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Mit Abstand und Masken in Raum 220: Realschulzweigleiter Dr. Christoph Richter und seine Schüler aus der geteilten Klasse R10B. Foto: van de Loo

Weingartenschule

Kriftel: Der Frontalunterricht feiert Auferstehung

So läuft Schule im Krisen-Modus: 101 von 850 Kindern besuchen zurzeit die WGS. Der Sound des Alltags fehlt komplett.

Kriftel -Schon von weitem zeigt die sonst vertraute Weingartenschule (WGS) ein anderes Gesicht. Rotweiße Absperrbänder flattern im Wind. Die kennt man sonst nur von einer Tatortabsperrung. Hier sollen sie Besucher vom Schulgelände fernhalten.

Nichts ist eben normal in diesen Krisenzeiten. Der Sound des Alltags fehlt komplett. Kein Schreien, Rufen, Lachen, Gejohle. Das Grundrauschen der Schule ist abgestellt. Schüler hört und sieht man nicht. Dabei sind seit Montag vor einer Woche wieder welche da. Aber eben nur 33 aus dem Hauptschulzweig und 68 aus dem Realschulzweig von der sonst 850 Kinder zählenden Schülerschaft. Sie werden ihren Abschluss dieses Jahr machen und dürfen zwecks Prüfungsvorbereitung kommen.

Die um die 16 Jahre alten Prüflinge der geteilten Klasse R10B sitzen in Raum 220 und folgen den mathematischen Ausführungen von Dr. Christoph Richter, Realschulzweigleiter und Mathelehrer. Natürlich mit dem geforderten Abstand von zwei Metern, wie sie der Situation und dem hessischen Hygieneplan entsprechen. An der Wand des Klassenzimmers prangt ein programmatischer Spruch: Together Everyone Achives More - Zusammen erreicht jeder mehr! Die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort TEAM.

Ein Imperativ, der mittlerweile aus der Zeit gefallen ist. Denn Teamarbeit in Gruppen wird es in den Schulen nicht mehr so schnell geben. Das finden nicht alle Jugendlichen schlecht: "So kann ich mich stärker auf den Lehrer und den Stoff konzentrieren", erklärt Laura, und ihre Mitschülerin Malea ergänzt: "Ich vermisse die Gruppen nicht. So bin ich viel fokussierter auf die Inhalte".

Der gute alte Frontalunterricht feiert seine Wiederauferstehung. Denn der Mindestabstand ist einzuhalten. Das steht nicht nur auf den eigens von der Schulleitung entworfenen Buttons. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. Aber funktioniert das denn auch?

"In der Schule von Anfang an", bestätigt die kommissarische Schulleiterin Elke Wetterau-Bein. "Im Vorfeld haben unsere Hausmeister dafür gesorgt, dass in den Räumen die Tische und Stühle den richtigen Abstand haben und dass genug Seife und Papierhandtücher vorhanden sind." Sie habe am Wochenanfang jeden einzelnen Schüler in angemessenem Abstand am Eingang persönlich begrüßt. Alle hätten sich vorbildlich verhalten, und auf den vorher aufgemalten Stellkreuzen mit ihren Masken gewartet, bis sie einzeln eingelassen wurden. "Wir waren bestens vorbereitet", sagt Wetterau-Bein, "unsere Schule hat in jedem Klassenraum ein Waschbecken." Die Hausmeister haben Einzelhandtuchspender installiert.

Am Montag standen zwei Lehrer als Eingangskontrolle am Haupteingang. Im gebotenen Abstand durften die Schüler die Schule betreten, zu ihren Räumen gehen und nach dem Händewaschen ihren Sitzplatz einnehmen. Mittlerweile hat sich dieses Prozedere eingespielt. Auch die Pausen sind gut geregelt. Wetterau-Bein: "Jede Klasse hat zu festen Zeiten eine Aufsichtskraft, die dann auch wieder für die geordnete Rückkehr in den Unterrichtsraum sorgt. Es dürfen nur jeweils 15 Jugendliche zur gleichen Zeit mit Gesichtsmaske auf den Hof. Eine Lehrkraft führt Aufsicht. Bislang hat alles tadellos funktioniert", so das Resümee der Schulleiterin.

Obwohl, das mit den Masken sei nicht so einfach gewesen, weiß Schülerin Anna. Es sähe seltsam aus und gut Luft bekäme sie auch nicht. Die Situation verlange es halt, gibt sich Antonia einsichtig und sieht sonst in der speziellen Schulsituation auch Vorteile: "Wir sind wenige, haben weniger Fächer und werden besser, die Stimmung ist entspannt." Das bestätigt auch Dr. Richter: "Es ist für diese Abschlussklassen gut, dass sie sich auf die Hauptfächer konzentrieren können." Die Leistungsbereitschaft steigere sich deutlich, und die Prüflinge hätten mehr davon, prophezeit der Leiter des Realschulzweiges.

Man werde weniger abgelenkt, stimmt Anna zu. Weniger Schüler hieße eben auch weniger Lärm und weniger Stress. Diese Meinung teilen aber nicht unbedingt alle in der geteilten R10B. Vier Schüler haben die Schule zu Hause sogar genossen. Abdez spricht stellvertretend für die Gruppe: "Zu Hause war es besser, da konnten wir uns die Zeit selbst einteilen", lautet seine Einschätzung. "Es ist jetzt komisch jeden Tag in der Schule mit dem ständigen Abstandhalten", meint Elias. Daheim könne er sich freier bewegen.

Dass sich die Weingartenschule anders als viele andere Schulen entschlossen hat, die Abschlussklassen jeden Tag zu unterrichten, hält Dr. Richter für einen Vorteil: "So bleiben sie bis zu ihrem Abschluss ohne Unterbrechung dabei." Eigentlich alle haben sich sehr auf ihre Schule gefreut. Da gehöre man doch irgendwie hin, lautet der Tenor der meisten Anwesenden.

Ein erster Schritt. "Wenn das noch lange dauert, wird es stressig", meint Julie. Die Schüler möchten in der WGS endlich wieder zusammen lachen, sich abklatschen, umarmen, auch mal trösten, rappen oder tanzen. Das wird dauern. Bis dahin ist Abstandhalten angesagt.

Alexander van de Loo

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