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Keine Termine für neue Kassenpatienten

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Von: Robin Kunze

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Müssen derzeit Neupatienten an der Anmeldung abweisen (von links): Dr. Stephan Kehrein und seine Mitarbeiterinnen Jessica Hülsenberg, Sandra Starzebski und Leonita Miftar.
Müssen derzeit Neupatienten an der Anmeldung abweisen (von links): Dr. Stephan Kehrein und seine Mitarbeiterinnen Jessica Hülsenberg, Sandra Starzebski und Leonita Miftar. © Robin Kunze

Der Krifteler Augenarzt Dr. Stephan Kehrein erklärt, warum er sich gezwungen sieht, gesetzlich Versicherte in 2023 nicht mehr aufzunehmen.

Kriftel. Wer die Internetseite der Augenarztpraxis von Dr. Stephan Kehrein besucht, dem ploppt derzeit eine Nachricht entgegen, wie sie leidgeprüfte Kassenpatienten bereits aus vielen Facharztpraxen kennen. Die Kernbotschaft: Wenn Sie hier nicht schon registrierter Patient und in Behandlung sind, dann wollen wir Sie nicht. Suchen Sie sich einen anderen Arzt. Das hört sich schlimm an und ist es auch, hat aber seine Gründe.

In seinem ziemlich textlastigen „Pop-up“ nimmt der Krifteler Mediziner Bezug auf die zum Jahreswechsel in Kraft getretene Abschaffung der Neupatienten-Regelung. Diese wiederum wurde erst 2019 im Zuge des Terminservice- und Versorgungsgesetzes eingeführt und sorgte, verkürzt gesagt, dafür, dass es sich für Ärzte finanziell lohnte, neue Kassenpatienten oder solche, die länger als zwei Jahre nicht mehr behandelt wurden, aufzunehmen.

Dies sei allerdings nach der Abschaffung der Regelung für 2023 nicht mehr möglich. Im Gegenteil: Gesetzlich versicherte Neupatienten könne man künftig nicht mehr aufnehmen, sogar bereits im vergangenen Jahr ausgemachte Termine für 2023 müsse man streichen. Das sorgte in den sozialen Medien für Ärger, schließlich scheinen Privatpatienten weiterhin willkommen. Nur: Das Thema ist komplex und lässt sich verkürzt kaum begreifen. Daher hat diese Zeitung bei Dr. Stephan Kehrein nachgefragt.

„Es wird an der falschen Stelle gespart“

Zum Termin in der modern eingerichteten Praxis im Ärztehaus an der Kapellenstraße hat der Arzt einen Notizblock bereitgelegt. Der Block ist leer und das aus gutem Grund: Der Mediziner veranschaulicht im Verlaufe des Gesprächs mit Skizzen und Diagrammen die komplizierten Sachverhalte. Wie Ärzte die Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten abrechnen, ist im Groben dem einen oder anderen wahrscheinlich bekannt: Die Krankenkassen stellen für die ambulante Versorgung ihrer Versicherten ein bestimmtes Budget zur Verfügung - die sogenannte Gesamtvergütung. Das Geld wird über die einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen an die Ärzte verteilt. Unterschieden wird in morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) und extrabudgetäre Gesamtvergütung (EGV). Leistungen, die unter die EGV fallen, werden zu 100 Prozent vergütet, Leistungen der MGV werden hingegen in großen Teilen nur quotiert vergütet. So weit, so gut.

„Hessen ist dabei allerdings ein bundesweiter Ausnahmefall“, erklärt Dr. Kehrein und zeichnet einen Kreis auf seinen Block. Dieser steht für einen großen Topf der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung. Die Budgets sind fix, nicht aber die Anzahl an Behandlungen von Patienten. Heißt: Werden mehr Behandlungen vorgenommen als kalkuliert, sinkt der Wert, der den einzelnen Ärzten bei der Abrechnung zusteht. „Man weiß daher erst am Ende einer Abrechnung, wie viel Geld man tatsächlich bekommt“, sagt Dr. Kehrein.

In der Neupatienten-Regelung wurde festgehalten, dass neue Kunden allerdings extrabudgetär, also zu hundert Prozent, vergütet werden. Um den Mehraufwand dafür sowie für die gleichzeitig eingeführte offene Sprechstunde zu bewältigen, haben Praxen meist personell aufgestockt. Insgesamt ergab sich eine Win-win-Situation, sagt Dr. Kehrein: Es wurde mehr gearbeitet, dafür gab es aber auch mehr Vergütung. So weit, so gut.

