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Ein zufriedener Wink zum Abschied: Seit 1977 hat der gebürtige Wiesbadener Gerd Gröhl, der im Januar 64 Jahre alt wird, für den Caritasverband als Erziehungs- und Familienberater gearbeitet. Nun geht er in den Ruhestand.

Interview

Das denkt ein Familienberater über das moderne Familienleben und die fehlende Fertigkeit, Probleme zu lösen

40 Jahre Erfahrung in der Familien- und Erziehungsberatung kann Gerd Gröhl vorweisen. Der Leiter der Einrichtung für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Caritasverbands Main-Taunus geht zum Jahreswechsel in den Ruhestand. Über das Ideal Familie und die Realität hat Barbara Schmidt mit ihm gesprochen.

Herr Gröhl, Sie haben seit 1977 als Erziehungs- und Familienberater für den Caritasverband gearbeitet. Gerade in der Weihnachtszeit bekommen wir eine Musterfamilie vor Augen geführt, die sogenannte heilige Familie. Maria, Josef und das Jesuskind – das ist so eine Art Urbild von Harmonie. Menschen, die füreinander da sind und zueinander stehen, auch wenn die Umstände rundherum nicht rosig sind. Wie modern ist das?

GERD GRÖHL: Das ist insofern modern, als jeder ja das Ideal weiter hochhält. Keiner will lebenskritische Ereignisse. Aber sie sind eine Tatsache. Da nutzen wir gerne Ideale als Ziele.

Wie heilig ist Menschen denn heute die Familie noch?

GRÖHL: Die meisten Menschen wollen sich sehr gut um ihre Kinder kümmern. Sie sind auf jeden Fall hochmotiviert und interessiert, es richtig zu machen. Zumindest trifft das für den größten Teil zu. Wir reden medial leider häufiger von den Ausnahmen. So kommen Sonderereignisse übermäßig in den Blick. Familie ist in der Regel Normalität, folglich für die breite Öffentlichkeit nicht so interessant.

Im Wort „heilig“ steckt „heil“ drin, also etwas, was intakt, was gesund und gut ist. Damit Familie das ist – was braucht es dafür?

GRÖHL: Auf jeden Fall braucht es Menschen, die Kindern nicht nur Problembewusstsein beibringen, wie wir es heute überhäuft haben. Sie brauchen Problemlösefertigkeiten. Dafür müssen wir Kinder in eine Beziehungsfähigkeit bringen. Wir beobachten aber einen zunehmenden Prozess des Bewachens, Betreuens und Durchcoachens. Kinder brauchen mehr Raum, etwas auszuprobieren, zu lernen. Sie sind keine kleinen Erwachsenen. Daran können sie wachsen und eigenverantwortlich werden.

Die Menschen sind sehr verunsichert

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung nimmt zu. Warum braucht es das offenbar immer mehr?

GRÖHL: Ob es wirklich immer mehr braucht? Die Menschen sind in der Sorge, alles falsch zu machen; sie sind sehr verunsichert. Das hängt mit der fehlenden Problemlösefähigkeit zusammen. Wer sie nicht hat, tut sich schwer mit Entscheidungen. Und auch damit, Verantwortung zu übernehmen.

Die Auswahlmöglichkeiten sind in der pluralen Gesellschaft auch wesentlich größer geworden. Allein die Frage: Wie ernähre ich ein Kind richtig? Da gibt es viele Meinungen und Antworten. Führt nicht diese gesellschaftliche Veränderung zu solcher Verunsicherung?

Essenausgabe in der Schulküche

GRÖHL: Da haben Sie recht. Was sich nicht verändert hat, sind aber die Kinder und ihre Bedürfnisse.

In welchem Bereich würden Sie sich aber in Zukunft mehr Hilfen für Familien wünschen?

GRÖHL: Genügend Anlaufstellen für ambulante Hilfen mit entsprechendem Fachpersonal, in denen sie kurzfristig auch einen Termin bekommen, das würde ich ihnen sehr gönnen. Wenn jemand sich selbst infrage stellt und Beratung sucht, sollte er dazu auch unbürokratisch und niedrigschwellig die Möglichkeit haben. Das würde eine Menge an Weichenstellung und Impulsgebung möglich machen. Nur muss man der Politik auch sagen: Das ist nicht kostenfrei zu haben.

Viele Menschen im Main-Taunus kennen Sie eher dank Ihrer Ehrenämter, etwa als Mann mit der Karussell-Orgel, als Moritatensänger oder als Aktivist für das therapeutische Reiten in Eddersheim. Ist das auch eine Konsequenz aus Ihrer Überzeugung, dass es guttut, nicht nur für sich selbst zu leben?

GRÖHL: Ich weiß nicht genau, wo es herkommt. Aber ich habe mich schon als Kind immer gern beteiligt. In meiner Familie gab es eine hohe Beteiligungskultur. Da durften wir Kinder einkaufen gehen und dann entscheiden, ob wir uns vom Restgeld noch ein Eis holen oder etwas anderes. Mir war bei allem, was ich mitverantwortet habe, ob die Gründung eines Fördervereins oder Vorstandsarbeit, immer wichtig, dass es passiert, nicht, welche Rolle ich dabei habe. Und ich habe sehr früh erkannt, dass ich da etwas zurückbekomme und dass es Spaß macht. Bei der Caritas hatte ich eine gute Grundlage für mein Wirken. Und das war und ist super! Menschen bewegen im doppelten Sinne ist einfach klasse.

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