Kelkheim wird Museumsstadt

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Ansonsten gibt’s vor allem fröhliche Themen, Politik bleibt außen vor in Fischbachs Gassen.

In der Politik wird um die Pläne fürs neue Museum gerungen – dabei könnte doch alles so einfach sein. Zumindest, wenn es nach Ulrike Schaal und ihrem Gartenservice geht: Die kleine Fußgruppe packt beim Fischbacher Fastnachtsumzug einfach alles rein in die „Museumsstadt Kelkheim“. Möbel seien out, deshalb soll der Ort diesen neuen Namen bekommen – samt einiger spezieller Museen: So wollen Ulrike Schaal und Co. alte Relikte zum gescheiterten Bau der B 8 ebenso ausstellen wie Blumen, Kunst, Kräuter, Apfelwein und vieles von Bürgermeister Horn, der ja im Frühjahr sein Amt abgibt. „Das Kindergarten-Museum ist leider krank geworden“, sagt Knut Schaal, der die Idee für diesen bunten Fußmarsch mit Papp-Kreationen hatte. Zuvor wollte die Gruppe als Bürgermeister-Kandidaten durch Fischbach marschieren, sagt er.

Mit Ausnahme dieser kleinen Spitze hat Politik fast nichts zu suchen beim Zug. „Politiker damals wie heut’! Heiße Luft – Ihr Liebe Leut’“ – mit diesem Spruch trauen sich noch die „Plaschis“ aus Königstein aus der Deckung, ansonsten sind lockere, fröhliche Themen angesagt. „Mit den Fischen auf Du und Du, has’de unner Wasser dei Ruh“ reimt zum Beispiel die Tauchgruppe Kelkheim. Die Fußgruppe begleitet dies mit Papp-Basteleien von Sauerstoff-Flaschen, Fischen, Haien sowie Neptun – und ruft passend dazu „Hai-Lau“. Der vor 26 Jahren gegründete Verein ist zum ersten Mal in Fischbach dabei. „Wir wollten mal Spaß haben. Jetzt musste es soweit sein“, sagt Annerose Pauly und erinnert sich an einen Bastelnachmittag mit Ebbelwoi und Rindswurst, bei dem die Unterwasser- bewohner entstanden sind.

Eine Fischbacher Premiere erlebt auch Michaela Weber aus Eschborn mit ihrem stattlichen Wagen von „Elas Herberge“. Bisher hatte die Pensionschefin immer einen Stand beim Eschborner Umzug. Weil die Straße dort Baustelle ist, geht es nun mit ihren Mitarbeitern und Freunden selbst auf die Gass’ – als teuflische Vampire, die aber kein Blut saugen, sondern reichlich Kamelle werfen.

Den Vogel der Großzügigkeit schießt wohl die Rhein-Main-Therme ab. Der Bolide ist vollgepackt mit Chips. Etwa 30 Paletten mit mehreren tausend Tüten fliegen in die Menge, verrät Jens Tröger im Bademantel. Der Therme-Brummi ist Stammgast bei den Zügen in Hattersheim, Flörsheim und Trögers Heimatstadt Kelkheim. Die Mitarbeiter machen gerne mit, freut er sich. Auch beim City-Club, wo Chef Joachim Schorb das Team für die Teilnahme motiviert hat: Sie schmeißen Mützen in die Menge – der Chef als Gorilla vornedran.

Gut 10 000 Besucher säumen die Straßen, berichtet die Polizei (siehe „Info“). Fast 80 Nummern und über 1100 Teilnehmer hat der bunte Wurm – allen voran die Mitglieder des gastgebenden Fischbacher Carneval-Vereins (FCV). Sie rahmen den Zug ein. Die FCV’ler seien trotz anstrengender Kampagne mit ausverkauften Sitzungen noch voll motiviert, sagt Vorsitzender Harald Oehm. „Ich hätte gerne den blauen Himmel von Sonntag gehabt“, ist er sonst rundum glücklich. Auch Zugmarschall Marcel Schmitt ist zufrieden, spricht von einem „schönen, flüssig gelaufenen Zug“. Die „Golden Girls“ des FCV sind mit einer witzigen Verkleidung am Start: als Achterbahn-Fahrer. Immer, wenn sie gemeinsam einen Höllenritt simulieren, baumeln ihre Stoffpuppen-Beine hin und her.

Wild geht’s auch im Schweinestall von Marius Probst zu. Erstmals hat er einen Wagen übernommen und mit seinem Freunden – darunter einige Fischbacher – umgebaut. „Bauer sucht Sau“: Das Logo einer bekannten TV-Serie ist leicht verändert an der Holzwand zu lesen. Mehr als 100 Stunden habe die Gruppe investiert, verrät das „Ober-Ferkel“. Da hat’s die „Transuse Horror Band“ gut – sie ist nur alle fünf Jahre dabei, wenn sie nach Weihnachten auch im Jazzclub ein Konzert gibt. Der bekannte Titel vom „gelben“ Sack wird nun mit Säcken und Mülltonnen untermalt.

Verpflegung bekommen Transusen und Schweine an der Zugstrecke mehr als genug. Etwa bei Melli (12 Jahre alt) und Sina (13), die in ihrer „Waffelschmiede“ an der Langstraße Leckereien verkaufen. Im Vorjahr sei der Teig ruckzuck weg gewesen, nun haben sich die Mädchen in ihrem Hofladen besser gerüstet. Flüssiges gibt’s nur wenige Meter weiter bei Claudia und Dirk Kupfer-Noack. Vom Balkon aus servieren sie den Teilnehmern süße, hochprozentige Getränke – darunter selbstgemachten Eierlikör. „Man kennt fast alle“, freuen sich die Balkon-Fans über ihr Heimspiel.

Doch Gäste sind willkommen – und die großen Vereine schauen gerne vorbei, von der KG Hofheim mit ihrer Ambett über die Schwalbacher „Pinguine“, die Sodener Carnevalgesellschaft mit ihrer „Sodenia“, den Kappen-Club Niederhöchstadt und den Gusbacher Carneval-Club bis zu den Kelkheimer Nachbarn vom AKK (zum 55. Geburtstag auch als 55-Cent-Münzen) und der TSG Münster. Und es legen sich die Fischbacher Vereine ins Zeug, sei es die katholische Frauengemeinschaft als „11 Damen vom Grill“, die Feuerwehr mit „Disney’s Märchenwald“, die Kerbeborsch und der Kerbeverein oder das Familienteam als „Fliegenpilze“. Damit es nicht nur Musik aus der Konserve gibt, sorgt das FZH Blasorchester seit Jahren für den guten Ton – diesmal unterstützt von der Jugend-Brassband Königstein als zweite Musikgruppe.

(wein)

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