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Hier können sie entspannen: Viola Christ-Ritzer (links) und Maren von Hoerschelmann bei einer Lektüre samt einer Tasse Tee. Foto/Repro: Knapp

Zwei Leseratten und ihre Berufung

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Viola Christ wollte eigentlich in einem Verlag Fuß fassen. Bis ihr Vater eine Anzeige entdeckte. Eine Entscheidung mit Folgen . . .

„Mädels, wenn ich mal berühmt bin, mach‘ ich eine Lesung bei euch.“ Das hat Nele Neuhaus 2006 zu Viola Christ-Ritzer und Maren von Hoerschelmann gesagt. Mit ihrem Laden „Violas Bücherwurm“ haben sie als erste Unternehmer auf die heimische Autorin gesetzt und deren Werke angeboten. Drei Jahre später war Neuhaus bereits bundesweit bekannt – in der kleinen Kelkheimer Buchhandlung löste sie ihr Versprechen ein. Der Raum an der Bahnstraße platzte aus allen Nähten, von Hoerschelmann rollte den roten Teppich aus.

Es sind schöne Erinnerungen wie diese, die das Tandem jetzt Revue passieren lässt. Denn „Violas Bücherwurm“ besteht seit 25 Jahren, feiert bei einer Lesung Jubiläum (siehe Text rechts). Der Gesundheitszustand sei gut, betont das Duo an seinem Lieblingsplatz unisono. Am Tisch auf der Bühnen-Ecke sitzen beide gerne. Dann stöbern sie in Katalogen und Büchern, trinken Tee. Unterbrechen lassen sie sich gerne – ihre Kundschaft ist das A und O. Längst hat der Laden ein Stammpublikum. Wie viele es sind? Genau wissen es beide nicht, doch werden jedes Jahr 600 Weihnachtsgeschenke persönlich vorbereitet.

„Trotz diverser Umbrüche im Buchmarkt hat sich der Laden immer weiter entwickelt. Aus manchen Kunden sind Freunde geworden“, wissen die Kolleginnen, die längst Freundinnen sind. So mancher schicke Postkarten aus dem Urlaub oder bringe Plätzchen vorbei. „Der familiäre Umgang ist uns wichtig. Es kann in Ruhe gestöbert werden, und so manch einer kommt auch einfach nur mal zum ,Hallo’-Sagen.“ Auch gehen sie gerne auf Kunden-Wünsche ein.

Vor 25 Jahren hatte Viola Christ ein solches Projekt nicht auf dem Schirm, auch wenn das „ein langgehegter Wunsch von mir“ war. Die Kelkheimerin studierte Germanistik, wollte bei einem Verlag Fuß fassen. Da habe ihr Vater Manfred eine Anzeige vom leerstehenden Ladenlokal an der Bahnstraße entdeckt. Dort war früher das Malergeschäft Schnabel zu Hause, an das noch die Stuck-Rosette an der Decke erinnert. Dann wurden kurzzeitig hochwertige Schuhe verkauft. Viola Christ dachte sich: „Warum nicht?“ Nach gut einem Jahr eröffnete „Violas Bücherwurm“ am 3. Juli 1993 – die junge Frau war mit dem Studium fertig und führte das Geschäft mit ihrer Mutter Inge. Der Raum füllte sich nach und nach, Verlage wurden angeschrieben. Das Mobiliar kam aus der Buchhandlung Kohl in Frankfurt, die eine Filiale schloss. Mutter und Tochter waren drei Wochen in einen Crash-Kurs zum Buchhändler gegangen. Heute führt das Geschäft rund 4500 Einzelartikel, damals seien es nicht mal die Hälfte gewesen, erinnert sich Christ-Ritzer.

Vier Jahre nach dem Start der nächste Glücksfall: Maren von Hoerschelmann, die in der Nähe wohnte, suchte ein Buch mit Schnecken, die sie malen wollte. Die Buchhändlerin nahm sich viel Zeit, stöberte mit der Kundin, die immer häufiger kam. Als die Chefin Nachwuchs bekam, übernahm die Hausfrau mit die Vertretung. „Drei Frauen in einem Geschäft – ob das gut geht?“, fragte sich die 55-Jährige und liefert die Antwort gleich mit: „Es ging gut.“ Bis 2007 war Inge Ritzer dabei, seitdem stemmt ein Duo den Laden.

Gewandelt hat sich einiges. Genres wie Garten-, Bildbände oder Basteln gingen irgendwann weniger gut, Kinder- und Jugendwerke dafür stets. Sie nahmen Grußkarten, Taschen, Stifte dazu. Zuletzt kamen die Manga-Bücher, mit denen sie experimentieren. Mutig haben sie sich an Lesungen mit eher regionalen Autoren gewagt, denen sie eine Chance geben. Das hat sich bewährt. Zum Welttag des Buches laden sie zudem Schulklassen ein, wollen sich 2019 beim bundesweiten Vorlesetag beteiligen und wieder eine Nacht in der Buchhandlung für Leseratten organisieren.

Bücherwürmer – wie sie selbst sind: Viola Christ-Ritzer liest jeden Tag ein Buch im zweiwöchigen Urlaub. Dann auf dem iPad, sonst aber noch lieber gedruckt. Das Duo ergänzt sich beruflich und bei den Vorlieben. Bei Maren von Hoerschelmann sind es Koch- und Handarbeitsbücher, auch knackige englische Krimis. Viola Christ-Ritzer mag kunterbunte Alltagsromane, Nele Neuhaus, Belletristik. Beide können sie sich für Kinder-, Jugend- und Bilderbücher begeistern.

Wohin ihre Reise geht? In zehn bis zwölf Jahren ist für die Co-Pilotin Schluss, dann denkt auch die Chefin ans Aufhören. Eine Nachfolge-Regelung sei nicht leicht. „Ich bin mir nicht sicher, ob es dann Buchhandlungen so noch gibt“, sagt von Hoerschelmann. Das komplette Aus für das gedruckte Buch kann sie sich nicht vorstellen. „Man muss lernen, mit beidem zu leben“, sagt sie mit Blick auf elektronische Medien und will sich demnächst E-Books widmen. Es gebe immer mehr Kunden, die sich im Internet informieren – dann aber bei „Violas Bücherwurm“ kaufen, freuen sich beide nach dem Motto: „Das Geld soll in Kelkheim bleiben.“ Deshalb ergänzen sie sich auch mit den beiden anderen Buchhandlungen – Tipps statt Konkurrenz lautet das Motto.

Und so geht das Duo im Jubiläumsjahr mit der Zeit. Sie sind auf Facebook präsent, haben über einen Verlag nun eine Homepage mit Shop. Die Öffnungszeiten haben sie in all den Jahren flexibel angepasst – würden sich in dem Quartier aber einheitliche Termine wünschen. Früher sei hier an den verkaufsoffenen Sonntagen mehr Leben gewesen, bedauern sie und sind daher nur im Mai mit dabei.

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