurde deutlich: Die UKW lehnt die von der Koalition angeregte Vergrößerung der Baufläche in Richtung Nordwesten um rund 6200 Quadratmeter vehement ab. Die Freien Wähler (FW) wollen sich das noch einmal genau anschauen. Und das Bündnis bekräftigte, an seinen Plänen trotz des Gegenwindes der zweitgrößten Fraktion und vermutlich auch einiger Naturschützer weiterhin festhalten zu wollen.

UKW-Fraktionschefin Doris Salmon eröffnete den erneuten Schlagabtausch über "Vor dem Schlämmer" ganz bewusst bereits im Plenum in der Stadthalle. "Wir wollen, dass die Öffentlichkeit mitbekommt, dass Sie das Gebiet um mehr als 20 Prozent vergrößern wollen." Es gehe nicht um eine "Feinjustierung", wie es hieß. Hier solle das Baugebiet "versteckt" deutlich erweitert werden - in ein Gebiet, das eine Bebauung "nicht verträgt". Hier gebe es Streuobstwiesen, verlaufe der regionale Grünzug, seien seltene Tiere beheimatet. All das habe die Hessische Gesellschaft für Ornithologie vor einigen Jahren deutlich gemacht. Der damalige Vorsitzende Oliver Conz habe beim Feldweg als Grenze zwischen Bau- und Grünfläche von einem "Rubikon" gesprochen, der nicht überschritten werden dürfe, erinnerte Salmon. Die Koalition rühre in der Vergangenheit, als die Erweiterung abgelehnt wurde. "Kommen Sie zurück in die Zukunft, wir sollten hier gemeinsam Bodenschutz betreiben", forderte die UKW-Chefin.

Das Bündnis sieht es aus einem anderen Blickwinkel. Im Flächennutzungsplan seien acht Hektar für das Gebiet ausgewiesen, das Trio wolle nur vier Hektar bebauen, relativierte CDU-Fraktionschef Stephan Laubereau. "Und man muss auch die Anwohner berücksichtigen, die dringlichst um Korrektur gebeten haben. Politik bedeutet Kompromiss." Deshalb will die Koalition nur drei Geschosse für fünf geplante Mehrfamilienhäuser und somit auf das Staffelgeschoss verzichten. Darin sollen jeweils mindestens zwölf bezahlbarere Wohnungen entstehen. Geplant sind diese Häuser entlang der Königsteiner Straße und auf der Erweiterungsfläche. Dort will das Trio zudem den Bau eines Kindergartens und eines Mehrgenerationenhauses prüfen lassen.

Jochen Ballach (UKW) zitierte mehrfach diese Zeitung, in der Vertreter von CDU und SPD sich ebenfalls gegen eine Erweiterung über den Feldweg hinaus ausgesprochen hätten. Auch bezweifle er, dass das Bündnis tatsächlich das Stimmungsbild aller Anwohner dort eingeholt habe. Und er verwies auf das Koalitionsprogramm, in dem der eigentliche "Schlämmer" für eine Bebauung als Tabu genannt wird.

FDP-Fraktionschef Michael Trawitzki erinnerte daran, dass dieses Projekt in seinem ersten Versuch zum Scheitern verurteilt war. Die Stadt wollte mit allen Eigentümern Verträge über die Umlegung und verstärkte Kostenbeteiligung schließen, nur dann wäre es etwas geworden. Einige sagten "Nein", weshalb nun die Reißleine gezogen wurde. Trawitzki sieht im neuen Konzept "etwas Vernünftiges, das Kelkheim nicht schaden wird" und betonte: "Wir verschleiern hier nichts, sondern gehen offen damit um."

Deutlich wurde SPD-Fraktionschef Michael Hellenschmidt: "Ich möchte auch mal raten, abzurüsten." Die UKW male ein Szenario, "da sterben ganze Tierarten, werden ganze Streuobstwiesen gerodet, da prasselt der Starkregen auf uns herunter". Er nannte die Variante eher einen "konsensfähigen Vorschlag" und stellte fürs Bündnis klar: "Da gibt es auch nichts zurückzunehmen."

FW: Wohnungen her statt Kämpfe kämpfen

FW-Chefin Ivaloo Schölzel ärgerte der erneute Disput: "Wir möchten Wohnungen schaffen und keine Kämpfe kämpfen. Wir werden es neutral anschauen und wollen für Kelkheim die beste Lösung finden." Die ist für UKW-Fraktionschef Maximilian Alter so weit weg nicht: Ökologisches Bauen, Zisternen, Photovoltaik, Fassadenbegrünung, Verzicht auf Schottergärten, dazu Kita und Mehrgenerationenhaus - das seien viele gute Dinge, zum Teil von der UKW schon früher angestoßen. "Lassen Sie doch einfach die unnötige Erweiterung weg", dann sei die Fraktion auch mit im Boot.

Dass neue Gutachten die Umsetzung um weitere Jahre verzögern, wie von der UKW befürchtet, sieht die Koalition nicht so. Untersuchungen müssten lediglich erweitert werden. Fakt ist: "Vor dem Schlämmer" wird für weiteren Diskussionsstoff sorgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare