Ein Skispringer hebt auf der Olympiaschanze in Sotschi ab. Dort hatten Althen-Techniker vor den Winterspielen 2014 ihre Finger im Spiel.
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Ein Skispringer hebt auf der Olympiaschanze in Sotschi ab. Dort hatten Althen-Techniker vor den Winterspielen 2014 ihre Finger im Spiel.

Mess- und Regeltechnik-Betrieb Althen

Kelkheimer Firma liefert weltweit wichtige Kraftwerte für Skispringer

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Heute startet in Oberstdorf das erste Springen der renommierten Vierschanzentournee. Auch deutsche Skispringer wie der Weltcup-Führende Robert Freitag und der Zweite Andreas Wellinger rechnen sich Chancen auf den begehrten Gesamtsieg aus. Was kaum einer weiß: Beim ambitionierten Kampf um Zentimeter und den optimalen Absprung hat auch eine kleine Firma aus Münster ihre qualifizierten Hände mit im Spiel.

Wenn Stars der Skisprung-Szene wie Robert Freitag oder Andreas Wellinger an den Schanzen dieser Welt abheben, dann ist das auch für kleine, unscheinbare Bauteile der Firma Althen aus Münster jedes Mal ein Härtetest. Denn die drei Meter langen Bretter der Profis rasen mit hohen Geschwindigkeiten über die Mess-Apparaturen der Kelkheimer Spezialisten hinweg. Während sich Wellinger und Co. aber letztlich nur für ihren optimalen Absprung am Tisch, einen möglichst weiten Flug und eine hoffentlich elegante Landung interessieren, haben die kleinen „Helfer“ im Untergrund der Schanze ein ganz anderes Ziel: Die sogenannten Aufnehmer sollen die Kraftwerte der Sportler auf den letzten Metern einer Skisprungschanze ermitteln und über die Auswertung dann dazu beitragen, die Leistung zu optimieren.

Längst ist die Althen-Technik ist mehreren Weltcup-Schanzen rund um den Globus installiert, sagt Thomas Richter, der für das Projekt zuständige Vetriebsingenieur im Gebiet Südwest und Produktmanager im Bereich Kraftmesstechnik. Stolz erzählt er dem Kreisblatt, dass die Aufnehmer auch in den Olympia-Schanzen im russischen Sotschi verbaut seien. „Die hat Putin vor Olympia 2014 sogar selbst abgenommen“, berichtet der 58-Jährige, der seit 18 Jahre bei der Firma Althen ist. Der Betrieb mit 40 Mitarbeitern, der seit 2006 einer kleinen holländischen Grippe gehört, wurde 1978 in der Ortsmitte Münster gegründet und ist vor gut zwei Jahren in seinen Neubau im Gewerbegebiet gezogen.

Schon seit vielen Jahren arbeitet Richter mit dem renommierten Institut für angewandte Trainingswissenschaft (IAT) an der Universität in Leipzig, der ehemaligen Kaderschmiede der DDR, zusammen. Bei audiometrischen Messungen mit Althen-Technik sollen so die Bewegungsabläufe der Sportler untersucht werden. Laut Richter zählen dazu unter anderem Drehmomentmessungen bei Speerwerfern, Geschwindigkeitsmessungen über GPS bei Ruderbooten oder Kraftmessungen an Startblöcken bei Schwimmern. Hier hat Richter, dessen Kinder im Schwimmsport leistungsmäßig aktiv waren, im Training genau zugeschaut – um seine Erkenntnisse dann in die Aufbauten einzubinden.

Skispringen wiederum war absolutes Neuland für den Experten. „Ich kann ja noch nicht mal Skifahren“, sagt er schmunzelnd. Das war dann spannend, als er sein Projekt den Funktionären und Sprungexperten des Deutschen Skiverbandes vorstellen sollte. „Die haben mich gefragt, wie lange ich schon springe“, erinnert er sich noch bestens. Wie gut, dass Althen als Partner eines alten Hasen im Boot ist: Denn das IAT kooperierte schon lange mit Peter Riedel, einem ehemaligen Profi-Skispringer. Dessen Vater Eberhard, dreifacher Olympiateilnehmer für die DDR, hatte sich schon in einer Diplom-Arbeit damit beschäftigt, wie sich die Anlaufspuren für den Skisprung weiterentwickeln lassen. Auf Basis seiner aktiven Erfahrung führte sein Sohn Peter das Projekt weiter und entwickelte vor allem die Idee einer gleichzeitigen Sommer- und Winter-Spur an den Schanzen.

Treff in der Ski-Bar

Doch welche Kräfte wirken dort genau? Dafür nahm sich Riedel über das IAT die Münsterer Firma Althen ins Boot. Kurioserweise war Projektleiter Richter gerade im Erzgebirge in der Nähe von Riedels Firma im Winterurlaub, als das Angebot aus Leipzig kam. Den ersten Kontakt habe es somit direkt in einer Après-Ski-Bar in Oberwiesenthal gegeben, erinnert sich der Kelkheimer Fachmann. Die Aufgabe war herausfordernd: In dem unteren Bereich der Schanze, der weniger steil ist, laut Richter sind das je nach Schanze 12 bis 18 Meter, sollten möglichst viele Kraftaufnehmer unter der Spur eingebaut werden. Zwischen 60 und 150 der kleinen Althen-Zellen seien das je nach Anlage, weiß Richter. Die Pilotschanze stand in Oberwiesenthal, wo der Mitarbeiter aus Münster bei Trainingssprüngen selbst an Ort und Stelle war und 2007 der Startschuss erfolgte. Längst sind weitere bekannte Anlagen in Klingenthal, dem norwegischen Trondheim und vor allem die drei Schanzen in der Olympiastadt Sotschi dazugekommen. Das System von Riedel mit der Althen-Unterstützung setze sich so nach und nach in der Szene durch, freut sich Richter.

Kein Wunder: Mit Hilfe der Messwerte, die über Messverstärker direkt online in den Rechner übertragen werden, lasse sich die optimale Kraftübertragung auf den letzten Metern vorm entscheidenden Absprung ermitteln, weiß Richter. Zudem wird mit Hochgeschwindigkeitsaufnahmen gearbeitet. So lassen sich zwei Abläufe erstellen und quasi als Bilder übereinander legen – der optimale anhand der Messdaten für Kraft und Winkel sowie der tatsächliche anhand der Bewegung des Springers. Das gebe den Trainern Aussagen über den Zustand des Sportlers. Da auch beide Spuren gemessen werden, gibt es außerdem Vergleiche des starken und schwächeren Absprungbeins.

„Die haben alle Angst“

Thomas Richter schaut trotz seines langjährigen und herausfordernden Projektes „ganz selten Skispringen“. Für ihn war es vor allem „eine Messaufgabe, in die man sich ein bisschen reinfuchsen musste“. Er kann sich aber gut vorstellen, dass die Althen-Technik unter den Riedel-Spuren bald in jedem Wohnzimmer bei TV-Übertragungen ein Thema ist: wenn nämlich auch die Absprungverläufe zu sehen sind. Noch sei die Technik nicht so weit, weiß Richter, der während seines Skisprung-Abenteuers und den Besuchen in Oberwiesenthal vor allem eines mitbekommen hat: „Glauben Sie mir, die haben alle Angst, wenn sie runterspringen.“

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