Sein Gesicht hat der Todesfahrer stets vor der Öffentlichkeit verborgen. Auch hier, neben seinen Verteidigern, bei der Urteilsverkündung im Februar 2018 vor dem Frankfurter Landgericht.
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Sein Gesicht hat der Todesfahrer stets vor der Öffentlichkeit verborgen. Auch hier, neben seinen Verteidigern, bei der Urteilsverkündung im Februar 2018 vor dem Frankfurter Landgericht.

Thielsch-Prozess

Kriftel: Das schier endlose Warten auf ein Urteil

  • Ulrike Kleinekoenen
    vonUlrike Kleinekoenen
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Fast sechs Jahre nach dem grauenhaften Tod von Silke Thielsch gibt es immer noch kein rechtskräftiges Urteil. Der Täter, der die Frau mehr als 400 Meter mit seinem Mercedes mitschleifte, ist auf freiem Fuß. Dass ein neues Gerichtsverfahren in diesem Jahr stattfindet, ist zumindest "realistisch".

Kriftel -"Das kann doch nicht sein! Vor über fünfeinhalb Jahren wurde die Silke tot gefahren. Und der, der das getan hat, der ist immer noch auf freiem Fuß", empörte sich kürzlich eine Kriftelerin, als sie ihrem Zorn bei einem Anruf in der Redaktion Luft machte. Nein, ihren Namen möchte die ältere Dame nicht veröffentlicht haben, aber sie wisse ganz genau, dass sich nicht nur viele Bürger in der Obstbaugemeinde fragen: "Warum dauert das so lange, bis endlich ein Urteil gefällt wird?"

Ein kurzer Rückblick: Es war der 6. September 2015. Nach dem Besuch eines Hoffestes stand die Team-Managerin der Damen-Handballmannschaft der Turn- und Sportgemeinde (TuS), Silke Thielsch, mit ihrem Lebensgefährten an einem Zebrastreifen der Straße "Auf der Hohlmauer". Das Paar küsste sich. Ein damals 25 Jahre alter Mercedes-Fahrer hatte zunächst an dem Überweg angehalten. Der Lebensgefährte signalisierte dem Autofahrer, er solle doch um sie herum fahren. Doch der Student fuhr langsam an, stoppte noch einmal und trat dann aufs Gaspedal. Silke Thielsch wurde auf die Motorhaube geschleudert. Trotzdem fuhr der junge Mann weiter, durch den Kreisel. Die damals 41-Jährige rutschte unter das Auto und wurde mitgeschleift, mehr als 400 Meter. Erst hinter der Kreuzung mit der L 3011 endete die furchtbare Todesfahrt. Für Silke Thielsch kam jede Rettung zu spät. Der Lebensgefährte war bei dem Unfall am Zebrastreifen schwer verletzt worden.

Die 21. Strafkammer des Landgericht Frankfurt hatte den Mercedes-Fahrer im Februar 2018 zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt - wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft hatten gegen das Urteil Revision eingelegt. Am 25. April 2019, morgen auf den Tag genau vor zwei Jahren, kassierte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Urteil des Landgerichts. Die Richter in Karlsruhe hatten im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwalt stattgegeben, die ein höheres Strafmaß für den Rüsselsheimer Studenten gefordert hatte.

Warum dauert es so lange?

Im Mittelpunkt des neuen Verfahrens dürfte die Frage stehen, inwieweit dem 25-Jährigen vorsätzliches Handeln unterstellt werden kann. Doch wann geht es endlich weiter? Wann wird das Verfahren vor der 22. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts neu aufgerollt? Warum dauert es so lange?

Der Grund liege in den bei der Schwurgerichtskammer anhängigen Haftsachen, die nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und der Oberlandesgerichte zu priorisieren seien, erklärt der Sprecher des Landgerichts Frankfurt, Werner Gröschel. Hinzu komme, dass die pandemiebedingten Einschränkungen die Durchführung der Hauptverhandlungen vor den Schwurgerichten, aber auch die Termine der anderen Strafkammern, nicht gerade vereinfachen würden. Vereinzelt seien Hauptverhandlungstermine ausgefallen, wobei allerdings nicht ausschließlich Coronainfektionen oder vorsorgliche Quarantäneanordnungen der Grund gewesen seien. Abgesehen von temporären Verzögerungen hätten diese Terminaufhebungen bei den Schwurgerichten jedoch bisher nicht dazu geführt, dass es zu überdurchschnittlich langen Hauptverhandlungen gekommen ist.

Derzeit lasse sich keine verlässliche Prognose abgeben, wann das Verfahren gegen den Todesfahrer von Silke Thielsch neu verhandelt wird. Der Sprecher des Landgerichts lässt sich dann jedoch noch auf eine vage Tendenz ein: "Ich glaube allerdings, dass ein Prozessauftakt in diesem Jahr realistisch sein dürfte."

Für die erboste Kriftelerin, aber auch viele Bekannte und Freunde der Verstorbenen ist dies keine befriedigende Auskunft. Erst recht nicht für die Angehörigen, die seit Jahren darauf warten, dass der Mercedes-Fahrer, der nach wie vor auf freiem Fuß ist, seine Strafe bekommt und zumindest das furchtbare Geschehen juristisch einen Abschluss findet.

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