Vier Jahre auf Tour im Wohnmobil

Zwei spulen 100 000 Kilometer ab

  • schließen

Ende des Jahres kehren Dagmar Görting und Bernd Dangl-Görting zurück. Aber wohl nicht allzu lange: Dann wollen die beiden Aussteiger Europa und möglichst Australien unsicher machen.

Es sollten zwei Jahre werden – inzwischen sind es fast vier mit 100 000 Kilometern Fahrt durch 19 Länder: Die Kelkheimer Globetrotter Dagmar Görting (66) und Bernd Dangl-Görting (74) sind noch immer mit ihrem Wohnmobil in Amerika unterwegs. Nach einem zweiten Heimaturlaub hat das Paar einen großen Teil der USA unsicher gemacht: Wyoming und South Dakota mit den Präsidentenköpfen am Mount Rushmore, Colorado mit den Rocky Mountains, dann durch den Süden über New Mexiko, Texas bis aktuell an den südlichsten Zipfel Floridas in Key West zum Schwimmen mit Delfinen. An der Ostküste soll es gen Norden gehen, der „Indian Summer“ in den Neu-England-Staaten ist eingeplant, bevor Halifax in Neufundland die letzte Station werden soll. Von dort wollen die Görtings im Oktober ihr Wohnmobil nach Deutschland verschiffen, damit es wieder Kelkheimer Boden unter den Reifen hat.

So ist der Plan. Doch beide wissen, dass sich nicht alles vorbestimmen lässt. Dessen waren sie sich im Frühjahr 2012 bewusst, als beide in Kelkheim ihre Zelte abbrachen. Sie waren schon früher viel mit dem Wohnmobil unterwegs, doch der Beruf brachte sie stets in die Heimat zurück. Dagmar Görting war Leiterin einer Gesamtschule in Ginsheim-Gustavsburg, ihr Mann Bernd als Diplom-Kaufmann Länderbeauftragter für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Eschborn und betreute dort Nationen in Südamerika.

So war das Ziel für die große Reise vorbestimmt. Start mit dem eigens umgebauten Pick-Up, der damals schon 60 000 Kilometer auf den Reifen hatte, war in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Über Uruguay ging es nach Brasilien und Paraguay, wo beide die Deutsch sprechenden Mennoniten trafen. In Argentinien, wo Bernd Dangl-Görting aufgewachsen ist, wurde der Heimatort besucht, in dem er noch mit dem Pferd zur Schule ritt. Tierisch wurde es beim Treffen mit den Königspinguinen auf Feuerland, eiskalt bei der zehntägigen Exkursion in die Antarktis.

Im Jahr 2013 ging es wieder in den wärmeren Norden, ein Höhepunkt sei hier der Abstecher zu den Osterinseln gewesen, schreibt Dagmar Görting in ihrem Reisebericht für das Kreisblatt. Doch die Ernüchterung folgte: Die „absolut schlechtesten Straßen unserer Reise“ erlebte das Paar in der Atacamawüste nach Nordbolivien. So blieb es nicht aus, dass beide mal direkt an der Strecke oder an einem verstopften Verkehrskreisel übernachten mussten. In Ecuador machte Bernd Dangl-Görting unliebsame Bekanntschaft mit einer Schiffsschraube und musste in einer Ambulanz „abenteuerlich genäht werden“, wie seine Frau schreibt.

2014 folgte von Mexiko aus der erste längere Heimaturlaub, erst im Januar 2015 ging es dann weiter. Durch die großen Nationalparks der USA ging es an der Westküste entlang rasch in Richtung Kanada. „Für uns als Gletscherfans gab es jetzt nur noch Highlights“, schreibt Dagmar Görting. Eine Nacht im Niemandsland, weil die Kupplung des Pick-Ups den Geist aufgab, konnten beide daher verschmerzen. Die Nähe zu den Eisbären im Nordpolarmeer, die sie mit einem Flugzeug besuchten, ließen dieses Intermezzo schnell vergessen. Im Banff-Nationalpark standen die Görtings Meister Petz fast Auge in Auge gegenüber. „Wir hatten zwar Bärenspray dabei, aber er war zum Glück nicht an uns interessiert“, schildert die Kelkheimerin.

Nach einem weiteren „Heimaturlaub“ für ein halbes Jahr fehlten für den „Guapo“ – so nennen sie liebevoll ihr Wohnmobil – wichtige Ersatzteile. So hieß es Warten in Kanada. Doch mit Hürden sind die Görtings schon vertraut – nicht nur bei dieser Tour. „Wir sind in unseren jungen Jahren noch ohne Kind mit einem alten VW Bus durch ganz Europa gegondelt – damals schon mit Visum hinter dem ,eisernen Vorhang‘ – und später in Reisen durch Südafrika, Argentinien und Kanada“, erinnern sie sich. Und so raten sie allen, die sich durch ihre Tour animiert fühlen: „Man sollte das Reisen mit einem Wohnmobil schon mal ausprobiert haben.“ Aber sie motivieren dazu, solche Chancen zu ergreifen: „Wir treffen immer wieder Menschen, die uns darum beneiden, dass wir so konsequent unseren (Alters)-Lebenstraum verwirklicht haben. Wer auf so eine Art des Reisens Lust hat, der sollte sich auf keinen Fall abschrecken lassen von ängstlichen Mitmenschen. Man sollte sich aber bewusst sein, dass man auf engstem Raum längere Zeit miteinander auskommen muss und diese Art des Reisens kein Luxusurlaub ist. Aber wir finden es grandios!“

Neben den tierischen sind es vor allen die menschlichen Begegnungen, die sie faszinieren: seien es die Indios in Mexiko oder die Schwester der früheren Nachbarin aus Kelkheim, die jetzt in Colorado Springs lebt. „Was uns immer wieder besonders gefreut hat, war, dass vor allem junge Reisende uns teilweise unterwegs angehalten haben und von uns genau wissen wollten, ob wir da wirklich überall waren. Und es ist wirklich lustig, wenn in Fairbanks auf dem Campingplatz die Nachbarn aus Bad Soden sind und ein Wohnmobil gemietet haben.“ Wenn sie gesund bleiben, wollen beide nach der Rückkehr Europa erobern. Geplant ist eine Tour durch Schweden, Nordfinnland nach Russland, über Sankt Petersburg nach Moskau und zurück über die baltischen Staaten und Polen. Außerdem sind Island und Albanien Ziele. Auch Australien und Neuseeland wäre ein Traum für die beiden Globetrotter, die bisher schon manch Unmögliches möglich gemacht haben.

Wer die Görtings auf ihrer Tour verfolgen möchte, findet Reiseberichte und Fotos im Internet unter abenteuerpanamericanablog.wordpress.com .

(wein)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare