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Kreisblatt Mitarbeiterin Lena van den Wyenbergh im Gespräch mit Horst Blumenstein, Jürgen Karasiak, Beatrice und Rainer Hartmann (v. l.) vom Verein Deutsche Sprache.

Verein Deutsche Sprache

Sie sagen lieber Strampelhöschen statt Body

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) ist eine gemeinnützige Organisation, die Deutsch als eigenständige Kultursprache fördern und weiterentwickeln möchte. Weltweit vernetzt, setzt sich der Verein regional ein. 75 Mitglieder – überwiegend aus Kelkheim – zählt die Organisation im Main-Taunus-Kreis. Im Interview geben Beatrice und Rainer Hartmann, Jürgen Karasiak sowie Horst Blumenstein Einblicke.

Das Unwort des Jahres 2017 ist ,alternative Fakten‘. Im Hinblick auf Ihre Vereinsarbeit, was ist für Sie das Unwort des Jahres? Welche Worte können Sie nicht mehr hören? Und warum?

JÜRGEN KARASIAK: Für mich ist „Flatrate“ das Unwort aller Jahre. Und „Sale“ finde ich auch furchtbar. Im Deutschen heißt es eigentlich „Winterschlussverkauf“ oder „Sommerschlussverkauf“. „Sale“ auf Französisch bedeutet schlecht, und runtergesetzte Ware ist ja keine B-Ware.

HORST BLUMENSTEIN: Nehmen wir mal die Bezeichnung „public viewing“: In Deutschland weiß jeder, was darunter gemeint ist. Die wörtliche Übersetzung meint jedoch etwas gänzlich anderes. „Public viewing“ bedeutet im englischen die „Leichenaufbahrung“. Das hat ja nun mal gar nichts miteinander zu tun.

RAINER HARTMANN: Für mich ist es „to-go“.

BEATRICE HARTMANN: Geht man heutzutage in ein Geschäft und möchte ein Strampelhöschen kaufen, kommt man nicht wirklich weiter. Jetzt heißt es „Body“. Dabei ist „Strampelhöschen“ doch ein viel schöneres Wort.

Welche „Unworte“ sind akzeptabel?

BEATRICE HARTMANN: Alle Wörter, die mit Computer zu tun haben, wie „Laptop“ oder „E-Mail“. Es gibt aber auch viele Leute, die noch „Rechner“ sagen. Das finde ich dann immer sehr nett. Worte, die allerdings allen geläufig sind, sollten bleiben.

BLUMENSTEIN: Der erste richtige Computer wurde ja auch von einem Deutschen erfunden, weshalb „Rechner“ der ursprüngliche Begriff ist. Aber Computer ist aber mittlerweile die sprachübergreifende Bezeichnung.

KARASIAK: Ich gebrauche in der deutschen Sprache kein einziges englisches Wort. Was ich nicht verstehe, warum wird für neue technische Erfindungen kein deutsches Wort erfunden?

Vor allem Jugendliche gebrauchen heutzutage einen Sprachenmix. Im Kreisblatt-Interview hat sich eine Lehrerin geäußert, diese Art von Sprache sei wichtig für die Entwicklung der Jugendlichen. Wie bewerten Sie das, und macht sich dies im Alltag bemerkbar?

BEATRICE HARTMANN: Jugendliche möchten sich durch ihre Sprache von Erwachsenen abgrenzen. Das war schon immer so. Was ich daran nur traurig finde, dass Jugendliche sich nur durch den Gebrauch von Denglisch „in“ fühlen.

BLUMENSTEIN: Ich persönlich empfinde das als eine Verhunzung der deutschen Sprache.

Laut dem Statistischen Bundesamt waren zum Wintersemester 2016/17 bundesweit 74 880 Studierende für den Fachbereich Germanistik immatrikuliert. Davon waren 66 835 Deutsche. Das Interesse am Studienfach Deutsch ist relativ hoch. Fürchten Sie dennoch ein sinkendes Interesse an der deutschen Sprache?

KARASIAK: Ich muss das leider bejahen. Wir Alten sterben aus, und die Jungen gehen nur mit dem Trend. Es gibt jedoch viele ausländische Schriftsteller, die auf Deutsch schreiben, weil ihnen die Sprache so gut gefällt.

BLUMENSTEIN: Da stimme ich zu. Das Interesse im Ausland an der deutschen Sprache ist größer als im Inland. Den meisten Deutschlernenden gefällt die Wortvielfalt. Wir präzisieren mehr, als es in anderen Sprachen möglich ist.

Aus Sicht des Vereins, was bedeutet die Sprachverschiebung für die Kultur? Bereichern außenstehende Einflüsse nicht, anstelle sie zu schwächen?

BLUMENSTEIN: Äußere Einflüsse haben nie zu einer kulturellen Stärkung beigetragen. Das machen die Geschichtsverläufe ganz deutlich.

RAINER HARTMANN: Nehmen wir mal als Beispiel die universitären Abschlüsse: Jetzt heißt es nur noch Bachelor und Master. Es ist ein Unding, dass der deutsche Diplom-Ingenieur abgeschafft wurde.

KARASIAK: Der Titel ist weltweit hoch angesehen und ein Alleinstellungsmerkmal, das wir aufgegeben haben, nur um uns international vergleichbar zu machen. Es ist lächerlich, die meisten Studiengänge nur noch auf Englisch anzubieten.

Wenn Worte aus dem Englischen übernommen werden, spricht man von „Denglisch“. Geht es bei der Arbeit des Vereins nur um Worte aus dem Englischen, die „eingedeutscht“ werden?

BLUMENSTEIN: Bei der Arbeit des Vereins geht es hauptsächlich um Wörter aus dem Englischen. Das liegt daran, dass es fast ausschließlich englische Wörter sind, die ins Deutsche einwandern.

Sie sind auf der Suche nach Mitstreitern. Wie stehen die Zukunftsperspektiven des Vereins? Wie groß ist das Interesse an der aktiven Teilnahme zur Erhaltung der deutschen Sprache?

BEATRICE HARTMANN: Junge Leute sind willkommen. Ab und zu hatten wir auch schon Schüler da, die für Referate an unseren Treffen teilgenommen haben. Außerdem wurde erst die Arbeitsgruppe „Junge VDS“ gegründet, um auch jüngeren Mitgliedern eine Plattform zu bieten. In unserem Regionalverband ist das jüngste Mitglied aber auch schon 56 (lacht ).

KARASIAK: Bis zum 27. Lebensjahr ist die Mitgliedschaft kostenlos. Sie haben dennoch alle Rechte.

BLUMENSTEIN: 2017 wurde das „Sprachsofa“ ins Leben gerufen. Wir kooperieren mit Vereinen in anderen europäischen Ländern, die sich für die Stärkung ihrer Sprache einsetzen. Das „Sprachsofa“ bietet Reisenden Übernachtungsmöglichkeiten und wird von Mitgliedern betrieben, die die „Connection“ aufrechterhalten wollen.

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