1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Taunus
  4. Kriftel

Die Fremdenlegion schien ihm der einzige Ausweg

Erstellt:

Von: Robin Kunze

Kommentare

Honneur et Fidélité: Walter Best mit seinem Führungszeugnis vom 23. Juli 1956, das ihn mit dem Dienstgrad des Caporal der französischen Fremdenlegion ausweist. Für fünf Jahre hatte er sich einst verpflichtet.
Honneur et Fidélité: Walter Best mit seinem Führungszeugnis vom 23. Juli 1956, das ihn mit dem Dienstgrad des Caporal der französischen Fremdenlegion ausweist. Für fünf Jahre hatte er sich einst verpflichtet. © Robin Kunze

Als Kind erlebte Walter Best (90) die Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Mit 18 Jahren schloss er sich der französischen Fremdenlegion an und verlor in Vietnam fast ein Bein.

Kriftel/Sindlingen. Im Februar 2022 haben mit dem Angriff Russlands die Schrecken des Krieges Einzug gehalten in den Alltag der ukrainischen Bevölkerung. Das Gefühl der Ohnmacht, das Menschen seitdem in Kiew, Lwiw und Charkiw erleben müssen, ist auch Walter Best bekannt, schließlich wuchs der heute 90-Jährige während des Zweiten Weltkriegs in Sindlingen auf. „Allerdings mehr im Keller als in der Wohnung“, betont Best, der sich noch genau daran erinnert, wie er als Kind mit seiner Familie dort während des Bombardements auf den Frankfurter Stadtteil ausharrte. Es mag für Außenstehende bizarr wirken, dass Best sich nur sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges freiwillig bei der französischen Fremdenlegion verpflichtete, um selbst in den Krieg zu ziehen. Es waren die Umstände der Nachkriegszeit in Deutschland sowie seine persönlichen, die Best dieses Wagnis eingehen ließen.

Tagsüber Küchendienst, nachts am Waschkessel

Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht bezogen die Amerikaner in Sindlingen die Räumlichkeiten der Meisterschule, weswegen Best nur sieben Jahre Schulbildung erfahren durfte. Im Alter von zwölf Jahren arbeitete er tagsüber in der Küche dieses amerikanischen Stützpunktes, während er nachts seiner Mutter half, die Wäsche der Soldaten zu waschen, um das knapp bemessene Einkommen der Familie aufzubessern. Immerhin lernte er so schnell die englische Sprache und die Soldaten kennen. „Die Amerikaner waren immer freundlich zu uns“, erinnert er sich. Hin und wieder bekam er „Chewing gum“, Schokolade, Zigaretten oder andere Kleinigkeiten aus den Soldatenrationen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Tauschware begehrt waren. „Wir sind dann rüber nach Kriftel gelaufen, wo wir mit den dortigen Bauern getauscht haben“, erinnert sich Best.

Eine Perspektive gab es für den jungen Mann allerdings kaum, schon gar nicht als Familienvater. Eine junge Frau, mit der Best ein Verhältnis hatte, erwartete ein Kind. Später habe er Kontakt zu seinem Sohn gehabt, doch als damals 18-Jähriger sei er nicht bereit gewesen für die Vaterrolle. „Das habe ich nicht gepackt“, gibt Best ehrlich zu, fixiert dabei den Tisch in seiner Wohnung im betreuten Haus des DRK am Freizeitpark. Bei der französischen Fremdenlegion konnte er gutes Geld verdienen, und ja, auch der Situation entfliehen, wie der Senior zugibt.

Frankreich, das sich damals im Ersten Indochinakrieg befand, habe dringend Männer gebraucht, berichtet Best. Wie akut der Bedarf war, zeigen seine ersten beiden Stationen in der Fremdenlegion. Nach einer sechsmonatigen Grundausbildung in Tunesien 1951 ging es noch im selben Jahr ins Kriegsgebiet nach Vietnam. Zum Vergleich: Heute dauert es anderthalb Jahre, bis ein Rekrut der Legion in den ersten Auslandseinsatz entsendet wird. „Angst hatte ich nicht, aber ich war mir der Risiken bewusst“, erinnert sich Best an den Beginn seiner fünfjährigen Verpflichtung. Bereit sein für das, was ihn und seine Kameraden des 3. Infanterieregiments im Dschungel Vietnams erwarten sollte, konnte er nicht. Seinen „besten Kumpel“ aus der Kompanie habe er durch eine Springmine verloren, erinnert sich Best. Selbst geriet er bei einer nächtlichen Patrouille in eine Falle, in der ihn angespitzte Bambusrohre schwer verletzten. „Danach war mein linkes Bein vom Knöchel bis zum Knie entzündet.“ Ein französischer Arzt in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams, wollte das Bein amputieren. Best lehnte - sehr zur Verärgerung des Arztes - ab und kehrte in sein Lager zurück. Verloren habe er sein Bein nur deshalb nicht, weil ein spanischer Sanitäter das entzündete Gewebe entfernte, mit einem Feldmesser, das in der offenen Flamme desinfiziert wurde.

Den eigenen Tod stets vor Augen

Nein, gesteht Best, irgendwann habe er nicht mehr daran geglaubt, dass er die vollen fünf Jahre überleben würde. Doch er hatte Glück und kehrte zurück in seine Heimat, wo er kurz darauf seine Frau heiratete.

Kennengelernt hatte er seine Mariele noch von Vietnam aus, in dem er an eine Zeitung in Deutschland schrieb. Daraufhin habe er 50 Briefe zurückerhalten, wie Best verrät. Die Worte seiner späteren Gattin, mit der er dann eine Familie gründete, hatten es ihm angetan. Zurück in Deutschland leistete er in einem Griesheimer Werk der damaligen Farbwerke Hoechst Akkordarbeit. „Es war Knochenarbeit, meist habe ich schon auf dem Weg nach Hause im Omnibus geschlafen“, sagt Walter Best. Die Schrecken des Krieges hatte er nun aber endlich hinter sich gelassen.

Walter Best in Uniform, 1951.
Walter Best in Uniform, 1951. © Robin Kunze
Das 3. Infanterieregiment der Fremdenlegion. „Ich schätze, dass es damals zu 70 Prozent aus Deutschen bestand“, sagt Best. Für viele Soldaten der ehemaligen Wehrmacht und speziell der Waffen-SS habe es nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Optionen gegeben, berichtet er: „Fremdenlegion oder Gefängnis.“
Das 3. Infanterieregiment der Fremdenlegion. „Ich schätze, dass es damals zu 70 Prozent aus Deutschen bestand“, sagt Best. Für viele Soldaten der ehemaligen Wehrmacht und speziell der Waffen-SS habe es nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Optionen gegeben, berichtet er: „Fremdenlegion oder Gefängnis.“ © Robin Kunze

Auch interessant

Kommentare