Peter Herr Senior und Junior mit den verbliebenen Materialien im Hof der Firma in Münster. Ende Juni schließt das Unternehmen seine Türen.
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Peter Herr Senior und Junior mit den verbliebenen Materialien im Hof der Firma in Münster. Ende Juni schließt das Unternehmen seine Türen.

Wirtschaft

Traditions-Baufirma in Kelkheim schließt nach 118 Jahren

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Das Team der Baufirma Peter Herr hat über die Jahrzehnte viele Spuren aus Stein in Kelkheim hinterlassen. Jetzt stellt das Unternehmen den Betrieb ein.

Kelkheim – Im Hof erinnert nicht mehr viel an ein Geschäft, das in der blühenden Baubranche mittendrin war. Ein alter Betonmischer steht dort, eine Kiste mit Material, einige Schubkarren. Vorne am Eingang weisen noch der Schriftzug und der in Metall gegossene Kopf eines Münsterer Arbeiters mit Grubenlampe auf eine Geschichte hin, die hier bald zu Ende geht.

Nach 118 Jahren wird das Bauunternehmen Peter Herr VI. Sohn seinen Betrieb aufgeben. „Da mittlerweile auch Peter Herr Junior in das Rentenalter kommt, haben wir gemeinsam beschlossen, den Betrieb Ende Juni 2021 zu schließen“, schreiben die beiden Peters in einem Brief an Kunden und Geschäftspartner.

Der Text ist kurz und knapp gehalten. Wohl ein Zeichen, wie schwer eine solche Geschäftsaufgabe nach langer Zeit fällt. "Ich bin immer der Meinung, man muss was tun", sagt zwar Herr Senior, der mit seinen 85 Jahren noch jeden Tag vor allem im Büro der Baufirma mithalf. Doch nun sei die Zeit gekommen, eine Regelung in der Familie nicht möglich, eine externe Übergabe wäre zu kompliziert gewesen. Somit verabschiedet sich nach dem Betrieb Fritz vor gut zwei Jahren nun auch die zweite traditionsreiche Baufirma in Kelkheim. Froh sind die Herrs, dass alle Mitarbeiter nach und nach neue Jobs gefunden haben.

Baufirma Peter Herr in Kelkheim schließt: Mitarbeit an Spezialprojekt nach dem Weltkrieg

Die Baufirma Peter Herr VI. – sie ist vor allem im Kelkheim ein Begriff. Viele öffentliche Gebäude sind aus der Hand ihrer Maurer entstanden - etwa das Feuerwehrhaus Kelkheim, das Pfarrzentrum St. Dionysius, ein Teil der Stadtmitte Süd, das Werkstattgebäude der ehemaligen Möbelfirma Wolf sowie Betriebsstätten der damaligen Schreinerei Dichmann. Hinzu kommen unzählige private Häuser.

2003, zum 100. Geburtstag der Firma, hielt Altbürgermeister Winfried Stephan die Laudatio und erinnerte an ein Spezialprojekt: Nach dem Krieg etablierte sich in Frankfurt der Zwei-Zonen-Sicherheitsrat für die britische und amerikanische Besatzungszone. Zudem war damals die Kommune als Hauptstadt neben Bonn im Rennen. Wohnraum war dringend gesucht. In Kelkheim „Im Herrenwald“ entstand die „Bizone“, an der Herr mitbaute. Weil es schnell gehen musste, wurden auf gemauerte Keller Holzhäuser aufgesetzt und durch Terrassen sowie Treppenanlagen ergänzt.

