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Überraschende Wende im Thielsch Prozess

"Katastrophe für alle Beteiligten"

Wende im Fall Thielsch - Kommt der Täter jetzt doch glimpflich davon?

Wende im Thielsch-Prozess: Der BGH kassiert das Urteil des Frankfurter Landgerichts - jetzt könnte der Täter doch glimpflich davon kommen. 

Kriftel/Karlsruhe - „Jetzt geht alles wieder von vorne los. Das ist eine Katastrophe für alle Beteiligten“, sagt der ehemalige Verlobte von Silke Thielsch nach der Urteilsverkündung in der Revisionsverhandlung beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Im Saal E 101 ist es totenstill, als Beate Sost-Scheible, die Vorsitzende des vierten Strafsenats, um 15.10 Uhr die Entscheidung bekannt gibt.

Mercedes-Fahrer schleifte junge Frau mehrere hundert Meter mit 

Der ehemalige Verlobte, der Bruder und weitere Angehörige des Opfers sind gekommen. Der Angeklagte, ein heute 29 Jahre alter Student und Mediendesigner aus Rüsselsheim, nicht. Es geht um den Tod von Silke Thielsch, die im September 2015 nach einem fröhlichen Fest auf einem Obsthof in Kriftel von dem verärgerten Mercedesfahrer angefahren und mehrere Hundert Meter mitgeschleift wurde. Das Frankfurter Landgericht hatte Ende Februar 2018 den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und schwerer Verkehrsgefährdung zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. 

BGH in Karlsruhe: Urteil des Frankfurter Landgerichts wurde aufgehoben

Die Staatsanwaltschaft, die eine höhere Strafe, und die Verteidigung, die Bewährung gefordert hatte, legten daraufhin Revision ein. Nun musste der Bundesgerichtshof darüber entscheiden, ob bei der Urteilsfindung alles korrekt war. „Wir entscheiden hier nur, ob in dem Verfahren alle Indizien gewürdigt wurden und das Landgericht keinen Fehler gemacht hat. Wir nehmen keine neue Tatsachenprüfung vor“, erklärte Sost-Scheible. Der Strafsenat hat entschieden, dass dem Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft stattgegeben und das Urteil des Frankfurter Landgerichts aufgehoben wird. Bei der Beurteilung sei ein Rechtsfehler unterlaufen, unter anderem da das Gericht bei der Bewertung, ob der Angeklagte „bewusst fahrlässig“ oder mit „bedingtem Vorsatz“ gehandelt habe, die Tat nicht einer Gesamtbetrachtung unterzogen habe. Es also nicht beachtet habe, dass der Angeklagte trotz mehrfacher Aufforderung durch seine Freunde, den Wagen anzuhalten, weitergefahren sei. 

Todesfahrer ist seit dem Urteil des Landgerichts auf freiem Fuß

Zu Beginn der Verhandlung hatte der Gerichtsberichterstatter den grausamen Unfall in Erinnerung gerufen, der sich in der Nacht vom 6. auf den 7. September 2015 am Krifteler Kreisel „Auf der Hohlmauer“ ereignete. Nach einem Fest waren Silke Thielsch und ihr Verlobter auf dem Heimweg. Auf einem Zebrastreifen blieben sie stehen und küssten sich. Der Angeklagte stoppte zunächst und fuhr dann bedrohlich nah an das Pärchen heran. Schließlich gab er Gas, Silke Thielsch wurde auf die Motorhaube geschleudert, während ihr Verlobter sich mit einem Sprung zur Seite retten konnte. Etwa fünf bis sieben Sekunden lang konnte sich die 41-Jährige auf der Motorhaube halten, während der Angeklagte in den Kreisel fuhr. Dann rutschte Silke Thielsch ab, geriet unter die schwere Limousine und wurde eingeklemmt. 

Der Angeklagte fuhr weiter und schleifte sie mehrere Hundert Meter mit, überquerte eine Kreuzung, bis er endlich anhielt. Bei der Schilderung des Dramas sitzt der damalige Verlobte des Opfers regungslos da, Angehörigen kommen die Tränen. „Wir machen die Reise bis zum Schluss mit“, sagt der Freund vor der Urteilsverkündung. „Doch ich würde mir wünschen, dass der Prozess ein Ende findet. Ich möchte den Glauben in die Justiz wiedererlangen, dass jeder, der etwas Schlechtes tut, seine Strafe erhält.“ Der Todesfahrer ist seit dem Urteil des Landgerichts auf freiem Fuß, da der Richterspruch wegen der Revisionsanträge keine Rechtskraft erlangt hat. 

Verteidigung plädiert für zwei Jahre auf Bewährung

Im Prozess vor dem Frankfurter Landgericht hatte die Staatsanwaltschaft eine Strafe von sechseinhalb Jahren Haft ohne Bewährung gefordert, die Verteidigung plädierte auf zwei Jahre mit Bewährung. „Der Schwerpunkt dieser Revisionsverhandlung dreht sich um die Frage, ob ein Tötungsvorsatz vorlag“, so die Vorsitzende Richterin. Die Generalbundesanwaltschaft begründet ihren Antrag auf Neuverhandlung vor einer anderen Strafkammer des Frankfurter Landgerichts damit, dass die einzelnen Phasen der Tat in der damaligen Verhandlung nicht angemessen gewürdigt worden seien. 

Insbesondere die Entscheidung des Angeklagten weiterzufahren, nachdem Silke Thielsch bereits auf der Motorhaube lag, sei unzureichend berücksichtigt. „Es war nicht nur ein Handlungsimpuls, es waren mehrere“, so die Bundesanwältin. Daher sei in dieser Phase von einem bedingten Tötungsvorsatz auszugehen, was bedeutet, dass der Täter zur Erreichung seines Ziels, den Tod der Beteiligten in Kauf genommen hat. „Das zügige Weiterfahren stellt eine äußerst gefährliche Gewalthandlung da. Er musste damit rechnen, dass sie abrutscht.“ 

Auch im Fall der Körperverletzung des Verlobten der Getöteten sei das Anfahren nochmals zu prüfen, da es hochgefährlich war. Während der Ausführungen hörten die Angehörigen von Silke Thielsch aufmerksam zu. Die Nebenklage forderte zusätzlich die Prüfung des Anfahrens des ehemaligen Verlobtens, da das Paar mittig vor dem Auto stand und er somit mit dem ersten Losfahren schon davon ausgehen konnte, dass er das Paar verletzte. Die Anklage stellte einen Vollaufhebungsantrag, da unter anderem die Aspekte zur Unterscheidung, ob der Angeklagte bewusst fahrlässig oder bedingt vorsätzlich gehandelt habe, nicht klar genug herausgearbeitet worden seien. Nach dem Urteil des BGH wird nun eine neue Verhandlung am Landgericht Frankfurt anberaumt.

Von Joy Gantevoort

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