Dass nun diese Regelung abgeschafft wurde, Neupatienten wieder quotiert abgerechnet werden müssen, die offenen Sprechstunden aber erhalten bleiben sollen, bedeutet: Weiterhin mehr Aufwand bei geringerem Ertrag. „Corona war teuer, und die Bundesregierung will die Pandemie offensichtlich so nun gegenfinanzieren“, ist Dr. Kehrein überzeugt. Angesichts eines Rekorddefizits bei den gesetzlichen Krankenkassen von 17 Milliarden Euro kann er den Sparkurs generell nachvollziehen, allerdings sagt der Augenarzt: „Es wird an der falschen Stelle gespart.“ Und ein weiterer bürokratischer Kniff zieht die Daumenschrauben bei den Ärzten weiter an.

„Als Arzt kann man nicht einfach mehr arbeiten, um mehr zu verdienen“, erklärt Dr. Kehrein. Wie viele Patienten in einer Praxis behandelt werden können, werde durch zwei Bezugswerte reguliert. Zum einen wird für jede Fachgruppe pro Quartal eine durchschnittliche Fallzahl errechnet. Wird diese von einer Praxis überschritten, wird der Vergütungsbetrag schrittweise abgesenkt. Ab einer bestimmten Anzahl von Patienten wird gar nicht mehr vergütet. Zum anderen darf eine Praxis pro Quartal nur fünf Prozent mehr Patienten behandeln als im Vorjahresquartal. „Sonst wird einem indirekt Abrechnungsbetrug vorgeworfen“, erklärt Dr. Kehrein. Zusätzliche Brisanz erhält diese Regulierung, da nach Abschaffung der Neupatienten-Regelung die Fallzahlen der Vorjahresquartale um die damaligen Neupatienten bereinigt seien. Dr. Kehrein gibt ein fiktives Beispiel: „Wurden im vergangenen Quartal 1600 Patienten behandelt, davon 150 neue, dann beträgt der neue Bezugswert jetzt nur noch 1450 Patienten.“

So verdienen Praxen jetzt nicht nur weniger, unter Umständen könnten sie unter den Verdacht des Abrechnungsbetrugs geraten. Deswegen hat Dr. Kehrein einen Aufnahmestopp für gesetzlich versicherte Neupatienten für seine Praxis ausgerufen. Er kenne Kollegen, die diesen bürokratischen Aspekt des Berufs weniger fest im Blick hätten. „Wenn man allerdings eine Praxis mit 16 Mitarbeitern hat, dann ist es zwingend notwendig, sich mit den betriebswirtschaftlichen Themen zu befassen“, sagt er, „denn am Ende des Monats muss immer mindestens eine schwarze Null stehen.“ Gehälter müssten bezahlt und die Rechnungen für die inflationsbedingt stark angestiegenen Betriebskosten beglichen werden. Stellen möchte er in seiner Praxis jedoch nicht abbauen.

Kassenpatienten nur noch als Selbstzahler

„Die einzige Stellschraube, an der wir jetzt drehen können, ist die Anzahl der Privatpatienten“, erklärt der Mediziner. Da die Gebührenordnung für Ärzte seit zwanzig Jahren unverändert sei, könne man nur mehr Geld verdienen, wenn man mehr Privatpatienten behandele. Der Leidtragende sei der Kassenpatient, dem man nur anbieten könne, als Selbstzahler für die medizinische Behandlung gänzlich selbst aufzukommen. „Ich bin der Überzeugung, dass das politisch genau so gewollt ist“, sagt Dr. Kehrein.

Das Papier im Block ist voll. Dr. Stephan Kehrein schaut auf seine Armbanduhr. „Wir haben jetzt 23 Minuten gesprochen. Hätte ich diese Zeit, um Patienten an der Anmeldung die Dinge zu erklären, dann glaube ich, würden viele empathisch reagieren“, sagt er. Diese Zeit gebe es aber nicht. Dass viele abgewiesene Patienten „impulsiv“ reagieren, sei verständlich. Dr. Kehrein macht auch aus seiner eigenen Frustration keinen Hehl. Er ist - verkürzt gesagt - sauer auf die Politik.

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