Peter Herr war stolz auf solche Projekte. Er wurde in der Gründerzeit 1878 geboren und kam aus Schwalbach in das Dorf Münster. Er passte hierher, denn Herrs gab es viele. So kam es, dass sich die Familienstämme Nummern gaben – der Neuling wurde fortan nur Peter Herr VI. genannt. Einen Namen machte er sich danach durch seinen Beruf, er gründete am 1. Januar 1903 die Baufirma. Nicht so einfach war das damals in einem Dorf, in dem es vor allem Landwirtschaft und noch wenige Bewohner gab. Herr besuchte an den Sonntagen nach der Kirche die Bauern in Münster, Niederhofheim und Oberliederbach. Neue Scheunen, Stallungen und andere Arbeiten in Gehöften sprangen für ihn heraus. Peter Herr der dritten Generation begleitete seinen Opa damals schon zu diesen "Sonntagsgesprächen".

Umtriebiger Gründer Peter Herr machte Baufirma in Kelkheim zur bekannten Instanz

Die Zeiten wandelten sich, die Firma Herr ging unter die Bauträger. Wohngebäude wurden geplant und begonnen - dann Käufer gesucht. Dem Chef halfen seine guten Beziehungen, er war im Ort eingebunden, in Vereinen aktiv. Zudem war Herr Mitgründer der Volksbank Münster, der Keimzelle des heutigen Kreditinstituts. In der Innung des Bauhandwerks im Kreis engagierte er sich, war später sogar Obermeister.

Seine Söhne, Peter und Franz, arbeiten in zweiter Generation mit. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und zum Teil mehrjähriger Gefangenschaft stiegen sie wieder ein. 1950 schied Franz Herr aus und gründete ein Fliesengeschäft. Die Firma war weiter umtriebig. Schon vor dem Krieg wurde die Hälfte der Häuser der alten Farbwerkssiedlung von den Herrs gebaut, danach waren sie für das Wasser- und Schifffahrtsamt Frankfurt zuständig.

Sie hielten die Staustufen am Main – von Krotzenburg über Griesheim und Eddersheim bis Gustavsburg – in Schuss. Nur mit dem Straßenbau befassten sie sich nicht. In seiner damaligen Laudatio erinnerte Stephan an den Wandel der Branche: von der Speispfanne und dem Speisvogel, der vom "Haujer" auf das Gerüst gehoben wurde; vom Stangen- bis zum Stahlrohrgerüst. Den Kran hätten sie früher per Hand aufgebaut, erinnert sich Peter Herr Junior. Der 60-Jährige weiß noch, wie er als angehender Jugendlicher den Baukran bedienen durfte.

Aufgabe der Baufirma Peter Herr in Kelkheim: Auch für die Mitarbeiter endet eine Ära

Mit seinem Vater übernahm 1977 die dritte Generation das Geschäft. Peter Herr machte die Maurerlehre im Betrieb, arbeitete mit Vater und Opa auf der Baustelle. In Kelkheim machte er sich nicht nur als Unternehmer einen Namen, er wirkte auch 38 Jahre für die CDU als Stadtverordneter. Nach seiner Lehre im Familienbetrieb besuchte er die Meisterschule, machte den Maurermeister – und blieb. Lange unterstützt durch seine Frau Klara, die für die Lohnbuchhaltung und einiges mehr zuständig war und mit der er über 60 Jahre verheiratet ist.

Auch sein Sohn lernte das Maurerhandwerk, ging nach Gesellenjahren in die Meisterschule, mit zwei Abschlüssen: Maurerhandwerk sowie Beton- und Stahlbetonbauerhandwerk. 2000 übernahm er den Betrieb. Beide können sich nun dem Hobby Eintracht Frankfurt widmen, der Senior fiebert zudem mit den Handballern der TSG Münster, wo er im Tor stand.

Stolz sind die Herrs auf treue Mitarbeiter, die zum Teil mehrere Jahrzehnte blieben. Und für die nun auch eine Ära zu Ende geht. Zum 100. Geburtstag sah Altbürgermeister Stephan "realistischen Optimismus" für eine gute Zukunft der Firma. 18 Jahre später wird ein besonderes Kapitel Kelkheimer Handwerksgeschichte aber zugeschlagen. (Frank Weiner)

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