+
Internist Markus Thomas-Morr (links) und Werner Witte von der Senioren-Union (rechts) im Gespräch mit Frank Weiner

Doppelvortrag

Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht: An den Tod denkt man nicht gerne

Am 27. September bietet die Senioren-Union einen Doppelvortrag zur Patientenverfügung und zum Erben/Vererben an. Frank Weiner hat sich mit einem Referenten, dem Kelkheimer Internisten Dr. Markus Thomas-Morr, sowie Moderator und Ideengeber Werner Witte unterhalten.

In der Ankündigung schreiben Sie zur Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung: „Fast alle finden es richtig. Viele machen es nicht.“ Warum eigentlich?

MARKUS THOMAS-MORR: Das kann man pauschal nicht beantworten. Die Jungen denken nicht an den Tod, die Älteren erst recht nicht. Das ist ein Hauptgrund.

WERNER WITTE: Man will diese Sache ja immer vor sich her schieben. Viele ältere Menschen sagen sich: Warum soll ich es jetzt schon machen? Ich habe noch Zeit. Aber man kann durch einen Unfall ja von heute auf morgen in eine solche Situation kommen. Beim Aufhängen der Plakate für die Vorträge hatte ich gleich mehrere Begegnung. Viele haben Interesse geäußert, sich aber nicht gekümmert.

Auf einen Freund kommt eine stärkere Unterstützung der Mutter zu. Können Sie ihm einen Ratschlag geben?

THOMAS-MORR: Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht sind sinnvoll. Am besten ist es, wenn man jemanden hat, den man im Notfall einsetzen kann. Dass man eine Person kennt, die helfen kann. Wenn man keine Angehörigen hat, kann man auch einen Arzt benennen. Schwierig wird es allerdings, wenn sich die betroffene Person nicht mehr äußern kann.

WITTE: Dazu kann ich ein Beispiel aus der Familie nennen. Mein Schwägerin erlitt von jetzt auf gleich einen Hirnschlag. Sie ist nie wieder aufgewacht, hat noch zwei Monate gelebt. Aber nichts hinterlegt. Dann kommt das Problem, dass jemand extern vorgesetzt wird, der es übernimmt. Wir haben es zum Glück intern gelöst, waren uns in der Familie einig.

Haben Sie selbst vorgesorgt?

WITTE: Ja selbstverständlich.

THOMAS-MORR: Nein. Aber ich mache mir ständig Gedanken darüber. Ich habe aber auch ein hohes Vertrauen in die Medizin. Mit meiner Frau indes habe ich alles detailliert abgesprochen und schriftlich festgehalten. Wenigstens so etwas sollte man unbedingt machen.

Wo sind die größten Hemmschwellen?

THOMAS-MORR: Die größte Hemmschwelle ist der Tod. Man macht sich lieber über den Urlaub Gedanken als über das Ableben. Dabei gibt es kein falsches Alter. Es kann ein 18-Jähriger mit dem Rad stürzen und sich schwer verletzen.

WITTE: Wolfgang Kramer, unser zweiter Referent beim Vortragsabend, hat geraten, sich ab 50 Jahren darüber Gedanken zu machen. Auch über ein Testament, das ja zum Beispiel handschriftlich ganz schnell angefertigt werden kann.

Wie können Sie gerade älteren Menschen die Angst davor nehmen?

WITTE: Man muss es wollen. Dafür andere Dinge beiseite schieben. Und sich ein bisschen Zeit dafür nehmen. Denn es ist ja eine einmalige Gelegenheit. Und dann rate ich den Menschen, sich Informationen zu holen – ganz einfach zum Beispiel bei unserem Vortrag.

THOMAS-MORR: Ich spreche Patienten darauf an, wenn sie hier sind und es die Zeit erlaubt. Und es gibt Broschüren des Bundesministeriums. Die kriegt man umsonst und sind aktuell.

WITTE: Man kann sich die Formulare zum Beispiel auch in Buchhandlungen in einem Umschlag gegen eine Gebühr mitnehmen.

Und dann einfach ausfüllen?

THOMAS-MORR: Wichtig zu wissen ist noch, dass man dafür keine Juristen braucht. Die Handschriftlichkeit mit einer Unterschrift reicht. In Detailfragen kann ein Arztgespräch hilfreich sein. Man sollte eine Erklärung einfach halten, aber schreiben, was man will.

WITTE: Man muss schon konkret werden. Nur der Satz „Ich möchte in Würde sterben“ reicht nicht aus.

Haben Sie Fallbeispiele für uns?

THOMAS-MORR: Im Vortrag werde ich einige nennen. Etwa eine Person, die einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung erlitt. Hier stellte sich die Frage: Darf man ihn im Heim unterbringen? Hier ist klar, dass der Fall ohne Vollmacht nicht allein von den Angehörigen gelöst werden darf, sondern mit einem Betreuer, der bestellt wird.

Was passiert, wenn die Person keine Erklärung mehr abgeben kann?

THOMAS-MORR: Eine Willensbekundung über engere Angehörige ist ja möglich. Im Idealfall sind sie sich einig. Am besten, sie handeln auch mit Rückendeckung des Arztes. Das Betreuungsgericht schaltet sich bei schweren Fällen schon ein, wenn es zum Beispiel um freiheitsentziehende Maßnahmen oder Amputationen gehen könnte. Wichtig ist: Die Motivlage der Angehörigen darf keine Rolle spielen, sondern nur die der betroffenen Person.

Sind die Erklärungen rund? Oder muss der Gesetzgeber noch mal ran?

THOMAS-MORR: Der Gesetzgeber ist immer á jour. Die letzte Aktualisierung stammt von Mai 2018. Schließlich muss man sich auch über Gedanken machen über Fragen wie: Wer darf meinen Facebook-Account löschen?

Ein anderes Gesundheitsthema geht in diese Richtung: Was halten Sie von einer Widerspruchsregelung bei der Organspende, die Gesundheitsminister Jens Spahn jetzt vorgeschlagen hat?

THOMAS-MORR: Ich halte nicht so viel von Herrn Spahn, aber die Idee ist gut. Aber die Angehörigen müssen natürlich noch sagen können: „Das wollen wir nicht.“

Und noch etwas Aktuelles: Was halten Sie von einer Patienten-App?

THOMAS-MORR: Ich halte durchaus etwas von assistierender Digitalisierung. Medizin muss aber auch persönlich bleiben, eine App kann nur eine technische Assistenz sein und kann persönliche Arzt-Patienten-Kontakte nie ersetzten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare