Einer der schönen Momente, die die Eltern ihrer kranken Tochter ermöglichten: Mina bei einem Besuch in Köln. FOTO: privat
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Einer der schönen Momente, die die Eltern ihrer kranken Tochter ermöglichten: Mina bei einem Besuch in Köln.

Flüchtlingskind

Mina (8) stirbt an Hirntumor – Familie droht Abschiebung in den Irak

  • Ulrike Kleinekoenen
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Ein achtjähriges Flüchtlingsmädchen stirbt nach 22 Monaten an einem Hirntumor. Den Eltern droht nun die Abschiebung in den Irak.

Kriftel – Mit einer ergreifenden Trauerfeier haben Eltern, Geschwister, die Großmutter sowie weitere Angehörige und Freunde Abschied von Mina genommen. Nach 22 Monaten Hoffen und Bangen hatte die Achtjährige am 3. Oktober den Kampf gegen den Krebs verloren.

Rückblick: Im November 2019 bekam Mina plötzlich eine Gesichtslähmung. Die Ärzte hatten dies zunächst auf einen Zeckenbiss zurückgeführt und die damals Sechsjährige nach einigen Tagen mit Antibiotika und Gesichtsmassagen nach Hause geschickt. Als sich ihr Zustand dennoch verschlechterte, wurden schließlich im Januar 2020 ein MRT und eine Biopsie durchgeführt. Daraufhin erhielten die Eltern die furchtbare Diagnose: Mina leidet an einem „Diffusen intrinsischen Ponsgliom“, kurz DIPG, einem hochgradig bösartigen, nicht heilbaren Hirntumor. Dieser saß am Hirnstamm, an einer besonders kritischen Stelle, wo er nicht operativ entfernt werden konnte.

Die Ärzte machten den Eltern schon damals wenig Hoffnung, ihre Prognose: Mina habe nur noch sechs bis neun Monate zu leben. Dank des teuren Medikaments ONC, das durch Spenden auch vieler Leser dieser Zeitung finanziert wurde, die das Schicksal des Mädchens bewegt hatte, konnte das Wachstum des Tumors verlangsamt werden – stoppen konnte es den Krebs nicht.

Kriftel: Erinnerung an schöne Momente

Doch die Eltern sind dankbar, dass ihnen durch das Medikament noch einige Monate mit ihrer kranken Tochter geschenkt wurden, „die wir versuchten, mit Leben zu füllen, mit schönen Momenten und Erinnerungen“, sagte die Vorsitzende des Ausländerbeirates, Carmen Jimenez, die Mina und ihre Familie schon seit Jahren begleitet, bei der Trauerfeier. Diese Zeit war geprägt von vielen Krankenhausaufenthalten und unzähligen Arztbesuchen, aber auch glücklichen Stunden, wie der Geburtstagsfeier auf der Glückswiese in Sindlingen mit Freunden und Tieren, einem Rundflug über Frankfurt und einem Besuch auf einem Schloss, wo sich das Mädchen wie eine Prinzessin fühlte. In diese Rolle schlüpfte sie gerne, in der sie die Krankheit für kurze Zeit vergessen konnte. Chemotherapien und Bestrahlungen nahm sie „klaglos und geduldig“ hin, weiß Carmen Jimenez, „sie war eine große Kämpferin, stärker als mancher Erwachsene“.

Vor dem weißen Sarg, den der Krifteler Helmut Heil extra mit Minas Lieblingsfigur, einem Einhorn bemalt hatte, versammelte sich am Dienstag die Trauergemeinde auf dem Krifteler Friedhof. Es erklang das Lied „Jerusalema“, zu dem Mina gerne getanzt hatte. Katja Gorol sang „Mögen Engel dich begleiten, auf dem Weg der vor dir liegt“. Und zu dem Hit „Somewhere over the rainbow“ traten die Eltern ihren wohl schwersten Weg an und begleiteten den Sarg ihrer Tochter zur letzten Ruhestätte.

Kriftel: Flucht vor dem Islamischen Staat

Minas Grab liegt nur wenige Meter von der Flüchtingsunterkunft in der Richard-Wagner-Straße entfernt, wo die fünfköpfige Familie seit Anfang 2020 lebt. Doch nun steht für die Eltern der nächste Kampf an, der um das Bleiberecht. 2016 waren sie mit Mina und deren Bruder Muayad (damals ein Jahr alt) aus dem Irak geflüchtet. Vater Mark Alqas Elias hatte Angst um das Leben seiner Lieben, da sie aramäische Christen sind und der IS in ihre Heimatstadt Karakosch eingefallen war. Auch das Haus mit Marks Sanitärgeschäft wurde geplündert und zerstört. Über die Balkanroute flüchteten sie nach Deutschland.

