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Der Bad Sodener Kinderarzt Dr. Hansjörg Melcher rät auf jeden Fall zur Impfung, denn er habe in seinem Berufsleben beobachten können, welche furchtbaren Spätfolgen Masern haben können.

„Spätfolgen sind schrecklich“

Kinderarzt rät unbedingt zur Masern-Impfung

Die Masern breiten sich weiter aus. Im Main-Taunus-Kreis ist es bisher bei dem Fall eines Schülers der Brühlwiesenschule geblieben, wie Main-Taunus-Sprecher Johannes Latsch gestern mitteilte. HK-Redakteurin Ulrike Kleinekoenen sprach mit dem Bad Sodener Kinderarzt Dr. Hansjörg Melcher, wie er die Lage einschätzt, welche Nebenwirkungen Impfungen haben und in welcher Relation diese zu den Folgen von Masern stehen. Der Mediziner spricht auch offen darüber, was er von Masern-Partys hält.

Herr Dr. Melcher, in Frankfurt wurden wegen Masern Schulen geschlossen, in Hofheim mussten hunderte Schüler und 50 Lehrer wegen der möglichen Ansteckungsgefahr zu Hause bleiben. Wie schätzen Sie die Situation ein? Muss man Angst haben?  

DR: MELCHER: Die Allgemeinheit braucht vor den Masern sicher keine Angst zu haben, da die allermeisten Menschen gegen diese Infektionskrankheit immun sein dürften – entweder, weil sie die Masern durchgemacht haben, oder weil sie geimpft sind. Es gibt aber Ausnahmen: Ältere Säuglinge und Kleinkinder, die noch nicht geimpft wurden oder werden konnten, aber auch Menschen mit einer Immunschwäche tragen ein hohes Risiko, an Masern lebensgefährlich zu erkranken.

Wie erklären Sie sich insgesamt die vermehrten Masernfälle in den letzten Jahren?

DR: MELCHER: Mehrere Gründe fallen mir ein: Der Anteil der Bevölkerung, der die Virus-Erkrankung hatte, also die sogenannten „Wildmasern“ durchgemacht und dadurch die bestmögliche Immunität erlangt hat, schwindet im Zuge der demographischen Entwicklung. Durch seltener werdende Wildmasern lässt auch die natürliche „Boosterung“ (Auffrischung durch wiederholten Kontakt mit natürlichen Wildviren; d. Red.) immuner Personen nach, so dass deren Antikörpertiter in höherem Alter allmählich absinken. Zudem wurden zwischen 1970 und etwa 1990 Geborene nur einmal gegen Masern geimpft, was bedeutet, dass dieser Bevölkerungsanteil „nur“ zu 95 bis 97 Prozent schützt ist gegenüber einem 99prozentigen Schutz bei zweimal Geimpften. Als letzten Grund sehe ich die Impf-Skepsis in der Bevölkerung, die unglücklicherweise oft lokal oder regional konzentriert zu beobachten ist. Diese führt zum Abfall der Durchimpfungsrate unter die kritische Marke von etwa 85 bis 90 Prozent und damit zu einer verminderten „Herdenimmunität“, also einem erhöhten Risiko für die Gesamtbevölkerung.

Impfgegner begründen ihre Skepsis häufig mit den möglichen Nebenwirkungen der Impfung. Ist diese Sorge berechtigt?

DR: MELCHER: Nein. Die Nebenwirkungen der Masernimpfung sind gering. Diese können eine Lokalreaktion an der Impfstelle sein, Schmerzen und in fünf bis zehn Prozent der Impfungen eine Art abgeschwächte Masern mit kurz bis zwei Tagen anhaltendem Fieber und leichtem Ausschlag, den sogenannten Impfmasern.

Haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass Eltern mit Migrationshintergrund eher ihre Kinder impfen lassen als Eltern aus intellektuellen Kreisen, also Akademiker und Wohlhabende, die ihren Nachwuchs bewusst nicht impfen lassen?

