Hare Krishna-Gesellschaft feiert in Kelkheim

„Die waren alle sehr gechillt“

Die Gesellschaft feierte ihren 50. Geburtstag wieder in Kelkheim. Und Erinnerungen an großzügige vegetarische Tafeln, aber auch versuchte Missionierungen werden wach.

Wer heute über 50 ist, kann sich noch gut an die Hochzeiten der Hippie- und Popkultur erinnern, in denen die singenden und tanzenden Bettelmönche der Hare-Krishna-Bewegung in ihren orange-gefärbten Kutten das Bild in den Fußgängerzonen geprägt haben. Das war nicht nur in Großstädten wie Frankfurt gang und gäbe, sondern auch in der Möbelstadt, wo die Hare-Krishna-Bewegung (siehe „Info“ rechts) von 1974 bis 1980 im Schloss auf dem Rettershof ihr europäisches Hauptquartier hatte. Zum 50-jährigen Bestehen der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (Iskcon) ist jetzt eine kleine Gruppe von ehemaligen Bewohnern an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt.

Dafür sind einige sogar aus den USA und Australien angereist, die in Erinnerungen schwelgten an dieses verwunschene Anwesen mit vielen Rosenbüschen, das damals noch recht baufällig war. Dietlinde Kaufmann, die bald nach dem Einzug ins Schloss dort nach dem Ritual der Krishna-Bewegung geheiratet hat, kann sich noch gut an die mit Efeu bewachsene Fassade erinnern. Dass das Schloss damals alles andere als komfortabel war, hat aber weder Dietlinde Kaufmann noch die anderen Sekten-Mitglieder gestört. „Wir waren eben sehr praktisch“, berichtet sie dem Kreisblatt. Die bis zu 700 Gäste, die damals an den Wochenenden in der Regel bewirtet worden seien, hätten einfach auf Teppichen oder auf der Wiese Platz genommen, sagt Kaufmann.

Das vegetarische Essen, das zu den Glaubensgrundsätzen der Bewegung gehört, war damals noch nicht so in aller Munde wie heute. Deshalb wurden auch viele junge Leute durch die Gastfreundschaft der Krishna-Bewegung angelockt. „Jeder durfte damals mitessen“, weiß Bürgermeister Albrecht Kündiger. „Die waren alle sehr gechillt“, erinnert sich beispielsweise auch der Eppsteiner Stadtrat Thomas Dürrich, der in seiner Sturm- und Drangzeit mit seinen WG-Genossen dort gerne vorbeischaute. Gestört habe ihn nur, dass die Krishna-Anhänger die externen Besucher beim Essen jeweils versucht hätten zu missionieren, berichtet Dürrich. Denn auch das Missionieren gehört bei der Krishna-Bewegung dazu.

„Das war eine Zeit damals, in der man das Gefühl hatte, dass selbst völlig Normale anfangen zu spinnen“, beschreibt Albrecht Kündiger den Zeitgeist von damals. Mit den Bettelmönchen war der UKW-Politiker damals bei der Dammbesetzung an der B 8 in Kontakt gekommen, wo die Krishna-Anhänger regelmäßig vorbeigeschaut und Essen mitgebracht hatten. Im Gegensatz zu anderen, sei er aber sehr zurückhaltend gewesen gegenüber den Sektenmitgliedern, betont der Grüne, der seit vergangenen Sommer Rathauschef ist. Das Interesse an der fernöstlichen Spiritualität habe aber im Bekanntenkreis ansonsten durchaus schon eine große Rolle gespielt. „Wenn man das Schlosshotel heute sieht, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie der Rettershof damals ausgesehen hat“, betont Kündiger. Heute wird das Ensemble rund um das Hotel und den Gutshof gerne als Juwel bezeichnet. Dafür hat die Stadt aber auch viel Geld in die Hand nehmen müssen. Sie hat den Rettershof 1980 gekauft, nachdem die Krishna-Bewegung nicht zuletzt wegen der Prozesslawine gegen die vermeintlichen Bettelbetrüger nicht mehr in der Lage war, die stolze Monats-Miete von 6000 Euro aufzubringen für das baufällige Schloss.

Damit war das bunte Treiben am Rettershof beendet, das dennoch zur Stadtgeschichte gehört. Dass sie diese Gemeinschaft als junges Mädchen beim Wandern mit ihren Eltern rund um den Rettershof wie aus einer anderen Welt empfand, dieses Bild hat auch noch die Hofheimer Künstlerin Heidi Werkmann ganz lebendig vor Augen.

Auch die Kelkheimer Stadtchronik hat das Ereignis am 27. Juni 1974 festgehalten: „Ungewohnte, aber dennoch nicht ungewöhnliche Bewohner beherbergt jetzt das ehrwürdige Schloss auf dem Rettershof, vormals Sitz der Geheimdienstorganisation ,Gehlen’ und danach Hauptsitz der Bachschule, die aus Rentabilitätsgründen ihre Pforten schließen musste. Die Hare-Krishna-Bewegung, eine Bewegung, die religiös-philosophische Intensionen hat, aber keine eigene Religion darstellt, sondern sich zu dem Gott, ‘der alles erschaffen hat und dem auch alles gehört’, bekennt, hat in die Räume des Schlosses Einzug gehalten. Bhaktivedanta Swami Prahupada, eröffnete persönlich sein europäisches Hauptquartier auf dem Rettershof.“

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