In der Wohnwagen-Unterkunft an der Hofheimer Straße fühlten sie sich auf 20 Quadratmeter sicher. 2019 wurde noch Tochter Maria geboren. Kriftel wurde für die Familie eine neue Heimat. Hier will sie bleiben. Doch ihren Asylantrag lehnte das Amt für Migration und Flüchtlinge als unbegründet ab, die Familie ist nach Auffassung der Behörde lediglich aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland geflohen, hieß es in der Begründung. Warum weitere Verwandte, die mit ihnen zusammen geflüchtet sind, unter anderem die Mutter in Hamburg, Schwester in Münster und auch Brüder der Ehefrau in Bayern, dort anerkannt wurden, bleibt ein Rätsel. Doch auch die Klage gegen die Ablehnung blieb ohne Erfolg.

Nachdem Mark, der schnell Deutsch lernte und eine Schulung zum Integrationslotsen besuchte, eine Lehrstelle in seinem Beruf als SHK-Anlagenmechaniker bei der Firma Fuchs in Hattersheim begann, hoffte die Familie auf eine Ausbildungsduldung. Doch nach der Diagnose Hirntumor bei seiner kleinen Tochter ließ Mark die Ausbildung ruhen, um Mina zu den Arztterminen und Behandlungen zu begleiten.

Kriftel: Härtefallantrag ist gestellt

Um eine drohende Abschiebung zu verhindern und für die Familie einen Aufenthaltsstatus zu erhalten, hatte die Ausländerbeirats-Vorsitzende im Juli vergangenen Jahres eine Petition an den Hessischen Landtag gerichtet. Doch selbst das Argument, dass die Familie auch wegen der Krankheit der Tochter große Angst vor der Abschiebung hat, zeigte keine Wirkung. Erst ein Jahr später, im Juli diesen Jahres, wurde die Petition abgelehnt mit dem Hinweis, dass die Feststellung des Amtes für Migration, dass der Familie im Irak keine Gefahr droht, für das Innenministerium verbindlich ist. Es gäbe jedoch die Möglichkeit eines Härtefallantrags.

Dieser ist nun die letzte Hoffnung von Minas Eltern. Der Antrag wurde vor einigen Wochen eingereicht. Unterstützt wird er auch von Kriftels Bürgermeister Christian Seitz (CDU), der zwar einräumt, dass es richtig und wichtig sei, dass es im Bereich des Asylrechtes gesetzliche Grundlagen und Regelungen gibt, die akzeptiert und auch durchgesetzt werden müssten. Doch gebe es immer wieder Härte- und Einzelfälle, bei denen es sich lohne, genauer hinzuschauen und auch von der Möglichkeit einer Einzelfallentscheidung Gebrauch zu machen – wie im Fall der Familie Alqas Elias.

Kriftel: Familie hat sich sehr gut integriert

Von Anfang an sei deutlich geworden, dass die Familie auf der Flucht aus dem Irak nicht nur viel durchgemacht hatte und froh war, in Kriftel zunächst einmal in Sicherheit zu sein, sondern sie habe sich immer integrieren wollen und sich vor allem auch selbst aktiv eingebracht. „Die Eltern, allen voran Vater Mark, war jederzeit hilfsbereit und hat immer auch Aufgaben in der Gemeinschaftsunterkunft übernommen“, schreibt Christian Seitz. Nachdem Mark Alqas Elias seine Deutsch- und Integrationskurse erfolgreich absolviert hatte, habe er sich zum Integrationslotsen schulen lassen. „Er wollte sich nicht nur selbst integrieren, sondern auch andere bei der Integration unterstützen. Die Zusammenarbeit mit ihm war und ist sehr herzlich“, so der Rathauschef.

Viel Lob bekommt der Familienvater auch von seinem Ausbildungsbetrieb, dessen Geschäftsführer großes Verständnis für die schwierige familiäre Situation in den letzten Monaten zeigt. Er ist jedoch so zufrieden gewesen mit der Arbeit des 30-Jährigen, dass er schon zugesichert hat, dass dieser die Ausbildung in seinem Betrieb fortsetzen kann, um in Deutschland in seinem Beruf einen anerkannten Abschluss zu bekommen.

Mark möchte auch so schnell wie möglich wieder arbeiten, um den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Die Eltern wollen alles dafür tun, damit sie nicht abgeschoben werden und in der Nähe ihrer verstorbenen Tochter bleiben können. „Die Familie hat es mehr als verdient, dauerhaft in unserem Land zu bleiben“, so der Bürgermeister. (Ulrike Kleinekoenen)

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