Der Weckruf des Radler-Clubs

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Expertin Gabriele Wittendorfer fasste im Verkehrsausschuss die Bemühungen der Stadt für den Radverkehr zusammen. Sie appellierte an die Politik, die Schlagzahl zu erhöhen.

Da haben die Stadtverordneten gerade noch die Kurve gekriegt: Fast vier Jahre schlummerte ein Antrag der SPD im Geschäftsgang, der Magistrat möge sich doch um den Radverkehr in der Stadt kümmern. Der Vorstoß wurde mehrmals zurückgestellt – um nun zum Finale kurz vor der Kommunalwahl doch noch etwas Futter zu bekommen. Quasi auf den letzten Drücker, denn mit der Wahl wäre der SPD-Antrag hinfällig gewesen.

Und so berichtete Gabriele Wittendorfer von Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) im Verkehrsausschuss darüber, wie es um die Kelkheimer Fahrrad-Welt bestellt ist, was gut läuft und was ausbaufähig wäre. Die Expertin nahm kein Blatt vor den Mund und deckte Lücken schonungslos auf. Zunächst gab’s ein grünes Häkchen für sichere Wege, denn im Jahr 2015 habe sich kein schwerer Unfall mit einem Radler in der Stadt ereignet, lobte Wittendorfer.

Schon beim zweiten Punkt, der Öffentlichkeitsarbeit, setzte die ADFC-Vertreterin ein rotes Fragezeichen. An der Aktion „Stadtradeln“ nehme Kelkheim nicht teil. Im Vorjahr seien sieben Kommunen aus dem Kreis vertreten gewesen, „Kelkheim hat diese Chance nicht genutzt“. Dabei sei die Teilnahme an der Aktion des Klima-Bündnisses keine Hürde, die Orte könnten sich zwischen 1. Mai und 30. September drei Wochen aussuchen, in denen Bürger viele Rad-Kilometer sammeln sollen. Wittendorfer regte an, Teams zu bilden.

In Sachen Kommunikation kritisierte sie noch, dass die „Mängelplattform“ des Landes nicht auf der Homepage der Stadt zu finden sei. Hier könnten Radler Anregungen zu Wegen loswerden. „Warum tun Sie’s nicht?“, fragte sie den Ausschuss. Auch sei der Fahrradklimatest, eine Umfrage über Gefahrenpunkte und Verbesserungen bei den Kelkheimern auf zu wenig Resonanz gestoßen. „Still ruht der See in den letzten zwei Jahren“, fasste Wittendorfer die Kelkheimer Öffentlichkeitsarbeit zusammen.

Einen grünen Haken gab’s für die Infrastruktur: Kelkheim habe sich als eine der ersten Kommunen im Kreis um eine ordentliche Beschilderung für Radfahrer gekümmert, auch die Neue Stadtmitte sei gut angebunden. Doch prompt folgte der nächste Dämpfer der ADFC-Frau: Denn die Stadt vernachlässige die Alltagsradler, es gebe etwa keine Hinweise im Internet auf öffentliche Fahrradständer. Auch fehle eine Verleihstation für Elektroräder, dafür gebe es eine Ladestation am Gimbacher Hof – für die aber der Hinweis fehle. Ihr Fazit: „Kelkheim betreibt Radverkehrs-Verwaltung. Aber es fehlen die kommunalpolitischen Treiber.“ Wittendorfer: „Es ist egal, mit was Sie anfangen. Nur im Moment machen Sie nix, und das ist schade.“

Erste Anregungen gab es: So sei ein Schutzstreifen für Radfahrer auf der Kelkheimer Straße denkbar, an den Gesamtschulen in Münster und Fischbach seien die zuführenden Radwege zum Teil zu schmal oder eine Matschpiste. Wenn sich dort bei Schulschluss zig Schüler drängeln, werde es ziemlich eng, weiß Gabriele Wittendorfer.

Hier seien zum Beispiel Fahrradstraßen, auf denen die Radler Vorrang gegenüber Autos haben, eine denkbare Variante. Schließlich sei in den Wohngebieten nicht so viel Verkehr und es könne kaum gerast werden. Mögliche seien auch Fahrradschnellwege – etwa von Königstein über Hornau und Liederbach oder für die vielen Pendler in Richtung Frankfurt. Auf dem Weg zur Arbeit über dreckige Abschnitte zu fahren, das sei wiederum kein Spaß für jeden Radler. Dass die Stadt jetzt viele neue Tempo-30-Zonen einführt, begrüßte Wittendorfer und nannte weitere Ideen, für den Drahtesel zu werben: Neubürger-, Spielplatz- und Feierabend-Touren oder Aktionen für Senioren. „Wir werden nicht alle Menschen auf das Fahrrad bringen – und das wollen wir auch nicht.“ Die Bergdörfer Eppenhain und Ruppertshain einzubinden, sei eher schwierig.

Der Verkehrsausschuss war angetan vom Weckruf der ADFC-Expertin. Nur manches ist schwer umsetzbar: Der Verleih von Elektrorädern scheitere schon daran, dass es an den Bahnhöfen keinen Kiosk als Anlaufstelle gebe, sagte Ordnungsamtsleiter Torsten Kleipa. Und für das Nadelöhr in der Stadtmitte Süd, mit dem Radweg über den stark frequentiertem Parkplatz, fand sich spontan keine so rechte Lösung. Absehbar ist aber: Nach der Kommunalwahl werden die Fraktionen das Thema mit konkreten Ideen bestimmt wieder aufgreifen – der ADFC-Denkanstoß dürfte Wirkung gezeigt haben.

(wein)

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