Nachdem er sich vor Beginn der Verhandlung am ersten Prozesstag im Oktober 2017 zunächst noch unerkannt unter die Zuschauer gesetzt hatte, nahm der Mercedes-Fahrer dann auf der Anklagebank Platz und verdeckte sein Gesicht vor den Kameras. Archivfoto: Reuss
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Nachdem er sich vor Beginn der Verhandlung am ersten Prozesstag im Oktober 2017 zunächst noch unerkannt unter die Zuschauer gesetzt hatte, nahm der Mercedes-Fahrer dann auf der Anklagebank Platz und verdeckte sein Gesicht vor den Kameras. Archivfoto: Reuss

Justiz

Die Angehörigen warten auf ein Stück Gerechtigkeit

  • Ulrike Kleinekoenen
    vonUlrike Kleinekoenen
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Noch ist unklar, wann der neue Prozess gegen den Mercedes-Fahrer beginnt, der vor fünf Jahren in Kriftel Silke Thielsch angefahren und zu Tode geschleift hat.

Kriftel -Morgen in drei Wochen, am 6. September, jährt sich zum fünften Mal der furchtbare Unfall auf der Hohlmauer, bei dem die ehemalige Teammanagerin der Damenhandballmannschaft der Turn- und Sportgemeinde (TuS), Silke Thielsch, tödlich verletzt wurde. Der damals 27 Jahre alte Mercedes-Fahrer, der die 41-Jährige mit seinem Wagen zu Tode geschleift hat, ist seither auf freiem Fuß, da nach Angaben der Staatsanwaltschaft keine Haftgründe bestehen. Doch der junge Mann muss wohl damit rechnen, dass ihm die Justiz die Annehmlichkeiten der Freiheit, die er jetzt noch genießen kann, in absehbarer Zeit absprechen wird. Doch wann das sein wird, ist derzeit überhaupt nicht absehbar.

Sicher ist derzeit nur: Der Mercedes-Fahrer muss mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen. Doch wie lange er hinter Gitter sitzen wird, ist noch unklar. Die entscheidende Frage, mit der sich die 22. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts in einem zweiten Verfahren beschäftigen muss, wird sein, ob dem Angeklagten in seinem Verhalten in der Nacht zum 6. September 2015 ein bedingter Tötungsvorsatz unterstellt werden kann. Das Geschehen hatte damals bundesweit für Aufsehen gesorgt.

Es war ein Samstagabend Anfang September, als Silke Thielsch mit ihrem Lebensgefährten auf dem Nachhauseweg von einem Fest auf einem Obsthof war. Während sie auf ein Taxi warteten, das sie nach Hause fahren sollte, stand das Paar am Rand eines Zebrastreifens und küsste sich. Beide ließen sich auch von dem Mercedes-Fahrer nicht stören, der kräftig hupte. Der Lebensgefährte signalisierte dem jungen Mann vielmehr, er könne um sie herumfahren. Dieser fuhr jedoch noch ein Stückchen weiter und blieb dicht vor dem Paar stehen. Als dieses sich nicht stören ließ und am Zebrastreifen stehen blieb, trat der Mercedes-Fahrer aufs Gaspedal.

Opfer wurde unter Pkw mitgeschleift

Der Lebensgefährte von Silke Thielsch konnte zur Seite springen, die 41-Jährige wurde zunächst auf die Motorhaube geschleudert, rutschte dann runter, geriet unter das Fahrzeug und wurde etwa 400 Meter mitgeschleift. Erst hinter der Kreuzung der Landstraße, wo heute noch eine kleine graue Tafel an das grausame Geschehen erinnert, stoppte der Wagen.

Schon bis zum Beginn des ersten Prozesses im Oktober 2017 vor dem Landgericht Frankfurt hatten langwierige Ermittlungen und Gutachten das Verfahren verzögert. Schließlich wurde der Mercedes-Fahrer zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Zu wenig, meinte die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung hatte für den Angeklagten Bewährung gefordert. Beide Seiten hatten gegen das Urteil Revision eingelegt.

Die Richter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe hatten in einer öffentlichen Verhandlung deutlich gemacht, dass sie das Urteil des Frankfurter Landgerichts für zu milde halten. Dabei hatten sie Rechtsfehler in der Beurteilung angemahnt, ob der Angeklagte "bewusst fahrlässig" oder mit "bedingtem Vorsatz" gehandelt habe.

Der BGH war der Meinung des Generalbundesanwalts gefolgt, dass das Landgericht einzelne "vorsatzkritische Umstände nicht erschöpfend erörtert" hatte. In der Neuauflage des Verfahrens sollten deshalb in der Erörterung eines "bedingten Tötungsvorsatzes" die drei Tatphasen - das Anfahren auf das Paar am Zebrastreifen, die Weiterfahrt mit dem späteren Todesopfer auf der Motorhaube und das Mitschleifen - einzeln betrachtet werden.

Psychische Belastung

Die Familie von Silke Thielsch hofft darauf, dass in dem neuen Prozess der Tod der 41-Jährigen ein Stück weit gesühnt wird. Dass fünf Jahre nach dem grauenvollen Geschehen noch immer kein Urteil gesprochen ist, ist für die Familie eine furchtbare Zerreißprobe. Und das Hoffen auf den Beginn des Prozesses ist eine psychische Belastung und quälende Warterei. Die Aufarbeitung des Todes von Silke Thielsch wird für die Familie, für Freunde und Bekannte der beliebten Marxheimerin wohl erst dann möglich sein, wenn ein rechtskräftiges Urteil gesprochen ist.

Fest steht, dass der Prozess vor der 22. Strafkammer neu aufgerollt werden soll. Ob dies noch in diesem Jahr geschehen wird, ist offen. Es wurden bisher keine Hauptverhandlungstermine anberaumt, erklärte der Pressesprecher des Landgerichts, Werner Gröschel. Ulrike Kleinekoenen

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