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Hat ein Kind etwas Schreckliches erlebt, sollten Eltern versuchen, es zu beruhigen. Dabei helfen kleine Gesten wie eine Umarmung.

Expertin erklärt

Wie Kinder und Eltern mit schlimmen Erlebnissen umgehen sollten

Kürzlich kam es in unmittelbarer Nähe der Geschwister-Scholl-Grundschule in Schwalbach zu einem Verkehrsunfall, bei dem ein 54-jähriger Radfahrer starb. Unser Reporter David Schahinian fragte Dr. Dorothea Isele, Psychologin in der Psychiatrischen Institutsambulanz in Hofheim, wie Kinder und Eltern mit solch einem traumatischen Erlebnis umgehen können und sollten.

Kürzlich kam es in unmittelbarer Nähe der Geschwister-Scholl-Grundschule in Schwalbach zu einem Verkehrsunfall, bei dem ein 54-jähriger Radfahrer starb. Unser Reporter David Schahinian fragte Dr. Dorothea Isele, Psychologin in der Psychiatrischen Institutsambulanz in Hofheim, wie Kinder und Eltern mit solch einem traumatischen Erlebnis umgehen können und sollten.

Ein Kind beobachtet einen Unfall, bei dem ein Mensch stirbt. Was sollte ein Erwachsener, der dabei steht, als erstes tun?

DOROTHEA ISELE: Per se ist solch ein Erlebnis, das Beobachten des Todes eines Dritten, ein Moment außergewöhnlicher Belastung und gehört zu den potenziell traumatisierenden Erfahrungen. In der akuten Situation kann die Körperphysiologie im Sinne einer „Alarmreaktion“ stark aktiviert werden. Es geht dann zunächst vor allem darum, das Kind und dessen Physiologie zu beruhigen. Hilfreich und sich beruhigend auswirkend ist es, die Eltern beziehungsweise nahen Bezugspersonen als Sicherheit gebende Personen schnell herbeizuholen. Wichtig ist auch, darauf zu achten, was das Kind in dem Moment braucht: Das kann ein Glas Wasser oder eine Decke sein.

Was sind die nächsten Schritte?

ISELE: Im Verlauf kommt es darauf an, wie sich das Kind weiterentwickelt. Halt gebend wirkt sich das Beibehalten der geregelten Tagesstruktur aus, das „Dasein“ von nahen Bezugspersonen und Freunden, das Spielen des Lieblingsspiels ect.

Was noch?

ISELE: Zeigt sich ein betroffenes Kind weiterhin emotional stark involviert, so mag es helfen, dieses darin zu unterstützen, seine Gefühle zu verstehen und abzuschwächen. Eine Studie zu frühen psychologischen Interventionsmaßnahmen bei Kindern nach traumatischen Erfahrungen fand heraus, dass Psychoedukation – also das Verstehenlernen der seelischen Reaktion – sowie Techniken zum Umgang mit Gefühlen therapeutisch hilfreich sein können.

Wie kann sich ein solches Erlebnis auf ein Kind auswirken, ja einprägen?

ISELE: In den ersten Tagen nach der Erfahrung können ganz unterschiedliche Reaktionen auftreten, zum Beispiel Alpträume, Nervosität, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme, Rückzug oder Traurigkeit, auch körperliche Stresssymptome wie Bauchweh oder Kopfschmerzen. Oft gehen diese nach einigen Tagen wieder zurück.

Und längerfristig?

ISELE: Denkbar und möglich wären zum Beispiel eine Posttraumatische Belastungsstörung oder eine depressive Entwicklung. Mir ist es allerdings wichtig hervorzuheben, dass sie keinesfalls immer auftreten müssen. Wir dürfen nicht vergessen: Wir Menschen haben auch Ressourcen, also quasi eine Art innere Stärke, die uns dabei hilft, bis zu einem gewissen Grad mit belastenden Erfahrungen umzugehen und diese zu verarbeiten. Das Risiko an Traumafolge-Störungen zu erkranken steigt allerdings mitunter mit der Anzahl erlebter traumatischer Erfahrungen.

Wie häufig sind solche traumatischen Erlebnisse denn?

ISELE: Studien zufolge haben circa 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der EU mindestens einmal in ihrem Leben eine traumatische Erfahrung gemacht.

Ist eine vollständige Heilung möglich beziehungsweise ein therapeutisches Ziel? Oder bleibt immer etwas zurück?

ISELE: Das Ziel einer erfolgreichen Psychotherapie sollte meines Erachtens schon sein, die Symptome so weit wie möglich zu reduzieren. Zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörungen gibt es wirksame Behandlungsansätze, zum Beispiel die sogenannte Narrative Expositionstherapie, die dabei hilft, traumatische Erfahrungen aufzuarbeiten. Was sicher bleibt, sind die schlimmen Erlebnisse als Teil der Biografie des Menschen.

Gibt es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen?

ISELE: Es kommt schon mit auf die persönliche Entwicklungsstufe der Person an. Kinder reagieren tendenziell schneller mit intensiver Angst und starker physiologischer Aktivierung. Das ist relevant für die Entwicklung von Traumaspektrumsstörungen. Auch können sich die Symptome bei Erwachsenen und Kindern etwas anders zeigen. Manche Kinder spielen zum Beispiel das Erlebte immer und immer wieder nach.

Wie nehmen Eltern wahr, dass ein Kind bedrückt ist? Vielleicht hat niemand bemerkt, dass es etwas Schreckliches gesehen hat.

ISELE: Es gibt nur wenige Symptome, die spezifisch darauf hinweisen, dass eine traumatische Erfahrung gemacht wurde, traumabezogene Alpträume beispielsweise. Rückzug oder Traurigkeit könnten genauso gut durch Probleme in der Schule, mit Freunden und so weiter entstehen. Wichtig ist es, für die Kinder da zu sein und ein offenes Ohr für sie zu haben, wenn sie uns etwas erzählen möchten.

Und wenn es tatsächlich eine schlimme Erfahrung gemacht hat?

ISELE: Eltern sollten darauf achten, ob es Veränderungen gibt, beispielsweise bestimmte Situationen oder Orte plötzlich gemieden werden, Alpträume auftreten, schlimme Situationen nachgespielt werden oder das Kind den Eindruck macht, als würde es eine schlimme Erfahrung nicht aus dem Kopf bekommen. Gelingt es uns, dem Kind zu signalisieren, dass wir es ernst nehmen, stark genug sind, um auch schwere Geschichten anzuhören und ihm ruhig und hilfreich zur Seite stehen können, so machen wir es ihm leichter, sich uns anzuvertrauen.

Welche Rolle spielt das Alter eines Kindes?

ISELE: Eine große Rolle, wie auch die Art des Erlebnisses. Man geht heute davon aus, dass das Hirn bis ins späte Jugendalter/frühe Erwachsenenalter reift und sich unterschiedliche Areale zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich stark entwickeln. Wenn Stresshormone aufgrund einer Traumatisierung längere Zeit im Körper zirkulieren, kann die Reifung des sich aktuell besonders stark entwickelnden Areals beeinträchtigt werden, so die Hypothese. Auch gibt es Hinweise darauf, dass sich je nach Alter zum Zeitpunkt des Geschehens oder bei bestimmten Erlebnissen etwas andere psychische Symptome mit größerer Häufung entwickeln.

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