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Bei dem Urteilsspruch im Februar 2018 verdeckte der Angeklagte wie schon in den Prozesstagen zuvor sein Gesicht vor den Kameras. Neben ihm seine beiden Verteidiger. 

Alles wird auf Null gestellt

Wann beginnt der neue Prozess gegen den Todesfahrer von Silke Thielsch?

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Ende April hatte der BGH das Urteil des Landgerichts Frankfurt gegen den Todesfahrer von Silke Thielsch aufgehoben. Doch wann beginnt der neue Prozess?

Kriftel - Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hat vor knapp drei Monaten das Urteil des Landgerichts Frankfurt im Prozess um den Tod von Silke Thielsch aufgehoben und an das Frankfurter Landgericht zurückverwiesen. Doch wann dort der neue Prozess eröffnet wird, ist noch völlig unklar. 

Im Februar 2018 war der Mercedes-Fahrer, der im September 2015 Silke Thielsch und ihren Lebensgefährten am Zebrastreifen "Auf der Hohlmauer" angefahren und die 41-jährige Teammanagerin der Damen-Handballmannschaft der Turn- und Sportgemeinde (TuS) zu Tode mitgeschleift hatte, in Frankfurt zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Gegen das Urteil hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Revision eingelegt.

Beginn des neuen Prozesses steht noch nicht fest – Bruder von Silke Thielsch hofft auf "härtere Strafe"

An der mehrstündigen Sitzung des 4. Strafsenats am BGH in Karlsruhe hatten am 25. April neben dem Lebensgefährten auch der Bruder der Getöteten sowie einige Freunde und Bekannte aus Kriftel teilgenommen. Der BGH verwies das aufgehobene Urteil an eine andere als Schwurgericht zuständige Strafkammer des Frankfurter Landgerichts. Dort gibt es zwei Strafkammern. Nachdem die 21. für den ersten Prozess zuständig war, wird die Neuauflage dann vor der 22. Strafkammer verhandelt, der jetzt der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt vorsteht.

Doch wann der neue Prozess gegen den Todesfahrer von Silke Thielsch beginnen wird, das steht derzeit noch völlig in den Sternen. Auf eine zeitliche Einschätzung will sich der Pressesprecher des Landgerichts, Werner Gröschel, auch überhaupt nicht einlassen. Es wären in der Kammer vorher noch Haftsachen zu verhandeln, die Priorität hätten, da die Angeklagten in Untersuchungshaft sitzen. Das ist hier nicht der Fall. Der Angeklagte im Thielsch-Prozess ist nach wie vor auf freiem Fuß. Und dann müssten sich die Richter auch noch in den gesamten und sehr komplexen Sachverhalt einlesen, gibt Gröschel zu bedenken.

Vor allem wird spannend sein, wie die 22. Strafkammer die vorliegenden Fakten bewerten wird. Nach der Sitzung des BGH hatte der Bruder von Silke Thielsch erklärt, er hoffe auf eine "härtere Strafe". Eine Hoffnung, die nicht unbegründet scheint. In seinem Urteil hatte der BGH nämlich mit sehr deutlichen Worten die Bewertung des Landgerichts bemängelt. Aus der Begründung des BGH ist auch herauszulesen, dass die Karlsruher Richter der Auffassung sind, dass das Strafmaß des Landgerichts zu milde ausgefallen ist, und folgen damit der Staatsanwaltschaft, die eine höhere Strafe gefordert hat.

Bundesgerichtshof rollt Geschehnisse der Nacht im September 2015 noch einmal haarklein auf

In seiner Urteilsbegründung hat der BGH noch einmal das Geschehen in der Tatnacht haarklein aufgerollt. Der Angeklagte hatte sich mit seinem Mercedes an dem Abend dem Zebrastreifen genähert, an dem Silke Thielsch und ihr Lebensgefährte eng umschlungen standen. Der Lebensgefährte hatte dem Autofahrer deutlich gemacht, um sie herumzufahren. Darauf reagierte der junge Mann hinter dem Steuer seines Mercedes gereizt und stoppte zwei Meter vor dem Pärchen, rollte dann etwas vor, stoppte noch mal. 

Die beiden Mit-Insassen auf der Rückbank des Wagens versuchten, den Fahrer zu beruhigen und forderten ihn auf, "mit sowas" aufzuhören. Der Angeklagte fuhr jedoch mit normaler Startgeschwindigkeit an und erfasste das Paar. Der Angeklagte habe dies so auch vorausgesehen. "Dass sich beide als Folge des Zusammenstoßes mit dem Fahrzeug auch schwer verletzen könnten, damit fand er sich ab. Ihm war auch bewusst, dass aus dem Zusammenstoß auch tödliche Folgen resultieren konnten, vertraute jedoch darauf, dass dies nicht geschehen würde", heißt es in der 13 Seiten langen Urteilsbegründung des BGH.

Tod von Silke Thielsch: Im neuen Prozess werden "alle Uhren wieder auf Null gestellt"

Der Mercedes-Fahrer habe auch bemerkt, dass die 41-Jährige nach einigen Metern von der Motorhaube gerutscht war, so der BGH. Obwohl seine Mitfahrer schrien und ihn aufforderten, sofort anzuhalten, fuhr er weiter und beschleunigte noch. Silke Thielsch war nach dem Absturz von der Motorhaube unter das Fahrzeug geraten und fast 400 Meter bis hinter die Kreuzung der Landstraße mitgeschleift worden.

Dass die Strafkammer des Frankfurter Landgerichts einen bedingten Tötungsvorsatz in ihrem Urteil abgelehnt hatte, weil nicht erwiesen sei, dass der Angeklagte das Mitschleifen wahrgenommen habe, halten die Richter des BGH für schlichtweg "lückenhaft". Das Landgericht hätte sich vielmehr mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob dem Angeklagten "der als möglich erkannte Eintritt des Todes von Silke Thielsch gleichgültig war". Auch in der Neuauflage des Prozesses wird es um die Frage gehen, ob bei der grausamen Todesfahrt des inzwischen 29-jährigen Angeklagten von einem bedingten Tötungsvorsatz auszugehen ist.

In dem neuen Prozess würden "alle Uhren wieder auf Null gestellt", erklärt der Pressesprecher. Das heißt, der gesamte Fall wird noch einmal ganz neu aufgerollt. Es werden noch einmal Zeugen gehört, eventuell auch neue geladen, sagt Gröschel. Das Gericht werde auch schauen, ob eventuell weitere Gutachten erstellt werden müssen.

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