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Jaffer Nabizada büffelt jeden Abend in den beengten Räumlichkeiten in der Unterkunft noch fleißig für die Berufsschule. Der 39-Jährige aus Afghanistan möchte gerne in Deutschland bleiben und sich als Einzelhandelskaufmann qualifizieren.

Integrationslotse

381 Euro Miete für 10 Quadratmeter? Flüchtling hofft auf Härtefallregelung

Drei Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft der Gemeinde an der Hofheimer Straße haben sich jetzt zu Integrationslotsen ausbilden lassen. Das Kreisblatt stellt in einer kleinen Serie die drei Männer und ihre persönlichen Schicksale vor. Heute: Jaffer Nabizada.

Kriftel - "Ich liebe dich": das seien mit die ersten Worte gewesen, die er im Deutschkurs aufgeschnappt hat, erzählt Jaffer Nabizada. "Ich habe damals erst in einem Wörterbuch nachschlagen müssen, was das überhaupt bedeutet", lacht der 39-Jährige. Nach seiner Flucht aus Afghanistan über die Türkei, dann mit dem Boot nach Griechenland und über die sogenannte Balkanroute und einigen Stationen in Deutschland ist er im Februar 2016 nach Kriftel gekommen. Inzwischen spricht der Mann mit dem warmen Lächeln sehr gut Deutsch. Und jeden Tag verbessert der Flüchtling aus der afghanischen Provinz Logar seine Sprachkenntnisse bei der Arbeit ein bisschen mehr.

Im September vergangenen Jahres hat er eine Ausbildung zum Verkäufer bei Alnatura in Frankfurt in der Taunusanlage begonnen. Nach den zwei Jahren will er noch ein Jahr dranhängen zum Einzelhandelskaufmann. Die Arbeit, "die macht mir richtig Spaß", die Kollegen seien sehr nett und er lerne immer was dazu, erzählt Jaffer. Für seinen Beruf büffelt er auch nach Dienstschlusss. Das drückt sich auch in den Noten aus. Stolz zeigt er seine Zeugnisse von der Berufsschule, "ich bin Klassenbester", flüstert er ein bisschen scheu.

Da er auch fließend Englisch spricht, hat Jaffer in der Gemeinschaftsunterkunft der Gemeinde an der Hofheimer Straße schon häufig als Dolmetscher fungiert und viele Flüchtlinge zu Behörden und Ärzten begleitet. Und das wird er nach der Qualifikation als Integrationslotse noch besser machen können. Er habe selbst erlebt, wie es ist, wenn man fremd in eine neue Umgebung kommt. "Nicht jeder wird so gut aufgenommen wie wir hier in Kriftel, wo Semiha (Eroglu-Buch, Sozialarbeiterin der Gemeinde, Anm. d. Red) und Carmen (Jimenez, Vorsitzende des Ausländerbeirats, Anm. d. Red) und auch noch viele andere Helfer sich um einen kümmern", erklärt er dankbar seine Beweggründe, warum er sich zu der Qualifikation des Main-Taunus-Kreises entschlossen hat.

Ganz alleine hatte der Afghane die Flucht aus der Heimat angetreten. Aus Angst vor den Taliban, die ihn zwingen wollten, am Flughafen zu dolmetschen. Das kam für Jaffer jedoch überhaupt nicht in Frage, da sein Vater für die Regierung von Präsident Nadschibullah gearbeitet hatte. Nach dessen Sturz war die Familie nach Pakistan geflohen, einer von Jaffers Brüder verschwand spurlos, der Vater wurde 2007 ermordet. Als Nadschibullah-Anhänger sei die Familie als Ungläubige angesehen worden, erklärte Jaffer bei seiner Anhörung beim Bundesamt für Migration. Weil sie nicht noch ein Familienmitglied verlieren wollte, hatte Jaffers Mutter ihren Sohn beschworen, das Land zu verlassen.

Er wolle nach Europa, weil hier die Menschenrechte geachtet würden, in Deutschland könne er sich weiterbilden, erklärte er bei seiner Anhörung, nachdem er einen Asylantrag gestellt hatte. Dass er aus Angst vor den Taliban nicht zurück in seine Heimat könne, hatte das Bundesamt für Migration jedoch nicht anerkannt und den Asylantrag abgelehnt. Dem Antragsteller sei zuzumuten, in einen sicheren Teil Afghanistans zurückzukehren, hatte das Bundesamt befunden. Doch Jaffer möchte in Deutschland bleiben, er hat Angst in die Heimat zurück zu kehren, dort wüssten die radikalen Islamisten über seinen Vater Bescheid und auch über seinen Widerstand gegenüber den Taliban. Deshalb hat er Widerspruch gegen den Asylantrag gestellt. Wann darüber entschieden wird, ist noch völlig unklar.

Seit er im Sommer letzten Jahres mit der Ausbildung begonnen hatte, erhält Jaffer keine sozialen Leistungen mehr, da er 718 Euro als Ausbildungsgehalt bekommt. Kürzlich erhielt er vom Main-Taunus-Kreis jedoch einen Brief, dass er "aufgrund Ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse" in der Lage sei und nun aufgefordert werde, "für Ihre Unterbringung eigenständig eine Gebühr zu zahlen" - 381 Euro für seine Unterkunft in einem 20 Quadratmeter großen Wohnwagen, den er sich mit einem jungen Mann teilt. Mehrere Tage habe ihm die Forderung große Sorgen und Kopfschmerzen bereitet, sagt Jaffer.

Die Vorsitzende des Ausländerbeirats, Carmen Jimenez, konnte ihn jedoch etwas beruhigen, dass es eine Härtefallregelung gibt, die hier zum Tragen kommen könnte. "Ich finde es ja absolut O. K. und richtig, dass ich etwas für die Unterbringung bezahlen muss", sagt Jaffer, er sei ja dankbar, dass "ich ein Dach über dem Kopf habe". Doch 381 Euro, das könne er kaum aufbringen, da er ja auch das Jahresticket des RMV bezahlen muss, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen.

Beim Kreis muss er nun seine Gehaltsabrechnung einreichen. Carmen Jimenez schätzt, dass er vielleicht nur 82 Euro zahlen muss. Doch jeder zusätzliche Euro, den er verdient, sei es durch Erhöhung der Ausbildungsvergütung oder durch Urlaubsgeld, werde für die Gebühr abgezogen.

VON ULRIKE KLEINEKOENEN

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