Das Kreisblatt liest er jeden Morgen. Gerd Taron fühlt sich in den Taunus-Residenzen Bad Soden gut aufgehoben.
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Das Kreisblatt liest er jeden Morgen. Gerd Taron fühlt sich in den Taunus-Residenzen Bad Soden gut aufgehoben.

Leben:

Mut machen statt Mitleidstour

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Fischbach/Bad Soden: Literatur-Mann Gerd Taron kämpft sich nach Schicksalsschlag zurück

Fischbach/Bad Soden. "Der Kampf zurück ins Leben": Der Artikel im Kreisblatt mit diesem Titel hat Gerd Taron als Schicksals-Genossen sehr berührt. Dort hat der Hofheimer Feuerwehrmann Martin Brandt emotional geschildert, wie er nach einer Hirnblutung im Februar 2017 selbst, mit Familie und Kameraden sein zweites Leben meistert. Erst im Rollstuhl sitzend, im Vorjahr gehend - mit viel Willenskraft geht das.

"Gut, dass es solche Beiträge außerhalb von Corona gibt", schreibt Taron dazu an die Redaktion. Nanu, der Name kommt dem Kelkheim-Reporter doch bekannt vor. Der 62-Jährige hat sich in der Möbelstadt einen Namen gemacht, vor allem als engagierter Literaturfreund. Die Anfrage, ob er nicht von seinem persönlichen Kampf zurück ins Leben berichten möchte, die ehrt ihn. Nur wenige Tage später steht das Treffen in seinem neuen Zuhause, den Taunus-Residenzen in Bad Soden, auf dem Programm.

"Anderen geht es noch schlechter"

"Mir geht es gut, ich habe tolle Freunde, und auch hier im Haus stimmt alles, das Pflegepersonal ist toll", sprudelt es aus dem Ex-Fischbacher heraus, als er im Rollstuhl aus der Eingangstür fährt. Er wolle bloß keine Mitleidsgeschichte in der Zeitung lesen und im Mittelpunkt stehen. Ihm sei es wichtig, in den von Corona dominierten Zeiten auch Personen mit anderen Krankheiten Mut zu machen. "Es gibt andere Menschen, denen geht es noch schlechter als mir."

Doch sich selbst macht er damit auch Mut: Vor dem kleinen Spaziergang muss Taron eine Rampe herunter und später wieder hoch. "Das schaffe ich alles selber, da bin ich stolz drauf", freut er sich. Aber er weiß: "Ich muss Geduld haben, das habe ich jetzt gelernt." Möglicherweise habe er sich vor seinem Schicksalsschlag damals zu viel zugemutet, so dass er betont: "Ich gucke nur noch nach dem Heute."

Damals - das war am 9. November 2018. An die Stunden vor dem Unfall hat Taron beste Erinnerungen. Am Abend vorher habe er sich mit Freunden getroffen, um den Stand am Fischbacher Weihnachtsmarkt zu planen. Dort war Antiquar Taron stets mit Büchern und Lesungen vertreten. Am nächsten Morgen habe er das Kreisblatt ausgetragen in Fischbach, wie seit 2013 an fast jedem Werktag. Da habe er sich "komisch" gefühlt. Weshalb er die Malteser im Ort aufsuchte, um nach seinem Problem zu fragen. Bis zur Tür dort kam Taron, "ich habe einen Schlag bekommen, bin einfach umgekippt".

Es war lange Funkstille. Über zwei Monate lag der Fischbacher im Wachkoma, in zwei Kliniken, in der Reha in Bad König. Bald wurde ihm klar: "Ich werde nicht mehr gesund." Nach mehr als einem halben Jahr erhielt er den Platz in der "Neuro Phase F" in den Taunus-Residenzen. Was ihm das Leben umkrempelte? "Wahrscheinlich eine Hirnblutung."

"Dankbar" sei er, dass seine Gedächtniszentrale im Gehirn wieder in Schwung kam, er wieder schnell reden, essen, lesen konnte. Viele Übungen macht er, inzwischen auch mit dem Rollator. Taron träumt davon, wieder laufen zu können. Es ist der Weg der kleinen Schritte. So freut er sich, mit seinen Freunden im Rollstuhl bereits den Weg zum Sodener Kurpark meistern zu können.

Er träumt auch davon, als Literaturkenner wieder mitzureden. Früher gab es seinen literarischen Wochenendgruß. An jenem folgenschweren 9. November 2018 hatte er noch geschrieben: "Mit diesem Wochenendgruß möchte ich allen Menschen Mut machen, ihren eigenen Weg zu erkennen und zu leben." Vielleicht war Tarons "Umleitung" da schon vorbestimmt. Auf seiner Facebook-Seite verbreitet er inzwischen bereits kleinere Beiträge. Gerne würde er wieder Literatur-Spaziergänge machen, so wie er damals Gruppen zum Rettershof, ins Königsteiner Woogtal, nach Mainz oder rund um die Buchmesse geführt hat. Der Kurpark wäre so ein passender Ort. "Das mache ich im Rollstuhl, was soll's."

Taron ist ein Stehaufmännchen, der "viele Stürze" erlebt hat. Geboren als "'ne echte Kölner", aufgewachsen in Leverkusen, lernte er Industriekaufmann und arbeitete im Personalbereich eines Autozulieferers. Der Liebe wegen, die später scheiterte, kam er in den "wunderschönen Taunus". In seinem Segment fasste er nur kurz wieder Fuß, machte sich als Antiquar mit kleinem Ladenlokal in Fischbach selbstständig. Er wollte schlicht etwas anderes machen und dabei "mit Menschen zu tun haben". Taron unterstützte seitdem die heimische Autorenszene und das geschriebene Wort auch als Austräger dieser Zeitung. Heute nun ist er nur noch treuer Leser - und freut sich vor allem über Geschichten, die Mut machen. Wie die vom Hofheimer Martin Brandt. Und jetzt jene über ihn selber.

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