Mit Enkel Alexander (25) blättert Brigitte Jakobi gerne in ihren Fotoalben und schenkt ihm das eine oder andere Bild.
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Mit Enkel Alexander (25) blättert Brigitte Jakobi gerne in ihren Fotoalben und schenkt ihm das eine oder andere Bild.

90. Geburtstag

Kriftel: Ihre große Familie hält sie jung

  • Romina Kunze
    VonRomina Kunze
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Die ehemalige Krifteler Landwirtin Brigitte Jakobi wird heute 90 Jahre alt und hat viel zu erzählen.

Kriftel -Das große, massive Holztor in der Goethestraße ist immer abgeschlossen. Wenn Gäste zu Besuch kommen oder der Postbote klingelt, kommt Brigitte Jakobi persönlich aus dem Haus gelaufen, um zu öffnen. "Das kann einen Augenblick dauern", sagt sie an der Gegensprechanlage. "Ich bin ja noch ganz gut beieinander, aber ganz so schnell kann ich dann doch nicht mehr", sagt die Kriftelerin und steht kurz danach schon im Eingang. Gut beisammen ist sie, sogar topfit. Und nicht nur für ihr Alter. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Das Eingangstor zum ehemaligen Obsthof verriegelt Brigitte Jakobi aus gutem Grund: Denn vor einigen Jahren nutzte ein Einbrecher einen Moment der Unachtsamkeit aus und schlüpfte unbemerkt kurz nach ihr durch das unverriegelte Tor. "Der muss mir gefolgt sein", erzählt Jakobi. Sie brachte nur den Regenschirm in die Scheune, da stand der Unbekannte schon in ihrem Haus. Mit vereinten Kräften verjagten sie und ihre Tochter den Einbrecher.

Das Erlebnis mit dem ungebetenen Gast ist nur eines von vielen im Leben von Brigitte Jakobi. Ganze Bände könnte sie damit füllen - und das tut sie auch. Ihre beiden Enkel Alexander und Sebastian schenkten ihr mal zu Weihnachten ein leeres Buch und baten sie, ihre Lebensgeschichte darin aufzuschreiben. Von Kindheitserinnerungen, der Schulzeit oder auch Erzählungen darüber, wie sie den Krieg und die Zeit danach erlebte, finden sich in der Chronik. Einblick gewährt sie nur den Enkeln. "Die gebb ich net her", sagt die Hessin über die Bücher bestimmt, aber herzlich.

Ihr liebstes Kapitel aus ihrer Biografie schrieb sie gemeinsam mit ihrem Mann Herbert. Eine besonders schöne Erinnerung: Das erste Treffen der beiden. Mit einer Freundin wollte die gebürtige Zeilsheimerin damals auf den Hochheimer Markt. Die Fahrkarte für den Bus war schon fast gekauft, da kam ein junger Bursche auf einem Traktor vorbei. So viel sei vorweggenommen: Ihr künftiger Gatte war das nicht, aber ein Freund von ihm. Wo sie am Abend zum Tanzen hingehen würden, wollte er wissen. "Die jungen Männer kennen ja die Mädchen aus dem Nachbarort", erklärt Jakobi.

Kurzerhand verabredeten sie sich für den Abend im Kaiserhof in Hochheim. Eines kam zum anderen und ehe sie sich versah, hatte Brigitte Weil (so ihr Mädchenname) den ganzen Abend mit einem attraktiven jungen Mann das Tanzbein geschwungen. "Er konnte wirklich gut tanzen", erinnert sie sich an ihren späteren Ehemann, der sie am Ende des Abends - wie es sich für einen guten Kavalier gehört - bis an ihre Haustür brachte.

Schlechtes Omen: Ehering verloren

Fast 70 Jahre ist das her, knapp zwei Jahre später, 1957, folgte die Hochzeit im benachbarten Zeilsheim. Den besten Start nahm die Ehe allerdings nicht: Gleich im ersten Jahr als verheiratete Frau verlor Brigitte Jakobi den Ehering bei der Arbeit im Erdbeerfeld. Heute kann sie über das Malheur lachen, zumal sie rasch einen Ersatz bekam. Aber auch, weil sich das schlechte Omen nicht bewahrheitete: Noch im selben Jahr kam Tochter Adelheid zur Welt (1958), Regina (1960) und Sohn Matthias (1961) folgten bald. Fast zehn Jahre später vervollständigte Nachzüglerin Gudrun das Familienglück der Jakobis (1972).

Über 50 Jahre lebten und arbeiten Brigitte und Herbert Seite an Seite, zogen bald nach der Hochzeit auf den Hof nach Kriftel in Herberts Elternhaus. "Wir sind zusammen schlafen gegangen und zusammen aufgestanden", erzählt Brigitte Jakobi vom gemeinsamen Arbeitsalltag in der Landwirtschaft. Fremd war er ihnen nie, schon als Kinder mussten beide zu Hause bei der Feldarbeit mitanpacken.

Leidenschaft für Handarbeit

Nach der achten Klasse beendete Brigitte Jakobi die Schule und stieg als Landwirtschaftsgehilfin im Familienbetrieb ein. Dabei wollte sie eigentlich Schneiderin werden, eine Lehrstelle war auch schon gefunden. Da sie aber übers Elternhaus arbeiten konnte, ging der Platz an eine Klassenkameradin. Wer weiß, wie ihr Leben sonst ausgesehen hätte? Sie ist jedenfalls froh, dass es so und nicht anders gekommen ist. Der Leidenschaft für Handarbeit geht sie aber noch immer nach, strickt und häkelt gerne. Dicke Wollsocken oder Lavendelsäckchen, aus eigenem Anbau im Garten. Ohne den geht es nicht. Die Obstfelder gibt es indes längst nicht mehr.

Bei der Feier ihres 90. Geburtstages wird der Platz von Ehemann Herbert freibleiben. Fast acht Jahre ist sie nun schon ohne ihn. Im Sommer 2014 verstarb er nach einer Kerbs-Erkrankung im Alter von 86. Einsam ist sie nicht, dafür sorgen vier Kinder, sieben Enkel und zwei Ur-Enkel. Die halten sie auf Trapp und letztlich jung. "Da kann man gar nicht alt werden, wenn so viele Kinder im Haus sind", sagt sie. Außerdem Teil ihres "Geheim-Rezepts" gegen das Altern: Jeden Abend ein Glas Äppler aus eigener Kelterei.

Der Pandemie geschuldet will sie heute in kleinerem Kreis feiern und in ein Restaurant gehen. Ein eher seltener Fall, bei den Jakobis. Dafür kocht Brigitte Jakobi auch viel zu gerne; und zu gut, wie Enkel Alexander einwirft.

Rückblick: Brigitte Jakobi mit Ehemann Herbert bei der Arbeit auf dem Obstfeld.

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