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"Der Tod hat unheimlich viel mit dem Leben zu tun"

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Von: Romina Kunze

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Referentin Tanja Walter-Dunne beschäftigt sich schon seit langem mit Sterbeforschung und ließ sich zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin ausbilden.
Referentin Tanja Walter-Dunne beschäftigt sich schon seit langem mit Sterbeforschung und ließ sich zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin ausbilden. © privat

Besucher tauschen sich nach dem Vortrag über Nahtoderlebnisse im Rathaus noch untereinander aus.

Kriftel -Gibt es ein Leben nach dem Tod? Mit dieser Frage befasst sich Film und Fernsehen ebenso wie Kunst, Kultur und Literatur. Auch Tanja Walter-Dunne beschäftigt sie. Die Kommunikationswissenschaftlerin, Soziologin und ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Hofheimer Hospizverein Horizonte interessiert besonders was passiert, wenn ein Mensch stirbt. Am Donnerstagabend thematisierte die Hofheimerin diese Fragen in ihrem Vortrag über Nahtoderlebnisse im Rat- und Bürgerhaus.

Auf das Licht am Ende des Tunnels zugehen - ein euphemistisches Klischee, das die meisten kennen. Auch beim Vortrag in Kriftel zeigte sich, dass das Thema auf reges Interesse stößt: Auf die Frage der Referentin, wer sich schon mit dem Thema auseinandergesetzt habe, gingen die meisten Hände der rund 50 Besucher hoch. Selbst hatten nach eigenen Angaben nur die wenigsten ein solches oder ähnlich spirituelles Erlebnis.

Walter-Dunne zählt auch zu jener Mehrheit, die eine derartige Erfahrung noch nicht gemacht hat, wie sie auf Nachfrage einer Teilnehmerin erklärt. In ihrem Vortrag bezieht sie sich auf Erfahrungsberichte, Studien und Ergebnisse aus der Sterbeforschung. Rund fünf Prozent aller Menschen hätten demzufolge Nahtoderlebnisse. Unabhängig von Herkunft, Kultur und Konfession ähneln sich die Beschreibungen.

Doch die erlebten Bilder variieren: Viele der "Grenzgänger" berichten davon, außerkörperliche Erfahrungen gemacht, also ihren Körper sprichwörtlich verlassen zu haben in der Zeit, in der sie um ihr Leben kämpften. Das Geschehene - meist Reanimationsversuche durch Ärzte - nahmen sie als unbeteiligte Zuschauer wahr. Andere berichten davon, sich eben in jenem Tunnel auf ein Licht zubewegt zu haben. Wieder andere verspürten ein Gefühl der Zufriedenheit und Ruhe.

Teilnehmerin schildert eigene Erfahrungen

Auch das Wiedersehen von bereits verstorbenen Angehörigen ist eines dieser bekannten Motive. In einigen Fällen hätten Nahestehende den Menschen ins Diesseits zurückgerufen. Beispielhaft verdeutlichten diese Merkmale ein knapp zwölfminütiges Video. Darin erzählte ein Mann über seine Nahtoderlebnisse nach einem schweren Motorradunfall; wie er den Chirurgen bei der Operation an ihm selbst zuschaute, er Geräusche aus den Nebenräumen deutlich hörte und wie ihm seine Kinder letztlich gebeten hätten, noch nicht "zu gehen". Eine Erfahrung, die eine Dame aus dem Publikum nur zu gut kennt und die sie ermutigte, ihre Lebensgeschichte zu teilen. "Ich hätte einen schönen Tod gehabt", erzählte sie, als sie in der anschließenden Fragerunde das Wort ergriff. Ein Aneurysma beendete 2018 abrupt ihren Arbeitstag. Ein Rettungswagen brachte sie damals ins Höchster Krankenhaus.

Gemerkt hätte sie davon nichts, auch keinen Schmerz verspürt. Im Gegenteil: Wohlbefinden hätte sich bei ihr ausgebreitet und sie sich in einer Art "Dämmer-Welt" befunden. Konkret erinnerte sie sich an "ein ganzes Zimmer voller Leute", ihre verstorbenen Großeltern habe sie darunter erkannt. Nach einem Monat hätten alle "Besucher" ihr Krankenzimmer verlassen. "Und ich wäre gerne mitgegangen", sagte sie. Doch ihre Tochter habe sie "da behalten". Sie wachte auf. Ganz ähnlich der Erzählung des verunglückten Motorradfahrers.

Das Beispiel der Dame verdeutliche auch, wie die meisten Menschen mit Nahtoderlebnissen umgehen: Dankbarkeit und ein neugewonnenes Bewusstsein für das eigene Leben und Handeln, erklärte Walter-Dunne. Der Vorfall hätte der Dame aus dem Publikum ein zweites Leben geschenkt. Außerdem, ergänzt Walter-Dunne, verliere für viele dadurch der Tod seinen Schrecken.

"Der Tod hat auch unheimlich viel mit dem Leben zu tun", so die Referentin zu Beginn des Vortrags. Nur die wenigsten Menschen würden dagegen von negativen Erfahrungen berichten. Selten verspürten Nahtodpatienten Angst und Unbehagen.

Theorie von Raum und Zeit

Generell seien es Gefühle und Erlebnisse, die sich nur schwer in Worte fassen ließen. Für Außenstehende durchaus diffus, für das menschliche Verständnis kaum zu begreifen, so Walter-Dunne. Medizinische oder neurologische Erklärungsversuche fanden wenig Raum in ihrem Vortrag. Stattdessen Erklärungen der Unerklärbarkeit des Phänomens: Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, habe Studien zufolge eher ein Nahtoderlebnis.

"Wie ist es bei jemanden, der plötzlich aus dem Leben gerissen wird?", wollte eine andere Zuhörerin wissen. Walter-Dunne antwortete mit einer Anekdote über einen Universitätsprofessor, der einen Bergabsturz überlebte. Sein prominentester Student: Albert Einstein. Die Nahtoderlebnisse seines Professors sind Grundlage seiner berühmten Relativitätstheorie, seien sich viele Experten der Sterbeforschung sicher, so Walter-Dunne.

Extra: Bundesweites Netzwerk für Nahtoderfahrungen

Eine Anlaufstelle für Menschen, die Nahtoderlebnisse gemacht haben und den Austausch suchen, ist Tanja Walter-Dunne im Main-Taunus-Kreis nicht bekannt. Doch gibt es mit dem deutschlandweiten Verein "Netzwerk Nahtoderfahrung" ein Forum für seriöse Diskussionen im Internet (https://www.netzwerk-nahtoderfahrung.org/). Wer sich mitteilen möchte, kann Walter-Dunne seine schriftliche Schilderung von Erlebnissen per Mail schicken an: tawadu@freenet.de rku

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