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Ruppertshain: "Es geht darum, den Menschen zu helfen"

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Von: Frank Weiner

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Großer Auflauf in der Intensivklasse der Rossert-Schule: Während die Kinder spielerisch zeigen, was das Verb "laufen" bedeutet, laufen die Mikrofone und Kameras der Fernsehteams.
Großer Auflauf in der Intensivklasse der Rossert-Schule: Während die Kinder spielerisch zeigen, was das Verb "laufen" bedeutet, laufen die Mikrofone und Kameras der Fernsehteams. © wein

Hessens Kultusminister schaut sich an Rossert-Schule Sprach- und Betreuungsprojekte für junge Ukrainer an.

Ruppertshain. "Was machen wir in der Turnhalle?", fragt Maryna Chernova in der Intensivklasse der Rossert-Schule. Daniel ist neun Jahre alt und mit der Familie aus der Ukraine nach Eppenhain geflüchtet. Er überlegt kurz, sagt dann "turnen". Das fügt er in einen ganzen Satz - und darf den Ball zur Lehrerin zurückwerfen. Die Schüler kriegen das Verben-Spiel schon ganz prima hin, auch wenn die neun jungen Ukrainer erst wenige Monate in Deutschland sind. Neben ihnen werden drei Kinder aus Afghanistan und eines aus Montenegro drei Stunden am Tag in Deutsch unterrichtet. Gemeinsam werden Verben wie "laufen", "malen" oder "basteln" vorgemacht. Wer ein Lückenwort vervollständigen kann, darf nach vorne zur Tafel gehen.

Zwei Geflüchtete als Lehrerinnen aktiv

Dabei sind die Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren gar nicht aufgeregt - auch wenn an diesem Montag hoher Besuch an der Rossert-Schule ist. Hessens Kultusminister Ralph Alexander Lorz ist mit kleinem "Gefolge" gekommen und schaut sich den Unterricht interessiert an. Am Ende spenden er, Bürgermeister Albrecht Kündiger, Kreis-Schuldezernent Axel Fink, Schulleiterin Andrea Gräsner und ihre Stellvertreterin Martina Welscher Lehrerin Chernova gerne Applaus.

Denn die 30 Jahre alte Ukrainerin verbringt hier auch eine persönliche Meisterleistung. Vor drei Monaten war sie mit ihrer Tochter und der Mutter aus der bekämpften Stadt Charkiw in der Ukraine nach Eppenhain geflüchtet. Dort war sie vor acht Jahren als Au-Pair-Mädchen im Einsatz, hat viel Deutsch gelernt - nun die herzliche Aufnahme bei der Rückkehr in der Not. Was Chernova gerne zurückgibt. In der Heimat hat sie als Übersetzerin für Englisch in einer Firma gearbeitet, während der Studiums aber auch Deutsch gelernt. Hier in der Klasse sei der Altersunterschied anfangs schon ein Problem gewesen, inzwischen aber laufe es ganz gut, berichtet sie. Denn sie hat tatkräftige Unterstützung. Oksana Synonina übernimmt den anderen Teil des Landeskonzeptes zur Hilfe der jungen Flüchtlinge.

Wie Lorz erläutert, möchten die meisten Ukrainer "lieber heute als morgen zurück", mithelfen, "ihr Land wieder aufzubauen" und mit den Kindern "in ihr Bildungssystem". So sei ja von der Ukraine aus Online-Unterricht angeboten worden. Als eine Art Bindeglied in der neuen Heimat fungieren nun Kräfte wie Synonina, die sich um die Sprach- und Kulturvermittlung kümmern. Im Klartext: Sie lernen mit den Kindern weiterhin Ukrainisch, singen Lieder aus der Heimat.

Für diese neue Kollegin hat das Team der Rossert-Schule viele Hebel in Bewegung gesetzt, betont Leiterin Gräsner. Die Hausmeisterwohnung steht nach Ruhestand seit Oktober 2021 leer, soll von der Betreuung genutzt werden. Doch mit Beginn des Krieges wurde sie schnell durch helfende Hände und Spenden aus dem Kollegium und von den Eltern so umgestaltet, dass dort nun Lehrerin Synonina mit ihren beiden Töchter sowie eine weitere Geflüchtete mit zwei Kindern leben. Als Lehrerin in der Ukraine ist die neue Kraft nun im Unterricht für ihren Bereich die Verstärkung.

Es sei schon eine neue Situation, betonen Gräser und Welscher für die Schule. Erfahrungen mit Flüchtlingen haben sie hier. In den 1980er Jahren lebten viele Russland-Deutsche im "Zauberberg", 2015/16 kam die große Welle. Damals seien die Kinder in den jeweiligen Jahrgängen unterrichtet worden - mit dem Zusatz "Deutsch als Zweitsprache". Nun habe sich die kleine Schule mit derzeit 107 Kindern für eine Intensivklasse stark gemacht und viel Unterstützung vom Schulamt erhalten, betont Gräsner. Zum Teil würden die Kinder in die Klassen gehen - dort werde dann auf jeden Fall intensiv Deutsch gesprochen, berichtet Welscher. Das Leitungsduo freut sich über sein Team, "das sich allen Herausforderungen stellt und dabei nur selten die gute Laune verliert".

Schulgemeinde richtet Wohnung her

Denn auch der Kultusminister weiß: "Es ist einfach eine zusätzliche Belastung und Arbeit für das Team. Es ist nicht selbstverständlich - aber etwas, was die Schulgemeinde stark macht", motiviert Lorz und lobt: "Es ist schön zu spüren, dass dies auch an der Rossert-Schule der Fall ist." Lorz nennt Zahlen zur aktuellen Lage rund um die jungen Ukraine-Flüchtlinge (Text rechts) und betont: Im Vergleich zur Krise 2015/16 sei das schon intensiver, auf der anderen Seite bringen Ministerium und Schule nun Erfahrungen mit. Räume und Geld fürs Personal jedenfalls spielten "im Moment nicht die Rolle - es geht darum, den Menschen zu helfen".

Die Situation im Land in Zahlen

Gut 29 000 Schüler ohne Deutsch-Kenntnisse gibt es derzeit in Hessen, 12 000 davon aus der Ukraine, berichtet Kultusminister Lorz. Das Land hat etwa 1600 Intensivklassen eingerichtet. Bisher habe Hessen dafür gut 150 ukrainische Lehrkräfte aus dem Kreis der Flüchtlinge eingestellt, weitere sollen folgen, sagt Lorz. Auch die deutschen Lehrer-Pensionäre seien angeschrieben worden. Die 15 Schulämter hätten zudem 15 neue Stellen erhalten.

Auch mit Ball "unterrichtet" Maryna Chernova. Konrektorin Martina Welscher und Kultusminister Ralph Alexander Lorz schauen zu.
Auch mit Ball "unterrichtet" Maryna Chernova. Konrektorin Martina Welscher und Kultusminister Ralph Alexander Lorz schauen zu. © wein

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