DR: MELCHER: Ja. In diesen Familien kennt man die Masern und andere Infektionskrankheiten viel häufiger noch aus eigener Anschauung oder aus Berichten von Verwandten als bei uns. In den meisten „Entwicklungsländern“ werden Impfungen als die fortschrittliche und segensreiche Gesundheitsmaßnahmen angesehen, die sie auch tatsächlich sind. Bei uns ist diese unmittelbare Erfahrung der Information durch Medien gewichen, deren Seriosität für den Laien nicht erkennbar oder unterscheidbar ist.

Was halten Sie von sogenannten Masern-Partys, wo Eltern mit ihrem Nachwuchs bewusst den Kontakt zu einem kranken Kind suchen, um sich anzustecken und damit langfristig geschützt zu sein?

DR: MELCHER: Ich halte davon gar nichts und halte „Masernpartys“ für unverantwortlich. Die Masern werden als „Kinderkrankheit“, als das Immunsytem und die ganze kindliche Entwicklung „stärkendes Ereignis“ verharmlost oder auch mystifiziert. Meine Frau und ich selbst haben die Masern als Kinder durchgemacht und wissen durchaus noch, wie schlecht es uns dabei ging. Es stimmt auch nicht, dass Masern bei Erwachsenen schwerer verlaufen als bei Kindern – Erwachsene jammern nur lauter. Natürlich überleben die allermeisten Menschen die Krankheit, aber Komplikationen wie Lungenentzündung sind häufig und es gibt tödliche Verläufe. Besonders heimtückisch ist dabei eine chronische neurologische Masernfolgekrankheit, die SSPE, die über Jahre unaufhaltsam zum Tode führt und die ich selbst immerhin zweimal in meinem Berufsleben bei Heranwachsenden beobachten musste – ein schreckliches Erlebnis, das ich nie mehr haben will

Dann raten Sie jungen Eltern, die in Ihre Praxis kommen und vielleicht noch etwas unsicher sind, dass sie ihr Kind unbedingt impfen lassen sollen?

DR. MELCHER: Ja, ich empfehle die Masernimpfung als Kombination mit Mumps, Röteln und Windpocken uneingeschränkt und sage den Eltern, dass das Risiko einer bleibenden Schädigung durch diese Impfung nach derzeitigem Wissen praktisch „null“ ist, während die Gefahr bleibender Schäden durch die Erkrankung vielleicht gering, aber real vorhanden ist. In 20 bis 30 Prozent der Masernfälle kommt es zu Komplikationen, auf etwa 1000 Masernerkrankungen gibt es einen Todesfall in den Industriestaaten.

Also stehen die Nebenwirkungen der Impfung Ihrer Meinung nach in keiner Relation zu Folgeerkrankungen einer Maserninfektion?

DR. MELCHER: Genau.

Sind jetzt nach Bekanntwerden der zahlreichen Masernfälle verstärkt Eltern zu Ihnen in die Praxis gekommen und wollten ihre Kinde impfen lassen?

DR. MELCHER: Es haben einige nach der Möglichkeit einer vorzeitigen Masernimpfung junger Säuglinge unter neun Monaten gefragt, die aber nicht sinnvoll ist, da eine so frühe Impfung durch mütterliche Antikörper neutralisiert wird. Regulär impfen wir Masern, Mumps, Röteln mit 11 Monaten zum ersten Mal und geben die zweite Impfung mit 15 bis 18 Monaten gemäß einer Empfehlung der Stiko, der ständigen Impf-Kommission, einem Expertengremium des Robert-Koch-Instituts.

Sie haben selbst Kinder und auch schon Enkelkinder. Sind die geimpft?

DR: MELCHER: Aber sicher doch. Allerdings leben meine fünf Enkelkinder in Norwegen, dort impft man die Masern später als bei uns – mit 15 Monaten und nach dem 10. Geburtstag. Man kann sich das dort leisten, weil in Skandinavien generell bereits sehr hohe Durchimpfungsraten und damit eine sichere „Herdenimmunität“ erreicht werden konnten. Vor längeren Aufenthalten im Ausland, übrigens inklusive Westeuropa, werden norwegische Kinder schon ab dem Alter von neun Monaten geimpft.

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