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Bürgermeister Klaus Schindling (rechts) und der Chef von E-Shelter, Rupprecht Rittweger, schneiden bei der Eröffnungsfeier für das Rechenzentrum einen Kuchen an. Einige Wochen später nahm die Stadt den Medien-Fachmann Wilhelm Schultze unter Vertrag (links).

Stadtverwaltung

Der "König von Lorsbach" kommt

Der 23 Jahre alte Wilhelm Schultze baut auf Social Media und die Möglichkeit, die Regionalplanung mitzugestaltenSie werden in einer Welt des rasanten Wandels immer wichtiger: Die sozialen Medien. In Hattersheim soll die Verwaltung künftig dafür die Vorreiterrolle im Kreisgebiet einnehmen.

Hattersheim - Die Zeiten sind so: Rathauschefs posieren wie Film- oder Musikstars für kleine Filmchen und Fotos, die auf Instagram oder Facebook hochgeladen werden können. Garniert mit einer kurzen Grußbotschaft, werden vor allem junge Leute angesprochen. Ob dies die Substanz hat, Menschen für die Kommune und das Gemeinwesen zu interessieren, ist völlig offen. Zumindest ist es eine Art, mit jungen Leuten zu kommunizieren, die vielleicht anders keinen Kontakt mit der Kommune aufnehmen würden. Die Ideen von Rathauschef Klaus Schindling (CDU) und die Ideen eines neuen Mitarbeiters, der ab Herbst das digitale Zeitalter bei der Stadtverwaltung mit Strukturen versehen soll, passen optimal zusammen. Dass Hattersheim scherzhaft als Silicon Valley bezeichnet wird, seitdem das international tätige Unternehmen E-Shelter einen Teil seines Rechenzentrums an der Voltastraße vor einigen Wochen eröffnet hat, passt da ebenfalls gut ins Bild von der zukunftsträchtigen Stadt. Dass nun ein weiteres weltweit tätiges Unternehmen, Digital Realty, eine Milliarde Euro auf dem Gelände im Kastengrund in den Bau für ein Rechenzentrum mit campusartigem Zuschnitt investieren möchte, katapultiert Hattersheim in eine andere Liga als bisher. Fast zwei Milliarden Euro werden in Hattersheim in den kommenden fünf bis sieben Jahren von zwei Unternehmen investiert. Dazu kommen noch mehrere Baugebiete, die mehrere Tausend Menschen eine neue Heimat bieten. Dies alles ist für eine Stadt wie Hattersheim eine enorme Herausforderung. Dass dabei die Verwaltung und die politischen Gremien sowie deren Arbeit auf ein neues, höheres Niveau gehievt werden müssen, ist einleuchtend. "Wir können nicht innovative, weltweit tätige Unternehmen ansiedeln und unseren eigenen IT-Auftritt wie eine kleine Kommune aus den achtziger Jahren betreiben", erläutert Bürgermeister Klaus Schindling. Dazu benötigt die Stadt aber findige Köpfe, die über den eigenen Kirchturm hinausschauen. Dem Rathauschef ist in dieser Personalfrage ein Clou gelungen. Er hat einen profilierten jungen Mann mit viel Erfahrung in den Sozialen Medien davon überzeugen können, sich in und für Hattersheim zu engagieren. Dieser Mann war von anderen Kommunen ebenfalls umworben worden. Doch nach einem Gespräch mit Klaus Schindling hat er dann Hattersheim seine Zusage gegeben.

Undogmatisch gehandelt

Die Innovationen, die mit der Ansiedlung der beiden Unternehmen in Hattersheim verbunden sind, können und müssen genutzt werden für die Bürger. So denkt der Bürgermeister. Deshalb soll im Rathaus eine Abteilung Soziale Medien (Social Media), die in allen Unternehmen eine immer größere Rolle spielen und personalintensiv sind, aufgebaut werden, die sich auf dem neuesten Stand der dazu gehörigen Technologie befindet. Die Kommune muss sich mehr als bisher als Vorreiter für diese neue Welt der Technik und Kommunikation präsentieren, lautet der Grundgedanke von Klaus Schindling dazu.

Was noch fehlte für die Umsetzung dieser Idee, war ein Experte auf diesem Gebiet. Da der Verwaltungschef völlig undogmatisch an solche Aufgabenstellungen herangeht, hatte er bald einen bestimmten jungen Mann auf der Liste stehen. Die Dynamik, die derzeit wie in keiner anderen Kommune im Main-Taunus-Kreis in Hattersheim entstanden ist, hat nämlich Wilhelm Schultze bemerkt. Der 23-Jährige wohnt im Hofheimer Stadtteil Lorsbach und gilt seit seinem Achtungserfolg bei der jüngsten Bürgermeisterwahl in der Kreisstadt als Experte für Social-Media-Fragen. Seinen Wahlkampf hatte Wilhelm Schultze gezielt unter anderem über Medien wie Facebook und Instagram geführt. Vor allem bei jungen Leuten hatte er viele Stimmen bekommen. Zwar reichten seine knapp über 12 Prozent Stimmenanteil nicht, um in die Stichwahl zu kommen. Doch in Lorsbach hatte der junge Mann, der Medien- und Kommunikationswissenschaft in Wiesbaden studiert, die meisten Stimmen erhalten. Nicht umsonst kursierte seit Jahren die Bezeichnung "König von Lorsbach" in dem Stadtteil. Hatte sich Wilhelm Schultze doch oft in die Ortspolitik "eingemischt" und Verbesserungsvorschläge vorgetragen.

Den Studenten freut es, dass er in der Nähe seiner Heimatgemeinde eine Stelle antreten kann, mit der er "die regionale Entwicklung mitgestalten kann", wie er sagt. Im November wird er als Mitarbeiter der städtischen Wirtschaftsförderung offiziell seinen Dienst aufnehmen. Vorher wird er als Honorarkraft zwei Monate im Rathaus arbeiten, um "reinzuschnuppern" in die Arbeitsweise einer Verwaltung. "Jedes Unternehmen hat heutzutage eine Social-Media-Abteilung. Und die Stadt Hattersheim ist ja wie ein Unternehmen, deswegen ist es genau richtig, dass die Kommune die Vorreiterrolle bei ihrer eigenen Präsentation einnehmen möchte", sagt Wilhelm Schultze. Der Lorsbacher hat sich bereits Gedanken darüber gemacht, was und wie in Hattersheim als dringendste Aufgaben anliegen. Doch über Details möchte er vor dem Antritt seiner Beschäftigung bei der Stadtverwaltung nicht sprechen. Nur so viel sagt der IT-Spezialist: "Ich werde versuchen, ein Netzwerk mit den in Hattersheim tätigen Firmen aufzubauen." Denkbar sei, die Unternehmen davon zu überzeugen, mit Tagen der offenen Türen oder Führungen ihre Arbeit und ihre Unternehmensziele transparent zu machen. Die Firmenchefs für die Stadtgesellschaft zu interessieren und sie einzubinden sei ein weiteres Ziel.

Direkter ansprechbar

Für die Bürger soll es mit Hilfe von Social Media schneller und besser als bisher funktionieren, mit den Entscheidungsträgern in der Politik und der Verwaltung kommunizieren zu können. Bisher würden fast alle Kommunen ohne Konzepte und ohne entsprechendes Fachpersonal die Möglichkeiten der SocialMedia-Präsentationen vernachlässigen. Dabei sei es gerade im Zeitalter des Internets doch möglich, dass die Bewohner einer Stadt einen direkten Zugang bei Entscheidungen für ihre Kommune bekommen und darin miteinbezogen werden könnten. Bis es so weit ist, muss sich Wilhelm Schultze aber erst einmal damit beschäftigen, wie die Prozesse ablaufen, wie und von wem Entscheidungen initiiert und umgesetzt werden. Da es in jeder Stadt Persönlichkeiten gebe, die als einflussreiche Multiplikatoren auftreten würden - sei es in den Vereinen, sei es in den Parteien oder in kirchlichen Institutionen -, müssten gleichfalls diese Personen in die Vernetzung der Stadtgesellschaft miteinbezogen werden. Klar sei auch, dass auf die Reaktionen von solchen Angeboten im Netz ebenfalls schnell reagiert werden muss, meint Wilhelm Schultze. Dazu ist dann aber mehr Personal notwendig. Denn mehrere Hundert Kontakte per Internet würden den 23-Jährigen überfordern. Schließlich möchten die Nutzer auch Antworten erhalten. Das weiß Wilhelm Schultze als Wahlkämpfer aus eigener Erfahrung.

Mit der Ansiedlung des Rechenzentrum-Betreibers E-Shelter an der Voltastraße und von Digital Realty auf dem Kastengrund-Areal werden sich weitere IT-Unternehmen und kleinere Start-up-Firmen in Hattersheim niederlassen. Außerdem ist damit zu rechnen, dass in den Nachbarkommunen weitere IT-Zulieferer-Betriebe ihre Büros aufmachen. Wie stark der Sog der Unternehmen E-Shelter und Digital-Realty sein wird, ist noch nicht abzusehen. meh

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